Fact Check: 18 Kernkraft-Mythen von Harald Lesch

Harald Lesch ist ein Verteidiger der Wissenschaft. Warum aber verbreitet er einfach widerlegbare Mythen über die Kernkraft?

Alpha Centauri mit dem Astrophysiker Harald Lesch ist großartig. Die Sendung war in den Nuller Jahren ein früher Vorläufer der heutigen Youtube-Wissenschaftskanäle.

Wenn dir unser Universum nicht völlig egal ist, kann ich die Astronomie-Sendung auch heute noch empfehlen.

Harald Lesch widmet sich mittlerweile als Wissenschaftsjournalist politischen Themen auf dem Youtube-Kanal Terra X Lesch & Co.

Dort trägt er auch 18 Mythen über Kernkraftwerke zusammen. Die zivile Kernkraft ist in Deutschland ein äußerst politisches Thema.

Harald Lesch entlarvt diese Mythen aber nicht als solche. Ganz im Gegenteil, er verteidigt Falschaussagen, als wäre er selbst ein Kernkraftgegner.

Das ist ungefähr so schockierend, als ob Harald Lesch den menschengemachten Klimawandel anzweifelt und Argumente von Klimawandelleugnern vorträgt.

Das schreit nach einem Fact-Check

Fact Check: 3 Anti-Kernkraft-Videos von Harald Lesch

Die 18 Mythen sind in zeitlicher Reihenfolge sortiert. Du kannst so die Videos nebenbei schauen und stoppen um zu lesen. Neben jedem Mythos ist außerdem ein Link auf die genaue Stelle im Video.

Zum ersten Video gibt es eine Video-Antwort von Simeon Preuß, wenn dir das lieber ist. Mein Text geht aber in eine etwas andere Richtung.

Dieser Artikel wurde eine Woche vor dem 3. Video veröffentlicht. Das dritte Video hat noch ein paar Mythen nachgeliefert und eine Aktualisierung notwendig gemacht.

Ein halbes Jahr später kam schon wieder ein Video von Lesch zur Kernkraft. Diesmal räumt er ein, dass es nur mit Wind und Solar nicht geht. Die Kernkraft-Mythen wiederholt er aber nach wie vor und wartet lieber weiter auf die Fusionsforschung…

1. Mythos: Uranvorkommen reichen nur noch 130 Jahre

Wie lange reichen die Uranvorkommen - Fact Check: 18 Kernkraft-Mythen von Harald Lesch

01:58 Harald Lesch: “Zum Beispiel, die OECD, die schätzt, dass die Uranvorkommen auf der Welt ungefähr noch 130 Jahre reichen werden.”

130 Jahre sind sogar eine Größenordnung zu viel. Nur 12,7 Jahre könnten wir den gesamten Weltenergieverbrauch mit den bekannten förderbaren Uranvorkommen decken.

Beim aktuellen Uranpreis von 80 USD pro Kilogramm lohnt es sich aber bereits Uran aus dem Meerwasser zu extrahieren.1 Wenn wir nur 10% des Meerwasser-Urans extrahieren, können wir mit Uran die Welt 433 Jahre komplett versorgen.

An diesem Punkt können wir aufhören uns um Uranvorkommen Sorgen zu machen. 433 Jahre Reichweite mit aktueller Technologie sind mehr als genug Zeit um Alternativen zu finden. Zum Vergleich: wir nutzen Kohle erst seit 140 Jahren.

Uran reicht aber viele Millionen Jahre. Unsere Leichtwasserreaktoren nutzen weniger als 1 Prozent des Urans als Brennstoff. Durch Schließen des Brennstoffkreislaufes mit schnellen Reaktoren können wir rund 150 Mal mehr Energie aus den gleichen Uranvorkommen erzeugen.

Mit einem geschlossenem Brennstoffkreislauf reicht sogar der jährliche Zufluss von 32.000 Tonnen Uran durch Erosion in das Meerwasser um jedes Jahr das 4,5-fache des Weltenergieverbrauchs zu erzeugen. 2 Moderne Kernkraft ist nicht ohne Grund als erneuerbare Energie definiert.

2. Mythos: Kernkraft macht nur 4% der Primärenergie aus

Primaerenergieverbrauch weltweit nach Energiequelle - Fact Check: 18 Kernkraft-Mythen von Harald Lesch

02:43 Harald Lesch: “Es sind- 80 % kommen von fossilen Rohstoffen oder von fossilen Ressourcen und nur 4 % von der Kernkraft.”

Es stimmt, die Kernkraft stellt nur 4% der Primärenergie. Wasserkraft stellt 6%, Wind stellt 2% und Solar nur 1,3%. Sollen wir auf Wasserkraft, Kernkraft, Solar und Wind verzichten? Too little, too late?

Natürlich hat Harald Lesch recht, dass das viel zu wenig klimafreundliche Energie ist. Aber nicht der heutige Anteil ist entscheidend, sondern die Zubaugeschwindigkeit. Und die ist bei Kernkraft viel höher als bei Solar und Wind. 3

Wie Harald Lesch sagt stellen Kohle, Öl und Erdgas rund 80% des Energiebedarfs. Wenn wir die Fossilen und Biomasse ersetzen wollen, brauchen wir alle klimafreundlichen Energien, vor allem die schnell zubaubare Kernkraft.

3. Mythos: Kernkraftwerke führen zu Atombomben

08:13 Harald Lesch: “Ja dann entsteht dabei ja jede Menge Plutonium. Plutonium kann ja für nukleare Waffensysteme verwendet werden.”

Ammoniak kann theoretisch zum Bombenbau verwendet werden. Die riesige Explosion im Hafen von Beirut 2020 war eine solche “Bombe”. Sollten wir deshalb auf Dünger verzichten?

Noch nie in der Geschichte der Menschheit wurden kommerzielle Kernkraftwerke eingesetzt um waffenfähiges Plutonium zu erbrüten. Das ist viel zu umständlich und teuer.

Um waffenfähiges Uran anzureichern brauchst du nicht mehr als eine große Zahl von Zentrifugen. Israel und Nordkorea haben Atombomben und keinen einzigen kommerziellen Kernreaktor im Land.

4. Mythos: Es gibt keine tiefengeologischen Endlager

endlager karte deutschland - Fact Check: 18 Kernkraft-Mythen von Harald Lesch

08:30 Harald Lesch: “Es gibt kein einziges Endlager auf der Welt.”

Allein in Deutschland gibt es mehr als 40 tiefengeologische Endlager, davon 2 für Atommüll: Morsleben und Schacht Konrad.

Wir haben in Deutschland sogar das größte Endlager der Welt. In Herfa-Neurode sind auf der Fläche von München Millionen Tonnen Müll bis in alle Ewigkeit eingelagert.

5. Mythos: hohe Subventionen für Kernkraftwerke

11:34 Harald Lesch: “Wenn man sich anschaut, mit welchen Subventionen zum Beispiel selbst in Großbritannien heute Kernkraftwerks-Neubauten finanziert werden müssen”

Hinkley Point Block C ist der Kernkraftwerksneubau, den Harald Lesch meint. Es ist ein Prototyp des neuen EPR-Designs. Der Contract for Difference (CfD) liegt tatsächlich bei £90 pro MWh. Der CfD für Offshore Wind im gleichen Zeitraum war mit £140-150 pro MWh allerdings mehr als 150% so teuer. 4 Und das ist ein CfD, also ein Differenzvertrag. Das heißt, die tatsächliche Höhe der Subventionszahlungen für die Windprojekte dürfte pro kWh bei einem Vielfachen von denen für Hinkley Point C liegen.

Wenn Windkraft in Großbritannien extrem hoch subventioniert wird, dann muss man eben auch andere klimafreundliche Erzeuger wie die Kernkraft oder Photovoltaik subventionieren, sonst investiert niemand. Subventionen haben aber grundsätzlich nichts mit den Kosten zu tun. Unsubventionierte Kernkraftwerke sind sehr viel günstiger als unsubventionierte Solaranlagen und Windräder, siehe Mythos Nr. 10 & 11.

Übrigens, in Deutschland mussten kommerzielle Kernkraftwerke noch nie subventioniert werden. 5

6. Mythos: 100% Erneuerbare sind kein Problem

12:11 Harald Lesch: “Dazu brauchen wir eine etwas andere Infrastruktur. Man braucht vor allen Dingen mehr Energiespeicher. Man braucht vielleicht auch vernetztere Netze usw. Aber das ist alles viel ungefährlicher und viel unproblematischer”

Wir brauchen nicht “mehr Energiespeicher”. Wir haben noch gar keine Speicher mit großen Kapazitäten. Ja wir haben noch nicht einmal erprobte Speichertechnologien um auch nur theoretisch den Energiebedarf eines Landes mehrere Tage zu speichern.

Die fehlenden Speicher sind nicht “unproblematischer”, sondern das KO-Kriterium für ein Energiesystem mit 100% Erneuerbaren. Die aktuelle Speichertechnologie gibt das nicht einmal annähernd her.

Technologie schreitet voran, aber wir können nicht den Erfolg der Energiewende darauf verwetten, dass es in den nächsten Jahren einen gewaltigen Durchbruch bei Energiespeichern gibt.

7. Mythos: Strahlenfolgen für die Bevölkerung in Fukushima

Tote Fukushima Tohoku Erdbeben 2011 - Fact Check: 18 Kernkraft-Mythen von Harald Lesch

03:57 Harald Lesch: “Anders sieht es aus bei dem kindlichen Schilddrüsenkrebs. Da war es so, dass der normale Erwartungswert wären 10 Fälle in der Region Fukushima. Jetzt hat man 167 Fälle entdeckt, die operiert werden mussten.”

Diese Fälle von Schilddrüsenkrebs wurden gefunden, als man kurz nach dem Reaktorunfall die Ausgangslage für langjährige Beobachtungen klären wollte. Es wurde vorher noch nie ein großer Teil der Bevölkerung ohne Symptome gescreent. Es gab also keinen Erwartungswert, man bestimmte damit den Erwartungswert.

Strahlenfolgen können das so früh gar nicht gewesen sein. Es dauerte selbst bei den um Größenordnungen höheren Mengen radioaktives Jod in Tschernobyl 5 Jahre, bis zu den ersten Fällen von Schilddrüsenkrebs. 6

In Fukushima war die Strahlenbelastung für die Bevölkerung viel niedriger als in Tschernobyl. Das UN-Expertengremium UNSCEAR erwartet überhaupt keine Strahlenschäden durch Fukushima, insbesondere keinen Schilddrüsenkrebs. 7

8. Mythos: Allgemeinheit zahlt den Rückbau der AKWs

06:05 Harald Lesch: “Das ist angesichts der Kosten, die wir beim Rückbau zu bezahlen haben, Rückbau der Atomkraftwerke von 20 bis 25 Milliarden, ist das eigentlich gar nichts.”

Ja, der Rückbau aller AKWs in Deutschland kostet rund 15 bis 25 Milliarden Euro. 8

Aber nicht wir zahlen diese Kosten, sondern die Betreiber. Die haben über die Betriebsjahre Rückstellungen gebildet, um den Rückbau zu finanzieren.

Umgerechnet auf den in Deutschland insgesamt erzeugten Atomstrom, liegen die Rückbau-Kosten bei rund 0,1 Cents pro kWh. Das ist günstiger als der Rückbau von Windrädern.

Die Rückbaukosten pro kWh wären noch günstiger, wenn man die Kernkraftwerke nicht vorzeitig aus politischen Gründen abschalten würde.

9. Mythos: Keine Stromimporte durch Atomausstieg

Stromimporte in Deutschland - Fact Check: 18 Kernkraft-Mythen von Harald Lesch

07:01 Harald Lesch: “Musste jetzt Deutschland nach dem Ausstieg aus der Kernkraft auf einmal Atomstrom von woanders einkaufen? Zum Beispiel aus Frankreich. Die Antwort ist: Nein. Seit 2002 verkaufen wir nur noch Strom. Wir importieren gar nichts mehr.”

Keine Stromimporte seit 2002?? Natürlich importieren wir Strom, auch aus französischen, schwedischen, niederländischen, belgischen, tschechischen und schweizerischen Kernkraftwerken. In naher Zukunft werden wir sogar Atomstrom aus Polen importieren.

2020 haben wir fast 50 TWh importiert und die Jahre vorher um die 40 TWh. 9 Das waren 2020 knapp 10% des deutschen Stromverbrauchs.

Harald Lesch rechnet das Jahresmittel von Exporten und Importen auf, als ob die Exporte bei Sonnenschein im Juli die Importe bei Dunkelflaute im Januar einfach ungeschehen machen.

Das ist so als ob du deine Heizung verkaufst, weil die Jahresmitteltemperatur in Deutschland bald bei 15 Grad Celsius liegt. Das heißt doch nicht, dass es niemals kalt wird…

10. Mythos: Gestehungskosten ohne Systemkosten

Systemkosten Solarstrom in Deutschland - Fact Check: 18 Kernkraft-Mythen von Harald Lesch

08:04 Harald Lesch: “schauen wir uns mal eine Vollkostenrechnung an, nämlich den Neubau einer Anlage, den Betrieb einer Anlage, die Rohstoffkosten und den Abbau einer Anlage.”

Harald Lesch schlägt eine “Vollkostenrechnung” vor, aber berücksichtigt nur die Gestehungskosten.

Insbesondere unterschlägt er die Integrationskosten in das Stromnetz: 10

  • Netzkosten
  • Kosten für Backup
  • Kosten für Regelenergie
  • Kosten für Überproduktion
  • Kosten für Volllaststundenreduktion

Diese Systemkosten sind bei Wind und Solar deutlich teurer als bei konventionellen Kraftwerken. Sie wachsen außerdem bei wetterabhängigen Erneuerbaren überproportional mit weiterem Zubau.

In Deutschland sind die Systemkosten von Wind und Solar bereits höher als ihre Gestehungskosten. Und sie steigen immer mehr, siehe Vollkosten für Deutschland inklusive Systemkosten.

11. Mythos: Kernkraft wird immer teurer

Vollkosten nach Energiequelle in Deutschland - Fact Check: 18 Kernkraft-Mythen von Harald Lesch

09:09 Harald Lesch: “Also trotz jahrzehntelanger Entwicklung und Verbesserung der Kraftwerkstechnologie ist die Kernkraft heute ökonomisch tot, weil sie zu teuer ist.”

Harald Lesch beruft sich im Video ausgerechnet auf Lazard Levelized Costs of Interest. Lazard ist eine äußerst parteiische Quelle aus mehreren Gründen:

  • betrachtet nur die USA, wo Kernkraftwerke rund vier mal so teuer sind wie im Rest der Welt 11
  • senkt die Laufzeiten von Kernkraftwerken auf nur 40 Jahre statt 60 Jahre, was die Kosten auf 150% erhöht
  • verwendet einen Abzinsfaktor von 10% statt 3-5%, was die Kosten von Kernkraft im Vergleich zu Solar mehr als verdreifacht 12

Allein diese drei Annahmen erhöhen den Preis von Kernkraftwerken im Lazard Report um den Faktor 18 gegenüber anderen LCOE-Studien. Und Kernkraft wird auch nicht immer teurer. Wenn man einen Reaktor in Serie baut, wird es immer günstiger.13

In den USA haben Solar und Wind außerdem deutlich bessere Standortfaktoren. Lazard geht von 30% Kapazitätsfaktor bei Solar und 55% bei Wind aus, verglichen mit 10% und 25% in Deutschland. Photovoltaik in Deutschland ist also drei Mal teurer und Windkraft mehr als doppelt so teuer, wie von Lazard dargestellt.

12. Mythos: Es gibt mehr Störfälle je älter ein AKW ist

09:56 Harald Lesch: “Je älter die Anlage ist, umso mehr meldepflichtige Störfälle haben wir da. Das heißt also, je älter der Kernkraftwerke werden, umso risikobehafteter werden sie.”

Es gab in kommerziellen AKWs in Deutschland insgesamt nur 3 meldepflichtige Störfälle. Einer war im Kernkraftwerk Unterweser (1998) und zwei im Kernkraftwerk Philippsburg 2 (beide 2001). Wenn man durch diese 3 Datenpunkte eine Trendlinie legt, dann wird es wirklich immer gefährlicher! (Achtung: Ironie)

Was Harald Lesch im Video zeigt sind keine meldepflichtigen Störfälle, sondern alle meldepflichtigen Ereignisse. Die Kernkraftbranche ist die am stärksten regulierte der Welt, noch vor der Luftfahrt. Es müssen auch Ereignisse gemeldet werden, die keine Relevanz für die Sicherheit haben.

Fast alle diese meldepflichtigen Ereignisse sind auf der INES-Skala eine 0. INES 0 ist definiert als “Keine oder sehr geringe sicherheitstechnische Bedeutung – unterhalb der Skala”.

13. Mythos: Kleine modulare Reaktoren sind kleine Großkraftwerke

04:05 Harald Lesch: “Um die Leistung eines großen Kernkraftwerks zu präsentieren braucht man fünf von diesen Mini-Kraftwerken, manchmal sogar noch mehr”

Kleine modulare Reaktoren sollen kein Ersatz für Großkraftwerke in Industrieländern wie Deutschland sein. Dafür sind bestehende Kernkraftwerke der Gigawattklasse deutlich besser geeignet.

Geplante Anwendungsbereiche für SMRs sind zum Beispiel:

  • Länder mit Grundlast im einstelligen GW-Bereich, also fast alle Länder.
  • Bereitstellung von Fernwärme/Prozesswärme – 100 MW elektrisch sind 300 MW thermisch
  • Hochtemperaturreaktoren zur effizienten Herstellung von klimafreundlichem Wasserstoff
  • Ersatz von Kohlekraftwerken unter Beibehaltung der Turbinen und Infrastruktur

Anders als im Strommarkt gibt es hier auch in 10 oder 20 Jahren noch ordentlich Potential – auch in Deutschland. Allein der Wärmesektor ist mehr als doppelt so groß wie der Stromsektor und deutlich schwieriger zu dekarbonisieren.

Klimafreundlich erzeugter Wasserstoff wird in wenigen Jahren heiß begehrte Mangelware sein. Wir wollen schließlich auch den Transportsektor vollständig dekarbonisieren.

Harald Lesch geht leider gar nicht auf die vielen verschiedenen Nischen ein, die die insgesamt 70 SMR-Designs besetzen wollen. Wir müssen ja nicht nur den Stromsektor in Industrieländern dekarbonisieren.

14. Mythos: Kernkraftwerke sind nicht sicher genug

Sicherste Energiequellen nach Todesopfern - Fact Check: 18 Kernkraft-Mythen von Harald Lesch

05:43 Harald Lesch: “Welches Risiko gehen wir ein, wenn wir Mini-Kernkraftwerke verwenden in Zukunft und wie steht dieses Risiko im Vergleich zu dem Risiko des Klimawandels”

Das Risiko des Klimawandels spielt hier keine Rolle. Wir müssen die Sicherheit von Kernkraftwerken mit denen von anderen Erzeugern vergleichen, die ein Kernkraftwerk ersetzen könnten.

Dabei kommt heraus, dass die Kernkraft die sicherste Energiequelle ist, trotz Unfällen, Uranabbau, Urananreicherung, Wiederaufbearbeitung und Entsorgung von Atommüll. Dabei ist noch nicht eingerechnet, dass Wind und Solar zusätzlich ein Erdgas-Backup benötigen.

Dabei ist auch nicht berücksichtigt, dass die in dem Video besprochenen Mini-Kernkraftwerke mit passiver Kühlung noch einmal deutlich sicherer sind, als unsere Gigawatt-Reaktoren.

Überrascht? Das war ich auch, als ich diese Statistik 2009 zum ersten Mal gesehen habe. Ich war damals eigentlich gegen Kernkraft, aber musste meine Meinung in Folge langsam ändern.

Natürlich trägt die Kernkraft auch zur Senkung der CO2-Emissionen bei. Aber es ist doch wohl selbstverständlich, dass man heute nur noch klimafreundliche Erzeuger baut.

15. Mythos: Kernkraftwerke sind nicht CO2-neutral

Treibhausgase nach Energiequelle - Fact Check: 18 Kernkraft-Mythen von Harald Lesch

09:34 Harald Lesch: “Wir müssen an die Kernenergie ran, denn die produziert zwar Kohlendioxid beim Bauen […]”

Das ist gar kein Mythos. Es stimmt, die Kernkraft ist nicht CO2-neutral. Aber auch alle anderen Erzeuger sind nicht CO2-neutral.

Wie vorher schon bei der Sicherheit, müssen wir wieder vergleichen zwischen Kernkraftwerken und ihren Alternativen.

Der Weltklimarat hat 2014 eine Metastudie über Hunderte Einzelstudien gemacht. Auf deutsche Standortfaktoren umgerechnet und mit Berücksichtigung von Erdgas-Backup, ist Kernkraft sogar die klimafreundlichste Energiequelle.

Das soll nicht heißen, dass Solar, Wind und Wasser schlecht sind. Wir brauchen alle klimafreundlichen Energiequellen!

16. Mythos: Der Bau von Kernkraftwerken dauert zu lange

14:25 Harald Lesch: “Herkömmliche Kernkraftwerke […] brauchen von der Planung bis zum Einsatz […] circa 15 Jahre und Standard Wind-Anlagen oder Photovoltaik-Anlagen sind mit 2 bis 5 Jahren am Start”

Die Quelle für die 15 Jahre würde ich gerne sehen. Die reine Bauzeit von Kernkraftwerken beträgt halb so lange, nämlich im Schnitt 7,5 Jahre. 14

Besonders ironisch ist, dass es hier um Mini-Reaktoren geht. Die haben den Anspruch deutlich schneller zubaubar zu sein, als Reaktoren der Gigawatt-Klasse.

Zumindest vergleicht Harald Lesch endlich die Alternativen. Aber es reicht nicht ein Kernkraftwerk mit einem Windrad zu vergleichen. Ein einziges Kernkraftwerk erzeugt so viel Strom wie 4.000 bis 6.000 Windräder. 15 Und als Backup musst du noch 2-3 Gaskraftwerke zu den Windrädern bauen.

Wenn man sich die zugebaute Stromerzeugung pro Person und Jahr anschaut, dann ist der Ausbau von Kernkraft deutlich schneller als bei Wind und Solar. 16

Dieses Argument wäre dann zulässig, wenn wir in weniger als 10 Jahren vollständig dekarbonisiert sein könnten. Das glauben aber nicht einmal die optimistischsten Experten.

17. Mythos: Lizenzierung von kleinen Reaktoren ist schwieriger

14:54 Harald Lesch: “Wir haben es nämlich mit einem Reaktor-Typ zu tun, der völlig neu ist. Und der muss genehmigt werden”

Die kleinen Reaktoren sind nicht völlig neu. Von den 20 am weitesten fortgeschrittenen SMR-Designs, sind die Hälfte Leichtwasserreaktoren. 17

Das sind also die bekannten Siedewasserreaktoren (BWR) und Druckwasserreaktoren (PWR), die auch in Deutschland im Einsatz sind. SMRs sind sogar noch minimalistischer und deshalb einfacher zu lizenzieren.

Auch viele der verbleibenden Reaktor-Designs sind nicht grundsätzlich neu. Es gibt mit gasgekühlten, graphitmoderierten Reaktoren fast so viel Erfahrung wie mit Leichtwasserreaktoren.

Auch mit flüssigem Metall gekühlte Reaktoren sind mit den BN-Reaktoren bereits im kommerziellen Einsatz. Richtig neu dürften im kommerziellen Betrieb nur die 4 Flüssigsalzreaktor-Designs sein.

Wie Harald Lesch selbst sagt, ist die Lizenzierung eine Formalität. Die kann man verlangsamen oder beschleunigen. Die US NRC hat erst letztes Jahr ihre Regeln geändert, um die Lizensierung von neuen Reaktordesigns zu beschleunigen.

Kein Wunder, dass 8 der 20 führenden SMR-Startups in den USA angesiedelt sind. Auch kein Wunder, dass in Deutschland kein einziges Reaktor-Startup angesiedelt ist, obwohl wir mit dem Dual Fluid Reaktor ein vielversprechendes Konzept haben.

18. Mythos: Kernkraft taugt nicht zum Klimaschutz

18:05 Harald Lesch: “Wäre die Kernenergie sicherer, schneller zur Verfügung und billiger dann könnte die Kernenergie in Form von kleinen modularen Reaktoren tatsächlich helfen.”

Werden kleine modulare Reaktoren billiger, sicherer und schneller zubaubar sein als aktuelle Kernkraftwerke? Ich habe da meine Zweifel, besonders beim Preis.

Das ist aber reine Kaffeesatzleserei. Es gibt noch kein serienreifes Modell. Die ersten Prototypen in Russland, China und Argentinien sind fertiggestellt. Weitere Prototypen in den USA, Russland, Kanada, Südkorea sowie Dänemark und Großbritannien sollen folgen.

Wir müssen aber nicht auf neue Reaktor-Designs warten, schon gar nicht in Deutschland. Aktuelle Gigawatt-Reaktoren sind bereits billiger, sicherer und schneller zubaubar als die klimafreundlichen Alternativen Solar und Wind.

Kernkraft und Doppel-Standards

Wenn du nur ein Fazit aus diesem Fact Check mitnimmst, dann lass es die Abwägung von Alternativen sein. Wir müssen Kernkraftwerke immer mit alternativen Erzeugern vergleichen, z.B. bei:

  • Emissionen
  • Vollkosten
  • Sicherheit
  • Zubau-Geschwindigkeit
  • Flächenbedarf
  • Ressourcenbedarf
  • Müllmengen
  • Blackout-Risiko

Aber bitte nicht Äpfel mit Birnen vergleichen. Harald Lesch vergleicht hier lediglich Teile der Gesamtkosten oder die Zubaugeschwindigkeit eines einzigen Windrades mit einem einzigen Kernkraftwerk.

Nur durch faire Vergleiche lassen sich Doppel-Standards vermeiden.

Noch mehr Kernkraft-Mythen von Harald Lesch

Es gibt sogar noch ein älteres Anti-Kernkraft-Video von Harald Lesch zum Nischenthema Flüssigsalz-Reaktoren namens “Atomkraft ohne Risiko? Der Flüssigsalzreaktor” (2017). Harald Lesch macht dort noch deutlich mehr Fehler als in den drei hier betrachteten Sendungen, siehe Video-Antwort von Felix Letkemann.

Viele der Falschaussagen in den vier Videos lassen sich durch eine kurze Google-Suche widerlegen. Gibt es bei Terra X keinen Fact-Checker?

Dass wir in Deutschland seit 2002 keinen Strom mehr importieren, ist eigentlich sogar eine glatte Lüge von jemandem, der es wirklich besser wissen sollte.

Warum spickt man vier Videos mit Falschaussagen, wenn man neutral und unbefangen über ein Thema aufklären will? Das hat ein starkes ideologisches Gschmäckle.

25 Kernkraft-Mythen: das Anti-Atom-Bullshit-Bingo

lesch bullshit bingo - Fact Check: 18 Kernkraft-Mythen von Harald Lesch

Es gibt sogar noch mehr Kernkraft-Mythen. Es sind eigentlich immer die gleichen Argumente, die man von Kernkraftgegnern hört, die es mit den Fakten nicht so genau nehmen.

Vom Verein Nuklearia gibt es jetzt passend dazu das Anti-Atom-Bullshit-Bingo. Jetzt kannst du Bingo spielen mit den 25 gängigsten Kernkraft-Mythen.

Besonders eifrige Kernkraftgegner haben sogar ganze 100 Gründe gegen Atomstrom zusammengetragen. Hier ist der Fact-Check dazu.

Mal schauen, ob Harald Lesch noch ein Video macht um auch die verbleibenden Kernkraft-Mythen zu verteidigen. Zuzutrauen ist es ihm leider.

Update nur 10 Tage später: Er hat es getan. Harald Leschs neuestes Video zu SMRs enthält weitere Kernkraft-Mythen. Es fehlen noch ca. 2 Videos, um das Bullshit-Bingo komplett zu machen.

Ist Harald Lesch ein Technologie-Pessimist?

coexist nuclear solar wind water - Fact Check: 18 Kernkraft-Mythen von Harald Lesch

Je mehr ich von Harald Lesch sehe, desto mehr bekomme ich den Eindruck, er ist seit den Tagen von Alpha Centauri zum Technologie-Pessimisten geworden.

Andererseits bewirbt er Desertec als Alternative zur Kernkraft. Das enorm ambitionierte technologische Unterfangen ist schon einmal gescheitert. Da kann man auch gleich Atlantropa wiederbeleben.

Zugegeben, ich war vor vielen Jahren auch mal ein großer Fan von Desertec. Aber man muss schon über sehr viele Probleme hinwegsehen, um so ein Projekt für realistisch zu halten.

Pragmatische Klimaschützer hören auf die Experten vom Weltklimarat. Die sagen, wir müssen schnellstmöglich alle klimafreundlichen Energiequellen ausbauen, insbesondere auch die Kernkraft.

Fazit: So geht Wissenschaftsjournalismus nicht

Technologiefeindlich oder nicht: Es ist auf jeden Fall sehr enttäuschend, wenn ein Verfechter der Wissenschaft Mythen über die Kernkraft unhinterfragt nachplappert.

Harald Lesch ist sich nicht einmal zu schade Kernkraftwerke mit Atombomben zu verbinden. Das ist der älteste Trick aus der Rhetorik-Kiste der Kernkraftgegner.

Und das kommt in einem Tonfall, wie bei einem Vertreter von “Ausgestrahlt”. Einmal meint Harald Lesch sogar die Kernspaltung sei perfide. Kernkraftwerke sind also hinterhältig oder niederträchtig? Echt jetzt?

Wer so einen Wissenschaftsjournalismus hat, braucht zumindest keine Wissenschaftsleugner mehr. Das ist dann schon gleich mit erledigt…

Mensch Harald, you were the chosen one!

Quellen

  1. Ultrahigh and economical uranium extraction from seawater via interconnected open-pore architecture poly(amidoxime) fiber Xu et al (2020)
  2. Breeder reactors: A renewable energy source Cohen (1983)
  3. Largest 10-year deployments of low-carbon electricity generation Chalmers (2020)
  4. United Kingdom Support for five Offshore Wind Farms: Walney, Dudgeon, Hornsea, Burbo Bank and Beatrice European Comission (2014)
  5. Schriftliche Anfrage von Dr. Paul Laufs (CDU/CSU) Antworten der Bundesregierung (2002)
  6. Lessons from Fukushima: Latest Findings of Thyroid Cancer After the Fukushima Nuclear Power Plant Accident Yamashita et al (2018)
  7. Sources, effects and risks of ionizing radiation UNSCEAR (2021)
  8. Atomrückstellungen für Stilllegung, Rückbau und Entsorgung BUND (2014)
  9. Kommerzieller Außenhandel SMARD (2021)
  10. System LCOE: What are the costs of variable renewables? Ueckerdt et al (2013)
  11. Nuclear is a Crucial Piece of the Carbon-Free Puzzle Ruishalme (2018)
  12. Discounting and costs (Part 2): IPCC WGIII report on mitigation Korhonen (2014)
  13. Historical construction costs of global nuclear power reactors Lovering (2016)
  14. How long does it take to build a nuclear power plant? Mearns (2016)
  15. Annahmen – Kernkraft: 1600 MW, 90% Kapazitätsfaktor, 60-90 Jahre Laufzeit – Wind an Land: 3 MW, 25% Kapazitätsfaktor, 30 Jahre Laufzeit
  16. Fastest added generation of electricity per person and year analys.se (2014)
  17. Small Nuclear Power Reactors World Nuclear Association (2021)

Dieser Beitrag hat 21 Kommentare

  1. Frank

    Ich sehe das ähnlich wie Du und ich hatte einmal die angeblichen Subventionen für Kernkraftwerke als frei erfunden beschrieben (was Du ja hier auch erwähnt hattest). Aber der Ehrlichkeit halber sollten wir schon zugeben, dass an „5. Mythos: hohe Subventionen für Kernkraftwerke“ und „11. Mythos: Kernkraft wird immer teurer“ sowie an „16. Mythos: Der Bau von Kernkraftwerken dauert zu lange“ insofern schon was dran ist, dass zumindest KKW-Neubauten in Europa lange dauern und teuer ausfallen.

    Es mag schon sein, dass ein KKW-Bau weltweit durchschnittlich nur 7,5 Jahre dauert. Aber der Bau im finnischen Olkiluoto läuft nun schon seit 2005, also seit 16 Jahren. Er ist schon lange viel teurer geworden als ursprünglich geplant. Hinkley Point Block C dauert ebenfalls viel länger als geplant und kann nur durch garantierte hohe Strompreise finanziert werden. Bei diesem einen Fall endet immer meine Argumentation, es gäbe keine Subvention.

    Man sollte also einmal analysieren, warum solche Projekte bei uns – ausgerechnet in den angeblich so hoch entwickelten Industrieländern – so teuer werden und so endlos dauern. Ich vermute, dass es nichts speziell mit KKW zu tun hat, sondern allgemein mit einer gewissen Unfähigkeit, noch Großprojekte umsetzen zu können (siehe BER). Aber der Effekt ist schon vorhanden, auch wenn Lesch ihn völlig übertreibt und verallgemeinert.

    Noch was zu „14. Mythos: Kernkraftwerke sind nicht sicher genug“: Auch wenn der Trend in der von Dir beschriebenen Weise sicher eindeutig vorhanden ist, bin ich skeptisch, ob die Sterberate durch Braun- und Steinkohle wirklich so hoch ist. Mir fiel das einmal auf, als Greenpeace eine Studio „Tod aus dem Schlot“ herausbrachte und darin massenhaft Tote durch deutsche Braunkohle beschrieb. Die entstammten aber ausschließlich einer Computerberechnung und waren an keiner Stelle mit realen Daten, z.B. von Krankenkassen abgeglichen.

    1. Es stimmt, die drei EPR-Prototypen haben viel länger gebraucht als geplant und sind durch diese Verzögerungen ungemein teuer geworden. Aber man muss doch Zubaugeschwindigkeit und Kosten immer mit anderen Erzeugern vergleichen.

      Selbst das so teure Hinkley Point ist ja immer noch günstiger als Wind und Solar in Großbritannien. Auch der CfD pro kWh ist niedriger als Wind, wie im Artikel beschrieben. Und die Zubaugeschwindigkeit von Hinkley ist im Vergleich ebenfalls höher als Wind und Solar, wenn man sich die produzierte Strommenge anschaut und nicht die installierte Leistung. Olkiluoto 3 in Finnland ist sogar fast ein Rekord bei der Zubaugeschwindigkeit von klimafreundlichem Strom pro Kopf. Nur weil es ursprünglich als absoluter Weltrekord geplant war, heißt doch nicht, dass es zu langsam geworden ist.

      Was ich sagen will: nur weil es teurer und langsamer war als geplant heißt doch nicht zwangsläufig, dass es ZU teuer oder ZU langsam ist. Es muss doch wohl reichen schneller und günstiger als Alternativen zu sein. Wenn Hinkley zu langsam und zu teuer ist, dann sind Solar und Wind immer zu langsam und zu teuer. Und dann haben wir bestimmt noch ne ordentliche Lernkurve zum EPR2 und zur Serienproduktion.

      Es ist natürlich äußerst bedauerlich, dass Westeuropa meinte es wäre eine gute Idee 3 Jahrzehnte lang keine Kernkraftwerke zu bauen. Da haben wir ganz klar den Anschluss verloren. Ich nehme an, wenn Deutschland wieder einsteigt, werden wir die Kraftwerke von China, Korea oder Russland bauen lassen müssen. Und das obwohl Deutschland selbst mal Kernkraftwerke exportiert hat. Sogar der Betrieb wird vermutlich nicht mehr von Deutschen gestemmt werden können, nachdem die verbleibende Expertise in das Ausland abgewandert oder in den Ruhestand gegangen ist.

      Aber das liegt ja nicht an der Technologie selbst, sondern daran, dass die Politik alle Perspektiven für die Technologie zerstört hat. Wenn wir nach dem nächsten Zugunglück sagen, wir steigen aus dieser “Hochrisikotechnologie Bahnfahrt” aus, dann wird das niemand mehr studieren, niemand mehr bei der Bahn in die Lehre gehen und die Expertise verschwindet in wenigen Jahrzehnten.

      P.S.
      Die Zahlen zur Sterblichkeit bei Kohlekraftwerken sind, wie du vermutest, reine statistische Hochrechnungen. Finde ich aber nicht disqualifizierend. Es ist ja schwer bis unmöglich die Ursachen für Krebs genau zu bestimmen. Du kannst also gar nicht irgendwo abgleichen, außer womöglich in Entwicklungsländern, wo die Sterblichkeit durch Luftverschmutzung noch deutlich höher ist. Das wäre dann aber nicht repräsentativ für Deutschland. Wir haben ja zumindest mal Kamine in den Häusern und Filter auf allen Verbrennern.

  2. Joe Schmidt

    Es ist durchaus richtig, einige “Argumentationskrücken” aufzuzeigen.
    Aber beim “Thema 9. Mythos: Keine Stromimporte durch Atomausstieg” kommen mehrere fragwürdige Argumentationen /Auslegungen zusammen.
    Natürlich haben wir jedes Jahr Strom aus Nachbarländern eingekauft /importiert. Dazu ist die Strombörse und das internationale Verbundnetz ja da – um Strom zu handeln.
    Allerdings haben wir seit ca. 2002 tatsächlich einen Nettoexportüberschuss – wir exportieren /verkaufen mehr el. Energie als wir importieren. Wir haben also mehr Strom produziert, als wir verbraucht haben.
    Darauf zielt die Aussage von Harald Lesch, aber man kann ihn natürlich mutwillig falsch verstehen …
    Sicher gab es Stunden /Tage, an denen Deutschland seinen Bedarf nicht aus eigener Erzeugung gedeckt hat. Das trifft aber wohl auf alle Länder zu. Insbesondere auch auf Frankreich, welches trotz hohem Atomstromanteil fast jeden Winter seine Stromversorgung nur durch Importe aufrecht erhalten kann. Bei uns dagegen sind es meist wirtschaftliche Erwägungen, die zu den Importen führen.
    Viele Jahre wurde so (trotz zeitweiser Negativpreise an der Strombörse) mit dem Stromhandel in Deutschland ein guter Gewinn erzielt.
    Mit der Abschaltung der ersten Kohle-KWs und der AKW wird die Überproduktion sinken.
    Die Preise an der Strombörse sind schon deutlich gestiegen.

    1. So lange du Strom nicht in großem Maßstab speichern ist es egal wie viel Strom wir exportieren. Es ist ja nicht so, als ob wir den Strom statt zu exportieren für später aufheben können.

      Das mit den Exporten klappt sowieso nur, so lange Deutschland einen nationalen Alleingang veranstaltet. Wenn jetzt auch unsere Nachbarländer auf Wind und Solar setzen würden, hätten wir niemanden mehr, der unsere Exporte will. Aber keine Sorge, das tun die nicht, nachdem die deutsche Energiewende so kläglich scheitert.

      Das mit den Importen ist meiner Meinung nach mit Abstand das schwächste Argument von Lesch – und das will was heißen.

  3. Joe Schmidt

    Eher finde ich hier Ihre Argumentation schwach.
    Dass sich einzeln unstetige regionale EE-Stromerzeugung umso mehr verstetigt, je größer die zusammenarbeitenden Netze mit möglichst vielen Erzeugern sind – können Sie das akzeptieren?
    Auch dass es für die Abstimmung von Erzeugung und Bedarf immer einen Erzeugermix bedarf?
    Der Austausch untereinander (Stromhandel) spielt dabei durchaus immer eine Rolle.
    Einen nationalen Alleingang sehe ich nicht, wenn man bspw. in Frankreich ein Gesetz verabschiedet hat um den Atomstromanteil zu senken – mit regenerativer Stromerzeugung …
    England hat die Kohleverstromung beendet und der in Bau befindliche Reaktor Hinkley Point C spielte dabei keinerlei Rolle …
    Wie passt Ihre Darstellung vom “kläglichen Scheitern der deutschen Energiewende” eigentlich zu Ihrem Anspruch “Pro-Wissenschaft” ?
    Wären da nicht eher Lösungsansätze gefragt?
    Beispielsweise so etwas wie NordLink?
    Oder bspw. Biomasse-KWs nicht mehr stetig 24/7 wie bisher, sondern im Regelbetrieb zu betreiben?

    1. Indem man Komplexität in Form neuer Netze, Transformatoren und Regelmechanismen hinzufügt, erhöht man das Ausfallrisiko. Und wenn es uns andere Länder wirklich gleichtun sollten, würde das die Probleme deutlich verschärfen. Das klappt bisher nur halbwegs mit dem Fokus auf Wind an Land, weil es ein deutscher Alleingang ist.

      Auch das Argument man könne ganz Mitteleuropa von Portugal oder Griechenland aus versorgen, wenn bei uns kein Wind weht ist absurd. Wir brauchen hier in Deutschland Jahrzehnte um wenige hundert Kilometer Fernnetz mit 2 GW auszubauen. Wie wollen wir bis 2045 Leistung mit dreistelligen GW über Tausende Kilometer und mehrere Ländergrenzen transportieren? Stromtransport in diesen Größenordnungen ist genauso unbezahlbar wie Stromspeicherung.

      Wenn du Biogas-Kraftwerke statt bisher auf 100% Leistung zwischen 0 und 200% regeln willst, dann brauchst du doppelt so viele Biogaskraftwerke. Das heißt der Strom des sowieso schon teuersten Erzeugers wird nochmal deutlich teurer.

      Klar wäre ein ausgewogener Erzeugermix besser. Deswegen plädiere ich ja für Kernkraft!

  4. Joe Schmidt

    Tja, “Ausfallrisiko” ist halt eine Definitionsfrage.
    Wenn Sie die einzelne kleine technische Einheit meinen, haben Sie unwidersprochen Recht.
    Da erhöht sich das Ausfallrisiko je mehr Einheiten integriert sind.
    Wenn Sie das Gesamtnetz /die Versorgungssicherheit meinen, liegen Sie falsch und ich denke, das wissen Sie genau.
    Ganz Hamburg war in der Vergangenheit mehrmals von großflächigen Stromausfällen durch Notabschaltungen des nahen KKW betroffen. Der Ausfall eines zusätzlichen Ortsnetztrafos dürfte sich wohl deutlich weniger auswirken …

    Stromtransport ist unbezahlbar ?!?
    Die Chinesen transportieren doch glatt per HGÜ >2.000km von Jinping, Sichuan nach Sunan, Junan mit >7GW Übertragungsleistung.
    Die Brasilianer 3GW über >2.500km von Porto Velho nach Araraquara.
    Aber in Deutschland /Europa ginge es wohl eher um ein HGÜ-Netz ähnlich dem Parallelkonzept mit 2x660MW von Barkeryd (Nassjö) nach Hurva (Hörby) /Schweden.
    Oder eben um HGÜ-Anbindungen wie durch die 1,4GW-HGÜ NordLink, wo man mit Hilfe norwegischer Speicherkraftwerke die EE-Stromerzeugung glättet. Nicht anzunehmen, dass diese Investitionen oder der Betrieb unbezahlbar sind.

    Ob es billiger ist Anzahl der Biogasanlagen verdoppeln, oder neue Kernkraftwerke zu bauen, das sind wir wohl geteilter Meinung. 11Ct/kWh zuzüglich Inflationsausgleich für 35 Jahre garantiert ist ja nun mal kein Schnäppchen. Und von den angeblich neuen Technologien /Konzepten gibt es allenfalls blumige Versprechen zu Kosten und Wirtschaftlichkeit.

    Die dt. KKW nicht vor dem geplanten Laufzeitende abzuschalten – dieser Argumentation kann ich durchaus folgen. Aber das Aus für neue Kernkraftwerke in demokratischen, marktwirtschaftlich orientierten Staaten kam schon vor Jahren. Und nicht aus der grünen Ecke:
    http://npolicy.org/article_file/New_Nuclear-The_Economics_Say_No.pdf
    “New Nuclear – The Economics Say No”

    https://www.fr.de/wirtschaft/atom-hilft-laengere-laufzeit-akw-klimaziele-erreichen-12344266.html
    “Wie hoch die Kosten einer fortgesetzten AKW-Strategie sind, zeigt sich aktuell am Beispiel Frankreichs, des „Stammlandes“ der Kernenergie mit seinem weltweiten Spitzenwert von über 70 Prozent Atomstrom. Die geplante Ertüchtigung der 58 Reaktoren im Land – gebaut zwischen 1977 und 1997 – für längere Laufzeiten wird auf rund 50 Milliarden Euro alleine bis zum Jahr 2025 taxiert. Hinzu kommen die explodierten Baukosten für neue AKW, die nach den ursprünglichen Plänen die Altmeiler eigentlich ersetzten sollen. Die französische Regierung hat nun Sorge, dass das teure Kernenergiegeschäft sich nicht mehr über die privaten Finanzmärkte, also die Börse, finanzieren lässt.”

    1. 1,4 GW, 3 GW, 7 GW, merkst du das eigentlich nicht selbst? Ich dachte es geht darum Mitteleuropa vollständig aus Westeuropa oder Osteuropa zu versorgen oder gar Westeuropa vollständig aus Osteuropa und umgekehrt. Wir reden also nach Sektorkopplung von um die 1.000 GW – nicht einstellige GW. Und was bringen denn Verbindungen zum Nachbarland in einem Gebiet mit einheitlicher Großwetterlage? Wir brauchen Verbindungen über mehrere Ländergrenzen, insgesamt viele Tausend Kilometer. Noch dazu muss man erst mal genug Erzeuger in Portugal und am schwarzen Meer bauen um jeweils komplett Europa zu versorgen.

      Dann lass doch gleich Atlantropa oder Desertec bauen – oder am besten beides…

      Die Kosten von Biogas liegen nicht bei 11 Cents pro kWh, sondern bei 13 Cents pro kWh. Und du willst das verdoppeln? Zum Vergleich: Der Fiasko-EPR in Flamanville kostet 4 Cents pro kWh.

      Stimmt, Frankreich zeigt wie günstig Kernkraft sein kann. Vergleiche mal deren Strompreise mit unseren.

  5. Joe Schmidt

    Zitat:
    “Frankreich zeigt wie günstig Kernkraft sein kann. Vergleiche mal deren Strompreise mit unseren.”
    Ja, mit einem staatlich festgesetztem Strompreis, so stark subventioniert, dass der halbstaatliche Energieversorger EDF eigentlich Pleite ist und wiederum nur mit staatlicher Unterstützung weiter existieren kann.
    Das ist das marktwirtschaftliche Zukunftsmodell für die Stromerzeugung aus Kernenergie?
    .
    Niemand muss 1.000GW von Westeuropa nach Osteuropa leiten. Wo nimmst Du diese Zahl her?
    .
    Die Stromgestehungskosten das Fiasko-EPR in Flamanville sollen 4 Cents pro kWh betragen?
    Aus welchem Jahr stammt denn diese Zahl?
    Wenn sich die ursprünglichen Kosten aus 2007 von 3,3Mrd.€ auf mehr als 19Mrd.€ in 2020 erhöht haben und der Reaktor immer noch keinen Strom produziert?
    https://www.bloombergquint.com/business/edf-s-ability-to-make-nuclear-power-affordable-still-in-doubt

    1. Also ich persönlich hätte nichts dagegen, wenn lebensnotwendige Infrastruktur staatlich organisiert wird. Entweder das oder wir führen eben einen freien Markt an. Die dauerhafte enorme Subventionierung von einigen Technologien ist aber absolut nicht der effizienteste Weg. Ganz im Gegenteil, viel ineffizienter wird es nicht, wie man am welthöchsten Strompreis in Deutschland sieht.

      “Niemand muss 1.000GW von Westeuropa nach Osteuropa leiten. Wo nimmst Du diese Zahl her?”
      Das Argument ist doch folgendermaßen: Irgendwo in Europa weht immer etwas Wind. Wenn in Mitteleuropa und Nordeuropa kein Wind weht, dann weht es am Atlantik in Portugal oder in Rumänien am schwarzen Meer.

      Wenn du aber komplett Mitteleuropa, Osteuropa, Nordeuropa und Großbritannien von Portugal aus versorgen willst, brauchst du Leitungen dafür. Und das wird ganz schnell vierstellig. Allein Deutschland wird 2030 einen Strombedarf von 105 GW Peak haben und steigend. Du müsstest vermutlich auch halb Portugal zubauen.

      Die Zahl der Gestehungskosten für Flamanville stammt vom Dezember 2020.

      19 Milliarden Euro für einen 1,6 GW-Reaktor entspricht leicht nachrechenbar 2,5 Cents Kapitalkosten pro kWh. Dazu kommen aber noch Betriebskosten, deshalb kommen die auf 4 Cents pro kWh. Und das ist der teuerste Reaktor der jüngeren Vergangenheit. Alle zukünftigen EPRs werden deutlich günstiger sein.

  6. Joe Schmidt

    Kernenergie auf dem freien Markt? Das hatten wir doch schon:
    http://npolicy.org/article_file/New_Nuclear-The_Economics_Say_No.pdf

    Da frage ich mich natürlich, warum man bei 4 Cents pro kWh für den EPR Flamanville nun für HinkleyPoint C eine Abnahmegarantie von 11Ct/kWh für 35 Jahre (zzgl. Inflationsausgleich) benötigt hat. Ob da Deine “leicht nachrechenbare” Prognose evtl. auf falschen / zu optimistischen Angaben – die ich leider nicht kenne – beruht?

    Warum ignorierst Du eigentlich permanent die staatlichen Stützungen der französischen (Kern-)Energiewirtschaft?

    Aber wenn Du Szenarien entwirfst, dann gehst Du halt auch schnell einmal davon aus, dass man 2030 105GW Peak nach Deutschland importieren muss, weil in Deutschland gerade keinerlei Strom erzeugt wird und ausschließlich Windstrom aus Portugal zur Verfügung steht.
    Ich finde dies unrealistisch – aber irgendwie musst Du natürlich Deine Meinung rechtfertigen.

    1. Zu Finanzierungsmodellen in anderen Ländern kann ich nun wirklich nix sagen. Mich interessieren nur die Kosten. Die CfDs für Hinkley lagen aber deutlich unter denen für Windparks mit ihren 17+ Cents pro kWh im gleichen Jahr. 11 Cents pro kWh CfD hieße bei aktuellen Strompreisen, dass Hinkley 5 Cents zahlen müsste, während die Windparks immer noch mit einem Cent subventioniert werden.

      Hast du mal ne Quelle für die staatliche Subventionierung der französischen Kernkraftwerke?

      Du findest eine Dunkelflaute unrealistisch? Laut Greenpeace gibt es alle 2 Jahre eine mit mindestens 10 Tagen Dauer.

  7. Joe Schmidt

    Was verstehst Du unter “Kosten”?
    Ich verstehe darunter die Gesamtkosten, die die Verbraucher /die Gesellschaft zu tragen haben. Die müssen bei HinkleyPoint C also min. 11Ct/kWh für 35 Jahre (zzgl. Inflationsausgleich) betragen.

    Was brauchst Du denn für eine Quelle?
    Dass der Staat AREVA rettete?
    Oder dass HinkleyPoint wohl nie rentabel wird für die EDF?
    https://www.wiwo.de/politik/europa/electricite-de-france-frankreichs-atomkonzern-droht-zu-scheitern/13612556-all.html

    Kein Wort darüber, dass EDF auch ohne die für Hinkley Point nötigen 17,5 Milliarden Euro (den Rest zahlt der chinesische Partner CGN) bereits eine Schuldenlast von 37,4 Milliarden Euro drückt. Kein Wort darüber, dass durch kreative Buchhaltung weitere Minusmilliarden drohen und der Konzern in den nächsten Jahren zig Milliarden für die Renovierung älterer Kraftwerke oder deren Rückbau vorhalten muss.

    „Wenn sich der Bau um zwei oder drei Jahre verzögert, ist es mit der Rentabilität vorbei“, warnt Eric Bonnel, geschäftsführender Gesellschafter der Strategieberatung Square in Neuilly-sur-Seine bei Paris.

    https://www.energiestiftung.ch/fokus-frankreich-detail/epr-flamanville-vom-vorzeigeprodukt-zum-albtraum-frankreichs.html

    Das Problem der Bauherrin EDF bei den Verantwortlichkeitsfragen für das finanzielle Debakel: AREVA existiert in der ursprünglichen Form seit 2018 gar nicht mehr. Um die Pleite des Atomkonzerns zu verhindern, hat der Staat sein marodes Unternehmen mit einer Subvention von 4,5 Milliarden Euro sozusagen freigekauft und inzwischen in mehrere Teilgesellschaften aufgeteilt. Die Reaktorbausparte AREVA NP wurde in die EDF integriert, die seither unter dem Namen Framatome 75% des Reaktorbaukonzerns hält. Eine neue immer noch zu 50% staatliche Gesellschaft namens Orano übernahm den Rest des Geschäfts rund um den Kernbrennstoff-Kreislauf.

    Ob mit der Neustrukturierung ein substanzieller Teil der ständigen Mehrkosten tragbar wird, ist ungewiss. Wahrscheinlicher ist, dass am Schluss einmal mehr der Griff in die Staatskasse nötig wird. Frankreichs Steuerzahler sind seit Jahrzehnten unfreiwillig die verlässlichsten Helfer bei allen Pleiten und Pannen der nationalen Atomwirtschaft. Ohne diese indirekte Staatsgarantie wäre das EPR-Abenteuer im sich rasant verändernden Weltmarkt der Stromproduktion längst auf Grund gelaufen. Denn der in Flamanville produzierte Strom wird laut dem Rechnungshof 110 bis 120 Euro pro Megawattstunde kosten, doppelt so viel wie jener aus den 56 Reaktoren des bisherigen nationalen AKW-Parks.

    Das sind also etwa die Kosten für Flamanville, die (bisher) für HinkleyPoint C veranschlagt wurden.

    Ach ja – mich irritiert, dass immer wieder Antworten irgendwo festhängen?

    1. Sorry, Antworten hängen dann fest wenn sie mehrere Links haben. Da spricht der Spamfilter an. Ich geb die aber frei, keine Sorge.

      Was das Kraftwerk kostet sind die Kosten. Die Einnahmenseite ist völlig losgelöst von den Kosten, mit der offensichtlichen Einschränkung, dass die Einnahmen höher sein müssen als die Kosten. Wenn der Markt deutlich höhere Erlöse hergibt als Kosten weil andere Erzeuger deutlich teurer sind, ist das doch super, oder nicht?

      Ich verstehe generell das Problem nicht. Hinkley hat 11 Cents Preisgarantie. Das ist sowohl deutlich günstiger als andere Erzeuger und liegt auch deutlich unter dem aktuellen Strompreis. Ein solch niedrigpreisiger CfD ist ja keine Subvention, sondern eine Versicherung gegen fallende Strompreise. Wie gesagt, aktuell müsste Hinkley 5 Cents pro kWh von seinem Gewinn abtreten für diesen CfD.

      Zeig mir ein Unternehmen, das in einer Ära der extrem niedrigen Zinsen keine Schulden hat und ich zeig dir ein Unternehmen welches zu wenig investiert. EDF ist profitabel und meistert die Krise der extrem steigenden Gas-, Kohle- und CO2-Preise viel besser als andere Energieversorger.

      Hinkley Point ist deutlich günstiger als Flamanville. Es ist ja ein Doppelreaktor und der zweite Reaktor konnte deutlich schneller gebaut werden als der erste. Wenn du die erwarteten 27 Milliarden Euro für beide Reaktoren ansetzt bist du bei 1,8 Cents pro kWh Kapitalkosten.

  8. Joe Schmidt

    Die Kraftwerkskosten sind die Kosten für die Betreiber. Die haben sich mit Staatsgarantien umfassend abgesichert und wenn sich der Bau von Hinkley Point C nicht noch weiter verzögert und noch teurer wird, können Sie – also auch die EDF – durchaus mit Gewinnen aus Hinkley Point C rechnen.
    Ich bin aber kein Betreiber, sondern (deutscher) Stromkunde – wie die britischen Bürger auch. Mich interessieren die Beschaffungskosten, die ich als Basis zu zahlen habe und wenn der Strompreis an der Börse derzeit auch von 4-6Ct/kWh auf ca. 8,3Ct/kWh gestiegen ist, so ist der Atomstrom aus dem neuen AKW mit 11Ct/kWh (über 35Jahre ansteigend) nicht etwa günstiger als andere Erzeuger. Die Mehrkosten trägt der Bürger /Steuerzahler.
    Dass auf diese “Beschaffungskosten” dann noch Steuern und Abgaben draufgepackt werden und wir in Duetschland mit die höchsten Haushaltstrompreise für Privatkunden haben – das ist ein anderes Feld.

    https://www.theguardian.com/news/2017/dec/21/hinkley-point-c-dreadful-deal-behind-worlds-most-expensive-power-plant

    Derzeit wird die Gesamtrechnung für Hinkley Point C auf 20,3 Mrd. GBP geschätzt, mehr als das Doppelte der Olympischen Spiele in London. Um das Projekt zu finanzieren, hat die britische Regierung ein komplexes Finanzabkommen mit dem Energieriesen Électricité de France (EDF), der sich zu 83 % im Besitz der französischen Regierung befindet, und der China General Nuclear Power Group (CGN), einem staatlichen chinesischen Energieunternehmen, geschlossen. Im Rahmen dieses Vertrags werden die britischen Stromverbraucher über einen Zeitraum von 35 Jahren Milliardenbeträge zahlen. Laut Gérard Magnin, einem ehemaligen EDF-Direktor, sieht das französische Unternehmen Hinkley als “eine Möglichkeit, die Briten die Renaissance der Kernenergie in Frankreich finanzieren zu lassen”. Er fügte hinzu: “Wir können nicht sicher sein, dass im Jahr 2060 oder 2065 britische Rentner, die heute noch zur Schule gehen, nicht immer noch für den Fortschritt der Atomindustrie in Frankreich bezahlen werden.”

    Die Ironie des Projekts Hinkley Point C besteht jedoch darin, dass es zu dem Zeitpunkt, an dem es in Betrieb genommen wird, bereits überholt sein könnte. Die Kernenergie steht weltweit vor existenziellen Problemen, da die Kosten für erneuerbare Energien sinken und deren Beliebtheit wächst. “Die Rechnung geht nicht auf”, sagt Tom Burke, ehemaliger umweltpolitischer Berater von BP und Gastprofessor am Imperial und University Colleges. “Atomkraft macht einfach keinen Sinn mehr.”

    Aber auf die mehrmals gebrachten Quellen mit ähnlichen Aussagen gehen Sie ja leider nicht ein.
    Der Link zur britischen Quelle erhellt doch die Umstände und Behauptungen zum angeblich billigen Strom aus Kernenergie recht gut. Auch den Zusammenhang zwischen zivilen KKW und militärischen, nuklearen Ambitionen.

    1. 11 Cents pro kWh beziehen sich auf einen CfD in Großbritannien. Dort ist das deutlich günstiger als bei anderen Erzeugern. Was hat das mit Deutschland zu tun? Anderer Strommarkt, andere Subventionen, anderer Strommix, kein Kapazitätsmarkt, andere Preise. Wie wäre es Äpfel mit Äpfeln zu vergleichen?

      Ein total aus dem Ruder gelaufener Kraftwerks-Prototyp kostet 4 Cents pro kWh. Solar und Wind kosten 8-12 Cents pro kWh. Quizfrage: Was davon ist preisgünstiger?

  9. Joe Schmidt

    Welchen “total aus dem Ruder gelaufener Kraftwerks-Prototyp” meinen Sie und von wann bzw. unter welchen Annahmen wurde diese Kostenschätzung gemacht?
    .
    Für die Stromerzeugung aus EE schreibt das konservative ifo-Institut von unerwartet schnell fallenden Preise für
    Wind- und Solar energie …
    https://www.ifo.de/DocDL/sd-2018-04-lippelt-etal-kzk-auktionen-2018-02-22.pdf
    Da gibt es auch einen interessanten internationalen Überblick. Viele Zahlen stammen aus 2016 und sind bis heute weiter gefallen. Auch zur Kernenergie gibt es ein paar Aussagen:

    … garantiert die britische Regierung dem Betreiberkonsortium für 35 Jahre umgerechnet etwa 105 Euro/MWh, was weit jenseits der meisten Auktionsergebnisse für Wind- und Solarenergie liegt.

    Was also kommt den Stromkunden langfristig billiger?

    1. “Welchen “total aus dem Ruder gelaufener Kraftwerks-Prototyp” meinen Sie”

      Wir reden immer noch von Flamanville, dem teuersten der vier EPR-Prototypen.

      Es ist aber nicht mehr 2016 und die Preise für Wind an Land sind schon längst nicht mehr am fallen. Auch Solar sieht erste Preissteigerungen wegen Rohstoffmangels.

      https://www.bloomberg.com/news/articles/2021-05-23/solar-power-s-decade-of-falling-costs-is-thrown-into-reverse

      Ist ja logisch, dass man nicht beliebig skalieren kann, wenn man auf so große Ressourcenmengen angewiesen ist. Je mehr man an Solar und Wind zubaut, desto teurer wegen Systemkosten und Ressourcenengpässen.

      1. Joe Schmidt

        “Wir reden immer noch von Flamanville, dem teuersten der vier EPR-Prototypen.”
        Sie meinen, das sei der Teuerste – obwohl Hinkley Point C noch am Anfang der Bauphase steht?
        Da möchte ich meine Zweifel anmelden, wenn Sie schon auf Preissteigerungen durch Rohstoffmangel anspielen.
        .
        Haben wir tatsächlich nicht genug Sand (Polysilizium, eine ultra-raffinierte Form von Silizium, eines der am häufigsten vorkommenden Materialien auf der Erde, das auch im Strandsand zu finden ist.) mehr – oder sind nur die Herstellungskapazitäten für Polysilizium durch die stark gestiegene Nachfrage einfach ausgelastet und daher steigt der Weltmarktpreis?
        Immerhin ist Silizium nicht nur Grundstoff für die Solarindustrie, sondern auch für die Chipproduktion. Übrigens haben Sie wieder sehr selektiv dargestellt. Denn in der Quelle steht auch:
        “Die Unterbrechung des langfristigen Abwärtstrends bei den Kosten wird jedoch teilweise durch die kontinuierliche Verbesserung der Effizienz von Solarmodulen ausgeglichen, …”
        Genau das, was Sie als langjährigen Trend nicht wahrhaben wollen.
        .
        Also wenn ich das marktwirtschaftliche Gesetz von Angebot und Nachfrage richtig verstanden habe, dürften eine Zeitlang die Preise für Solarmodule also steigen um dann wieder – durch Skaleneffekte, verbesserte Technologien und größeres Angebot fallende Preise auszulösen – bis zur Untergrenze, wo die Produktion nicht mehr rentabel für den Hersteller ist.
        Dagegen gibt es bei Kernkraftwerken nicht wirklich die Skaleneffekte und mehr Angebote, die fallende Preise auslösen könnten. Steigende Preise von Zement, Stahl u.a. Rohstoffen düften sich aber (ebenso) direkt auf die Kosten jedes einzelnen “Prototypen” eines Kernkraftwerkes auswirken und die Baukosten in die Höhe treiben, wie Sie es hier nur für die Kosten für Wind- und Solarstrom darstellen …
        .
        Leider weiß ich immer noch nicht, wie Sie auf die Kostenschätzung von 4 Cents pro kWh für Flamanville kommen und welches die Annahmen dafür und der Zeitpunkt für diese Aussage waren.
        Aktuell ist es jedenfalls so, dass in Deutschland mit den grottenschlechten Voraussetzungen im Juni 2021der Marktwert von Solarstrom (mehr hier: https://www.netztransparenz.de/EEG/Marktpraemie/Marktwerte) auf über 6,84 Cent/Kilowattstunde gestiegen ist und somit deutlich über der garantierte Vergütung vieler Anlagen aus den Ausschreibungen – aber auch aller Dachanlagen größer 100 Kilowatt seit Dezember 2020 liegt. Und daher erhalten sie „nur“ den Marktwert Solar und keine EEG-Vergütung (gleitende Marktprämie).
        Lediglich für kleine, meist private Dachanlagen liegen die Vergütungssätze noch bei ca. 7,25Ct/kWh für Neuanlagen – Tendez weiter fallend (ab 01.10.2021 max. 7,21Ct/kWh).
        Das können wir nun mit den 11Ct/kWh – über dreißig Jahre steigend mit der Inflationsrate für Hinkley Point vergleichen …

        1. Die Ressourcen bei einem Kernkraftwerk machen einen winzigen Bruchteil der Kosten aus. Zwei Drittel der Kosten bei Hinkley C sind Finanzierungskosten.

          Silizium? Wer behauptet denn Silizium wäre knapp? Schau dir mal den Ressourcenverbrauch von Solar und Wind an. Besonders Kupfer Nickel und Mangan werden knapp.

          Du behauptest also dieses Jahr wird die EEG-Umlage auf der Stromrechnung 0 sein? Leider falsch. Die mittlere EEG-Festvergütung pro kWh liegt immer noch deutlich über 10 Cents. Da sind wir trotz gestiegener Strompreise noch lange nicht.

          Die Quelle für 4 Cents Gestehungskosten für Flamanville ist nach wie vor Projected Costs of Generating Electricity IEA (2020). Wie oft darf ich das noch wiederholen?

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