Vollkosten pro kWh: Welche ist die günstigste Energiequelle?

Ist Braunkohle wirklich so günstig? Und was kosten eigentlich Solar und Wind im Jahr 2021? Hier sind die Vollkosten für Energiequellen pro kWh Elektrizität.

Die Kostenfrage ist immer die Gretchenfrage. Das gilt besonders beim effizienten Klimaschutz.

Wenn eine Maßnahme bei gleichem Budget doppelt so effektiv ist, dann macht es keinen Sinn auf die ineffektivere Maßnahme zu setzen.

Bei der Stromerzeugung sind die Kostenunterschiede sogar deutlich größer als eine Verdopplung.

Elektrizität aus Biomasse und Dachsolar ist rund 6 Mal so teuer wie aus neuen Wasserkraftwerken und dreimal so teuer wie aus neuen Kernkraftwerken.

Dabei ist es wichtig nicht nur die Stromgestehungskosten zu berücksichtigen, sondern auch Systemkosten und den CO2-Preis.

Hier sind die Vollkosten für verschiedene Energieerzeuger am Standort Deutschland und seinen Nachbarländern.

Die günstigsten Energiequellen pro kWh Elektrizität

Vollkosten nach Stromerzeuger in Deutschland 2HJ2021 - Vollkosten pro kWh: Welche ist die günstigste Energiequelle?

Dies sind die Vollkosten für Energiequellen in Deutschland nach Eurocent pro Kilowattstunde Strom:

  • 2,7 €Cent/kWh AKW Verlängerung
  • 3,0 €Cent/kWh Wasserkraft
  • 4,0 €Cent/kWh AKW neu
  • 8,2 €Cent/kWh Solarpark
  • 9,1 €Cent/kWh Wind
  • 10,3 €Cent/kWh Wind offshore
  • 10,4 €Cent/kWh Braunkohle
  • 11,0 €Cent/kWh Erdgas & Dampf
  • 11,8 €Cent/kWh Steinkohle
  • 12,3 €Cent/kWh Dachsolar
  • 13,3 €Cent/kWh Biogas
  • 17,6 €Cent/kWh Erdgas, offene Turbine

Die Laufzeitverlängerung von abbezahlten Kernkraftwerken um ein bis zwei Jahrzehnte ist die günstigste Art Strom zu erzeugen. Zu Beginn der kommerziellen Kernkraft ist man von nur 40 Jahren Lebenszeit ausgegangen. Es war damals unklar, wie lange ein Reaktordruckbehälter und Stahl in radioaktiver Umgebung einsatzfähig bleiben. Die Praxis hat aber gezeigt, dass Leichtwasserreaktoren Jahrzehnte länger laufen können. Die ersten Laufzeiten wurden auf 80 Jahre verlängert und 100 Jahre werden von Regulatoren untersucht.

Auch der Neubau von Kernkraftwerken sowie Wasserkraftwerken ist dank langer Lebenszeiten günstig. Man geht heute von mindestens 80 Jahren Laufzeit bei Wasserkraft und mindestens 60 Jahren Laufzeit bei Kernkraft aus. Das Problem bei solch langen Zeiträumen ist der hohe Kapitalaufwand zu Beginn und das hohe Risiko einer Strompreis-Vorhersage im Jahr 2060, 2080 oder gar 2100.

Die fossilen Energieträger Kohle und Gas sind deutlich teurer als Kernkraft und Wasserkraft, bei einem Preis von 50€ pro Tonne CO2-Emissionen und aktuellen Brennstoffpreisen. Die höchsten Kosten hat die Stromerzeugung aus Biogas und Erdgas in einer offenen Gasturbine.

Ebenfalls deutlich teurer als Wasserkraft und Kernkraft sind Wind und Solar, wegen ihrer hohen Systemkosten. Wenn Deutschland nicht schon einen so hohen Systemanteil von Wind und solar hätte, wären Windräder und Solarparks mit die günstigsten Energiequellen.

2021: Verdopplung bei Gaspreis, Kohlepreis & CO2-Preis

Im Jahr 2021 gab es enorme Preissteigerungen von:

  • Gaspreis 1
  • Steinkohlepreis 2
  • EU ETS Futures 3

Wenn man von einer Verdopplung der Brennstoffpreise bei Gas und Steinkohle ausgeht, führt das zu beträchtlichen Anstiegen der Vollkosten fossiler Erzeuger:

  • +112%: Braunkohle
  • +90%: Erdgas
  • +57%: Steinkohle

Der Strompreis am Spotmarkt und am Terminmarkt hat sich durch diese Preisanstiege stark erhöht.

Der Hauptgrund für die Preisanstiege ist wohl der gestiegene Bedarf unter anderem aufgrund des kalten Winters 2020/2021, der die Gasspeicher geleert hat. Auch international ist wohl die Nachfrage gestiegen, insbesondere in Asien.

Braunkohle wird nicht global gehandelt, wegen der durch enorme Fördermengen unerschwinglichen Transportkosten. Die Gestehungskosten von Braunkohle sollten sich also kaum verändert haben. Der gestiegene CO2-Preis hat die Kosten des schmutzigsten Erzeugers aber um so mehr erhöht.

Seit Mitte 2021 sind erstmals alle klimafreundlichen Erzeuger in Deutschland günstiger als fossile Energien und Biomasse, mit Ausnahme von Dachsolar. Es gibt aber immer noch große Preisunterschiede zwischen den günstigen sauberen Erzeugern Wasserkraft und Kernkraft und den teuren volatilen Erzeugern Wind und Solar.

Was sind Stromgestehungskosten?

Stromgestehungskosten umfassen Kapitalkosten und variable Kosten über das Leben einer Energiequelle, unter anderem: 4

  1. Rohstoffe
  2. Konstruktion
  3. Instandhaltung
  4. Lohnkosten
  5. Versicherung
  6. Pacht
  7. Brennstoffe
  8. Rückbau
  9. Entsorgung

Es wird dabei der komplette Lebenszyklus betrachtet, von der grünen Wiese zum Kraftwerk und zurück zur grünen Wiese – inklusive Entsorgung.

Die Stromgestehungskosten unterscheiden sich global, je nach Rohstoffpreisen, Expertise und Klima:

  • In den USA sind Gaskraftwerke durch Fracking-Erdgas rund ein Drittel günstiger.
  • Russische Kernkraftwerke sind wegen der hohen Expertise rund ein Drittel günstiger.
  • In Australien ist Photovoltaik wegen der vielen Sonnenstunden nur halb so teuer.

Der Wert für Kernkraft hier im Artikel bezieht sich zudem noch auf einen Reaktor-Prototyp und ist deshalb höher als er sein müsste. Das Kernkraftwerk in Flamanville ist leider der einzige Reaktorneubau in Mitteleuropa in den letzten Jahren.

Die Zahlen hier im Artikel stammen aus Deutschland und seinen Nachbarländern. 5

Systemkosten Solarstrom in Deutschland - Vollkosten pro kWh: Welche ist die günstigste Energiequelle?

Was sind Systemkosten?

Zu den Stromgestehungskosten kommen noch Integrationskosten in das Stromnetz, die Systemkosten.

Für die meisten Energiequellen sind die Systemkosten konstant niedrig mit 0,1 bis 0,2 Cent pro kWh. Schnell regelbare offene Gasturbinen liegen sogar bei 0,05 Cent pro kWh. 6

Hohe Systemkosten verursachen dagegen die wetterabhängigen Erzeuger Wind und besonders Solar. Sie starten bei 1% Systemanteil mit rund 2 Cent pro kWh und steigen mit wachsendem Zubau: 7

  • 5% Systemanteil: 2,8 Cent/kWh Wind, 2,8 Cent/kWh Solar
  • 10% Systemanteil: 3,7 Cent/kWh Wind, 4,5 Cent/kWh Solar
  • 15% Systemanteil: 4,4 Cent/kWh Wind, 5,5 Cent/kWh Solar
  • 20% Systemanteil: 4,8 Cent/kWh Wind, 7,3 Cent/kWh Solar
  • 25% Systemanteil: 5,1 Cent/kWh Wind, 12,3 Cent/kWh Solar

Die Systemkosten von Solar steigen deutlich schneller als die von Wind, weil der Kapazitätsfaktor kleiner ist. Außerdem fällt die Solarstromerzeugung jeden Abend vollständig aus und trägt nichts zur Deckung der Jahres-Spitzenlasten an Winterabenden bei.

Bei den gegenwärtigen Systemanteilen in Deutschland von 10% Solar und 27% Wind 8 liegen die Systemkosten bei 4,5 Cent pro kWh Solar und 5,4 Cent pro kWh Wind.

Systemkosten Windkraft in Deutschland - Vollkosten pro kWh: Welche ist die günstigste Energiequelle?

Systemkosten von Erneuerbaren

Die Systemkosten für Wind und Solar stammen aus einer viertelstündlichen Betrachtung von Produktion und Verbrauch in Deutschland über ein Jahr. Es werden 6 Komponenten der Systemkosten berücksichtigt (1-6):

  1. Netz
    Der durch die Integration nötige Netzausbau und die Netzerweiterung.
  2. Regelenergie
    Kosten durch Netzeingriffe, insbesondere durch unerwartete Ausfälle.
  3. Backup
    Erwartete Ausfälle zum Beispiel für Wartung oder bei Flaute und Nachts für Wind und Solar.
  4. Überproduktion
    An sonnen- oder windreichen Tagen kann der zu viel produzierte Strom nicht verbraucht werden.
  5. Volllaststunden-Reduktion
    Solar und Wind können bestehende Kraftwerke nicht ersetzen. Sie senken aber deren Produktion und verursachen so zusätzliche Kosten.
  6. Kapazitätsanpassung
    Durch Wind und Solar wird ein Umbau des Kraftwerksparks nötig, z.B. Gaspeaker statt Grundlastkraftwerken.
  7. Flexibilität
    Steile Leistungsrampen von Wind und Solar erhöhen Verbrauch und Verschleiß bei fossilen Kraftwerken in Lastfolge.

Die letzten 4 Posten tauchen aufgrund der Abhängigkeit vom Wetter nur bei Wind und Solar auf. Die ersten 3 Posten spielen bei allen Energiequellen eine Rolle. Sie sind allerdings bei Solar und Wind kostspieliger, wegen der Entfernung zum Verbraucher, der ungenauen Produktionsvorhersage und den sehr häufigen Backup-Situationen. Die Systemkosten durch Flexibilität (7.) wurden nicht berücksichtigt, sie fallen aber wohl niedrig aus.

Viele der Systemkosten äußern sich an der Strombörse am niedrigen Wert von Wind- und Solarstrom sowie an insgesamt sinkenden Wert von Elektrizität beim Zubau von Wind und Solar. Deshalb ist in der Literatur auch die Rede vom Systemwert, etwa VALCOE 9 oder LACE 10. Ob man Systemwert oder Systemkosten betrachtet ist aus ökonomischer Sicht egal. Die Systemkosten sind aber deutlich einfacher vergleichbar.

In Deutschland werden Wind und Solar wegen ihrer Unvorhersehbarkeit nicht am Terminmarkt oder OTC gehandelt. Sie müssen sich mit den niedrigen Preisen am Spotmarkt begnügen. Selbst am Spotmarkt ist der Börsenpreis von Wind und Solar im Schnitt niedriger als der von anderen Energiequellen. Während dem vorübergehend hohen Systemanteil während dem nachfragearmen Corona-Lockdown 2020 sank der Wert von Wind- und Solarstrom durch Überproduktion sogar noch deutlich von 3 Cent pro kWh auf unter 1 Cent pro kWh.

Solche Gewinneinbußen werden in Deutschland nicht vom Verursacher getragen, sondern über die EEG-Umlage vom Stromverbraucher. Andere Komponenten der Systemkosten sind in Deutschland auch nicht nach dem Verursacherprinzip internalisiert. Das betrifft insbesondere den Netzausbau, die Volllaststundenreduktion und die Regelenergie.

Diese Kosten werden von Dritten übernommen, aber letztendlich auf den Stromverbraucher umgelegt in Form von hohen Strompreisen. Systemkosten sind in Deutschland also externe Kosten, die nicht vom Verursacher bezahlt werden.

Was sind externe Kosten?

Systemkosten sind nicht die einzigen externen Kosten. Eine große Rolle spielt auch die Sicherheit von Energiequellen, egal ob im laufenden Betrieb oder bei Unfällen. Jeden Tag sterben an der Luftverschmutzung durch fossile Brennstoffe und Biomasse rund 10.000 Menschen. Dagegen verblassen selbst die größten Energie-Unfälle wie Banqiao (200.000 Todesfälle), Machchhu (10.000 Todesfälle) und Tschernobyl (4000 Todesfälle).

Ein prominentes Beispiel für externe Kosten ist der Klimawandel. Ein Teil der Klima-Kosten wird in der EU über den Emissionshandel internalisiert, indem Stromerzeuger für ihre CO2-Emissionen bezahlen. Der Preis ergibt sich durch die Nachfrage am Markt und das begrenzte Angebot von Emissionszertifikaten pro Jahr (Cap and Trade).

Der aktuelle Preis liegt bei rund 50€ pro ausgestoßener Tonne CO2. 11 Damit wird hier im Artikel gerechnet. Um Solarparks und Windräder ohne Förderungen gegenüber Braunkohle konkurrenzfähig zu machen, müsste der Preis pro Tonne CO2 auf 55€ steigen.

Die Zertifikate werden jedes Jahr verknappt, wodurch der Preis langfristig steigt. Das wissen allerdings auch die fossilen Erzeuger. Die haben sich in den letzten Jahren mit Zertifikaten zu viel niedrigeren Preisen im einstelligen Euro-Bereich eingedeckt. Der aktuelle Preis ist also für bereits laufende Kraftwerke mit einem Vorrat an Zertifikaten leider nicht aussagekräftig.

Stark umstritten ist die faire Höhe des CO2-Preises um die tatsächlichen Kosten abzubilden. Die Berechnungen zu den sogenannten Social Costs of Carbon reichen von wenigen Euro bis Hunderten Euro pro Tonne CO2. Die Schadenshöhe hängt stark von Klimamodell, Klimafolgenerwartung, Kipppunkten und mehr ab. 12

Weitere externe Kosten neben den Klimaschäden sind vor allem Luftverschmutzung und Ressourcennutzung. 13 Die vom Klima unabhängigen externen Kosten sind bei Kohle und Öl am höchsten. Erdgas, Biomasse, Solar, Geothermie und Kernkraft liegen im Mittelfeld. Wind und Wasser erzeugen die niedrigsten externen Kosten.

Nur bei einer vollständigen Internalisierung der externen Kosten ist ein fairer Wettbewerb möglich. So lange es externe Kosten gibt, steigen die Kosten für das Gesamtsystem und die Endpreise für Verbraucher.

Vollkosten bei vollständiger Berücksichtigung von Umweltschäden

Vollkosten nach Energiequelle inklusive externe Kosten - Vollkosten pro kWh: Welche ist die günstigste Energiequelle?

Externe Kosten für Umweltschäden und Gesundheitsschäden unterscheiden sich stark nach Erzeuger:

  • 57,3 €Cent/kWh Steinkohle
  • 17,4 €Cent/kWh Erdgas
  • 9,9 €Cent/kWh Dachsolar
  • 8,3 €Cent/kWh Solarpark
  • 4,0 €Cent/kWh Wind an Land
  • 4,0 €Cent/kWh Wind Offshore
  • 2,9 €Cent/kWh Kernkraft
  • 0,8 €Cent/kWh Wasserkraft

Die Relationen stammen aus einer Studie zu Umweltauswirkungen von Energiequellen der Vereinten Nationen über den Lebenszyklus14

Um auf Kosten in Euro zu kommen wurde von mir ein CO2-Preis von 195€ pro Tonne CO2 angenommen. Das sind laut Umweltbundesamt die gesellschaftlichen Kosten der Klimaerwärmung.15

Bitte genieße diese externen Kosten mit Vorsicht. Sie hängen vom gewählten CO2-Preis und anderen Unsicherheiten ab. Es geht um Größenordnungen, nicht um zig Stellen hinter dem Komma.

Wenn man diese externen Kosten auf den Strompreis aufschlagen würde, wäre die Kohleverbrennung weit jenseits der Wirtschaftlichkeit. Auch die Vollkosten von Erdgas, Windkraft und Photovoltaik sind sehr hoch. Biomasse und Braunkohle wurden leider nicht in der Studie betrachtet, sind aber vermutlich unbezahlbar.

Zugegeben, es ist leider äußerst unwahrscheinlich, dass in Zukunft alle Kosten nach dem Verursacherprinzip bezahlt werden. Deshalb wird dieses Szenario rein hypothetisch bleiben. Ein CO2-Preis von 200 Euro in den 2030ern würde mich hingegen nicht überraschen.

Was sind fixe & variable Kosten?

Fixe Kosten entstehen unabhängig davon wie viel Strom produziert wird. Es handelt sich um Kapitalkosten beim Bau, Rückbau und der Modernisierung eines Kraftwerks, inklusive der Finanzierung. Ebenso fix sind die Pacht, Gehälter von Mitarbeitern und Instandhaltungskosten.

Variable Kosten steigen, je mehr Elektrizität erzeugt wird. Dies sind also Kosten im täglichen Betrieb, insbesondere durch Brennstoffe und nutzungsbedingte Wartung.

Die Kosten klimaschädlicher fossiler Kraftwerke und Biomasse sind größtenteils Brennstoffkosten, also variable Kosten. Mit hohen variablen Kosten lohnt es sich nicht bei niedrigen Börsenpreisen Strom zu erzeugen.

Die Kosten klimafreundlicher Energiequellen Wind, Solar, Kernkraft, Geothermie und Wasserkraft sind größtenteils Kapitalkosten, also fixe Kosten. Diese Erzeuger können auch bei niedrigen Börsenpreisen einen Ertrag erwirtschaften.

Weil das Speichern von Strom unwirtschaftlich ist, lohnt es sich immer dann Strom zu erzeugen, wenn die Börsenpreise höher sind als die variablen Kosten. Das gilt sogar dann, wenn die Börsenpreise unter den gesamten Gestehungskosten liegen, also inklusive Fixkosten.

Das ist ähnlich wie im Tourismus. Ein Hotelzimmer kann nicht bis zum Folgetag “gespeichert” werden. Bevor ein Zimmer über Nacht leer steht lohnt es sich sogar das Zimmer zu verramschen, so lange der Zimmerpreis über den niedrigen variablen Kosten liegt (z.B. Putzen, Wäsche, Abnutzung).

Die Fixkosten mit kurzfristigen Profiten nur zum Teil zu decken ist besser als sie gar nicht zu decken. Weil Kraftwerke nicht beliebig schnell hoch und runterfahren, kann es sogar lohnenswert sein Strom für kurze Zeit unter den variablen Kosten zu verkaufen.

Auf lange Sicht müssen die Fixkosten natürlich gedeckt werden um einen Bankrott zu vermeiden. Höhere Preise an einem anderen Tag können den Schnitt über die Gestehungskosten heben.

Je älter ein Kraftwerk, desto geringer ist der finanzielle Druck durch Fixkosten. Komplett abgeschriebene Kraftwerke müssen keine Kapitalkosten mehr bedienen. Den Unterschied sieht man beim Kostenvergleich zwischen der Laufzeitverlängerung und dem 50% teureren Neubau von Kernkraftwerken.

Was ist der Abzinsungsfaktor?

Ein hoher Fixkosten-Anteil ist schlecht für die Finanzierung, weil der Amortisierungszeitraum dadurch verlängert wird. Je länger Investoren auf ihr Geld warten desto größer ist das Risiko durch Unwägbarkeiten wie Rohstoffpreise, Strompreise und ganz maßgeblich die Energiepolitik. Dieses Risiko zeigt sich in hohen Abzinsungsfaktoren.

Bei einer Verdopplung oder Verdreifachung des Abzinsungsfaktor von den hier verwendeten 3% steigen die Gestehungskosten. Das gilt um so mehr bei den kapitalintensiven Erzeugern Wasserkraft, Windkraft, Kernkraft und Photovoltaik: 16

  • Wasserkraft
    3%->6%: 155%
    3%->9%: 220%
  • Kernkraft
    3%->6%: 141%
    3%->9%: 194%
  • Photovoltaik
    3%->6%: 126%
    3%->9%: 155%
  • Windkraft
    3%->6%: 123%
    3%->9%: 149%
  • Kohle
    3%->6%: 112%
    3%->9%: 127%
  • Erdgas
    3%->6%: 105%
    3%->9%: 110%

Je höher der Abzinsungsfaktor, desto lukrativer werden klimaschädliche Kohle- und Gaskraftwerke mit niedrigen Kapitalkosten. Es ist also Aufgabe einer klimafreundlichen Politik den Abzinsungsfaktor für klimafreundliche Energiequellen niedrig zu halten. Das passiert durch Förderungen oder Garantien.

In Deutschland wird heute ohne weitreichende staatliche Garantien sowieso niemand mehr ein Kernkraftwerk bauen, egal wie lukrativ das ist. Die deutsche Energiepolitik hat jedes Vertrauen in Investitionen zerstört durch den Atomausstieg (2002), den Ausstieg aus dem Atomausstieg (2010) und den Ausstieg aus dem Ausstieg aus dem Atomausstieg (2011). Wie viel Vertrauen hätten Investoren, wenn morgen der Ausstieg aus dem Ausstieg aus dem Ausstieg aus dem Atomausstieg beschlossen wird?

Der Vertrauensverlust in langfristige Investitionen betrifft nicht nur Kernkraftwerke, sondern den gesamten deutschen Energiemarkt. Selbst bei den für die Energiewende notwendigen Gaskraftwerken gibt es durch die deutsche Energiepolitik eine große Unsicherheit.

Historischer Kostenverfall von Solar & Wind

Historische Vollkosten nach Erzeuger in Deutschland - Vollkosten pro kWh: Welche ist die günstigste Energiequelle?

Die Kostensenkungen von Strom aus Windenergie und insbesondere Photovoltaik zwischen 2010 und 2020 waren enorm:

  • -70% Kosten von Photovoltaik
  • -35% Kosten von Wind an Land

Im gleichen Zeitraum sind die Kosten von Steinkohle und Erdgas fast gleichgeblieben. Die Kosten von Biogas sind sogar leicht gestiegen.

Die Kosten von Kernkraft sind seit 2010 um 20% gesunken. Das war aber nur eine Rückkehr auf ein Kostenniveau, das bereits in den Achtziger und Neunziger Jahren erreicht wurde.

Die Kosten von Kernkraftwerken in Mitteleuropa sind immer im Flux gewesen, zwischen 4 und 6 Cents pro kWh. Mal sehen ob Fehler aus der Vergangenheit in den Zwanziger Jahren vermieden werden können, insbesondere bei der Planung.

Die 2015er Ausgabe der Projected Costs of Generating Electricity beinhaltet historische Preise bis zurück in das Jahr 1981. Bis 2005 wurden allerdings nur Kohle, Erdgas und Kernkraft berücksichtigt. 17

Prognose der zukünftigen Vollkosten von Solar & Wind

Prognose Gestehungskosten Systemkosten Photovoltaik - Vollkosten pro kWh: Welche ist die günstigste Energiequelle?

Zu den Kostensenkungen von Solar und Wind gibt es allerdings einen gegenläufigen Trend. Mit steigendem Zubau und steigendem Systemanteil steigen die Systemkosten und zwar exponentiell.

Wenn ein Land Solar und Wind zu schnell ausbaut, dann steigen die Systemkosten schneller als die Gestehungskosten fallen können.

In Deutschland ist es ein politisches Ziel 65% vom Strommix im Jahr 2030 aus erneuerbaren Quellen zu decken.

Im ersten Halbjahr des Jahres 2021 waren es erst 41%. Der Systemanteil von Wind und Solar muss also um jeweils gut einen Prozentpunkt pro Jahr wachsen.

Damit steigen die Systemkosten bis ins Jahr 2030 um:

  • +80% Systemkostenanstieg Photovoltaik
  • +20% Systemkostenanstieg Windenergie

Wenn die Lernkurve mit exponentiellem Kostenverfall bei Wind und Solar fortschreitet wie bisher, stehen dem bis 2030 gegenüber:

  • -78% Gestehungskostensenkung Photovoltaik
  • -46% Gestehungskostensenkung Windenergie

Bei der Solarenergie wird der Systemkostenanstieg die Kostenvorteile vollständig auffressen. Bei der Windenergie bleiben noch ca. 26% Kostensenkung übrig.

Was sind Wärmegestehungskosten?

Die Wärmegestehungskosten für die Erzeugung von Prozesswärme oder Fernwärme in Kraftwerken sind niedriger als die Stromgestehungskosten. Das liegt daran, dass thermische Kraftwerke keine Elektrizität erzeugen, sondern Wärme.

Die Umwandlung von Wärme in Strom geschieht dann unter Verlusten. Die Wirkungsgrade bei modernen Kraftwerken sind ungefähr so:

  • ~40% Kernkraft, Kohle, Gas, Biomasse
  • ~60% Gas-und-Dampf-Kraftwerk

Das heißt umgekehrt, dass thermische Kraftwerke bei der Wärmeerzeugung deutlich effizienter und damit günstiger sind. Die Wärmegestehungskosten liegen bei gut einem Drittel der Stromgestehungskosten.

Die niedrigen Wärmegestehungskosten nutzt man bei der Kraft-Wärme-Kopplung. KWK-Kraftwerke mit angekoppelter Fernwärme oder Prozesswärme können ihre Gestehungskosten deshalb deutlich senken. Das Problem mit KWK und Fernwärme ist der extrem saisonale Bedarf. Zumindest Prozesswärme wird das ganze Jahr gebraucht.

Welche ist die günstigste Energiequelle?

Die günstigste Art Strom zu erzeugen ist die Laufzeitverlängerung von Kernkraftwerken im Alter von 40 Jahren.

Um so tragischer ist es, dass wir unsere klimafreundlichen Kernkraftwerke nach nur 40 Jahren Laufzeit abschalten wollen. Noch ist es nicht zu spät sie zu retten: #SaveGER6

Updates:

  • 2.1.2021: Erstmals veröffentlicht.
  • 20.09.2021: Verdopplung von CO2-Preis, Gaspreis und Kohlepreis eingepflegt.
  • 25.10.2021: Absätze & Diagramme zu historischen Kosten und Kostenprognose.
  • 6.12.2021: Externe Umweltkosten aus der UNECE-Studie eingepflegt.

Quellen

  1. Dutch TTF Natural Gas Futures Trading View (2021)
  2. Rotterdam Coal FuturesTradingview(2021)
  3. EEX EUA Future Ember (2021)
  4. Projected Costs of Generating Electricity IEA (2020)
  5. Mittelwert der Kosten von IEA (2020) aus den mitteleuropäischen Ländern Deutschland, Österreich, Schweiz, Dänemark, Belgien, Frankreich und Niederlande. Die Brennstoffkosten von Steinkohle und Erdgas wurden gegenüber den Studienwerten verdoppelt. Wegen Datenmangel wird bei Steinkohle der globale Mittelwert verwendet und bei Biomasse der Mittelwert aus Italien. Bei heimischer Braunkohle wird wegen Datenmangel der Wert einer dedizierten Studie zu den deutschen Kosten verwendet Booz & co (2012)
  6. Nuclear Energy and Renewables: System Effects in Low-carbon Electricity Systems NEA-OECD (2012)
  7. System LCOE: What are the costs of variable renewables? Ueckerdt et al (2013)
  8. Nettostromerzeugung Energy-Charts (2020)
  9. Levelised Cost of Value-Adjusted LCOE IEA (2019)
  10. Levelized Avoided Cost of Electricity (LACE) EIA (2018)
  11. EU Emissions Trading System finanzen.net (Jan 2021)
  12. Why the social cost of carbon will always be disputed Pezzey (2018)
  13. Subsidies and costs of EU energy ECOFYS (2014)
  14. Life Cycle Assessment of Electricity Generation Options UNECE (2021)
  15. Methodenkonvention 3.1 zur Ermittlung von Umweltkosten Umweltbundesamt (2020)
  16. Levelised Cost of Electricity Calculator IEA (2020)
  17. Projected Costs of Generating Electricity – 2015 Edition IEA (2015)

Dieser Beitrag hat 120 Kommentare

  1. Christopher Lüning

    Die Zahlen zu AKW neu sind für Europa falsch. Wir können von 10 ct / kWh locker ausgehen.

    1. Wie können die Zahlen denn falsch sein?

      Die IEA bezieht sich auf die Kosten eines Kernkraftwerkes der Generation III in Frankreich, womit höchstwahrscheinlich Flamanville gemeint ist. Das ist ein EPR-Prototyp. Was ist daran falsch?

      1. Volker Sornig

        Da möchte ich C.Lüning Recht geben.
        Beim letzte Neubau in Frankreich haben sich die Baukosten mehr als verdreifacht und ist immer noch nicht am Netz.
        Und was ist mit den Ewigkeitskosten für eine Million Jahre Lagerung?

        1. Der Neubau in Frankreich ist mit rund 4 Cents pro kWh immer noch deutlich billiger als die Alternativen. Und das ist ein Prototyp eines neuen Reaktor-Designs.

          Ewigkeitskosten gibt es bei der Steinkohle, nicht bei der Kernkraft. In den Gestehungskosten sind Entsorgungskosten enthalten. Hier ist der Endlager-Artikel.

          1. Joe Schmidt

            Wäre es dir lieber, wenn ich mit den unter 3 Cents pro kWh Kosten aus den Achtzigern werbe? Oder den chinesischen und koreanischen 2,5 Cents pro kWh?

            Nein, mir wäre es lieb, wenn Sie nicht mit völlig unrealistischen Zahlen argumentieren würden.
            In keiner Quelle kann es tatsächliche Gestehungskosten für das AKW Flamanville geben – denn es ist noch nicht fertig gebaut.
            Nicht einmal Ihre eigenen Quellen belegen Ihre Behauptung.
            Was ich gefunden habe sind als Prognose (!) bezeichnete 5$/kWh (4,2Ct/kWh) – mit einer Annahme der Baukosten, die längst überholt ist.
            Wenn Flamanville von anfangs prognostizierten 3,3-4Mrd.€ mit aktuell >12,4 Mrd.€ Baukosten und >19 Mrd.€ Gesamtkosten immer noch nicht am Netz ist und von Ihnen als “Prototyp eines neuen Reaktor-Designs” und teuerste Lösung dargestellt wird, dann frage ich mich, warum nach der Lernphase mit Olkiluoto und den beiden chinesischen Blöcken für den neuesten, aktuellsten EPR-Reaktorneubau Hinkley Point C jetzt schon >30 Mrd.€ veranschlagt werden.
            Warum dieser aktuellste EPR-Reaktor gar nicht im Report auftaucht, weiß wohl nur die NEA, die Nuclear Energy Agence, die die Zahlen für den iea-Bericht Bericht zugearbeitet hat …

          2. Florian Blümm

            “Nicht einmal Ihre eigenen Quellen belegen Ihre Behauptung.
            Was ich gefunden habe sind als Prognose (!) bezeichnete 5$/kWh (4,2Ct/kWh) – mit einer Annahme der Baukosten, die längst überholt ist.”

            Hier nochmal die Quelle von Dezember 2020, aus der meine Gestehungskosten stammen.

            “dann frage ich mich, warum nach der Lernphase mit Olkiluoto und den beiden chinesischen Blöcken für den neuesten, aktuellsten EPR-Reaktorneubau Hinkley Point C jetzt schon >30 Mrd.€ veranschlagt werden.”

            Wenn du 4 Prototypen zeitlich parallel baust, dann hast du natürlich keine Lernkurve. Die Lernkurve kannst du erst am 5. EPR sehen, dem zweiten Reaktor in Hinkley C. Der wurde nach dem ersten Reaktor in Hinkley C gebaut und kommt deutlich schneller voran.

            Bei den geplanten EPR2 hat man schon in der Planungsphasen aus den Fehlern des EPR gelernt. EPR2 verzichten auf Späße wie Doppel-Containments und werden schneller zu bauen sein.

          3. C.Walz

            Im Juli 2020 wurde ein Bericht publik, wonach sich die bis dato bekannten Gesamtkosten des Projektes von den bisher kommunizierten 12,4 Mrd. Euro um weitere 6,7 Mrd. auf dann ca. 19,1 Mrd. Euro erhöhen sollen. Rund zwei Drittel davon sind auf Zinszahlungen während der Bauzeit zurückzuführen, hinzu kommen Ausgaben zur Vorbereitung der Inbetriebnahme wie die Beschaffung von Ersatzteilen und Kernbrennstoff.[28] Dieser Bericht des französischen Rechnungshofes zum EPR schätzt die Gestehungskosten für elektrische Energie bei Block 3 des KKW Flamanville auf 11 ct/kWh (110 €/MWh) bis 12 ct/kWH (120 €/MWh).

          4. Florian Blümm

            Die Gestehungskosten kann man sich anhand der 19,1 Mrd. Euro leicht selbst ausrechnen. Das sind rund 2,5 Cents pro kWh. Typische Betriebskosten sind 1,5-2,5 Cents pro kWh also maximal 5 Cents pro kWh für den EPR-Prototyp.

            11 Cents pro kWh sind anhand dieser Zahlen vollkommen ausgeschlossen, außer man rechnet Profite mit rein. Das sind dann aber keine Gestehungskosten.

          5. Michael Liebelt

            Ich vermute mal, dass da noch einiges an Kapitalkosten dazu kommt.
            Wenn binnen 13 Jahren 2/3 von 19,1 Mrd = 12,7 Mrd reine Zinszahlungen sind und das Ding jetzt konservativ geschätzt noch 30 Jahre laufen soll und entsprechend über die Zeit abbezahlt wird, kommt alleine damit noch einiges an Kosten drauf. Bin jetzt leider zu wenig Betriebswirt um das ausrechnen zu können.
            Dazu kommt dann natürlich noch, dass der Betreiber eine Rendite sehen will.
            Von daher halte ich die 11 Cent mit deinen Zahlen als Basis + die genannten Zusatzkosten für durchaus realistisch.
            Zinseszins ist echt krass, wenn man das mal richtig ausgerechnet hat.

  2. Lukas

    Hi Florian,
    ich habe mich selbst einmal ein wenig in den IEA Report eingelesen, auf dem nach meinem Verständnis ja deine Berechnungen fußen. Der Bericht beruht doch auf historischen Werten und ist somit für Überlegungen bzgl. der Zukunft nicht geeignet? Die Preise sind doch v.a. im Bereich der erneuerbaren Energien heute viel niedriger, da durch die Weiterentwicklungen der Technologien die Preise stets sinken, wie beispielsweise die Studie vom Frauenhoferinstitut aus dem Jahr 2018 (Stromgestehungskosten Erneuerbare Energien S. 24) aufzeigt.

    Daneben hat beispielsweise der im Bau befindliche Nuklearreaktor Hinkley Point C gezeigt, wie teuer Atomstrom durch neue Atomkraftwerke ist (£92.50/MWh in 2012 prices) und wielange es dauert diese zu planen und zu bauen. Besonders die (inflationsbereinigte) Preisgarantie über die 35-jährige Laufzeit zeigt doch jetzt schon ganz klar, dass Atomenergie jetzt bereits viel teurer ist als die erneuerbaren EnergienA. Daneben durch die lange Laufzeit ein hohes Risiko und ohne Spielraum für weiterentwicklungen.
    Dementgegen haben Atomkraftwerke die mit ähnlichen Leistungen vor 30 Jahren gebaut wurden natürlich bessere Werte, da diese von der Inflation profitieren und sich mit dementsprechend alten Windanlagen in der Studie der IEA gemessen haben. Deinen Schlussfolgerungen zum Strompreis und der generellen Überzeugung bzgl. der Wirtschaftlichkeit (neuer) von Atomkraft kann ich deswegen nicht folgen, auch wenn ich den Vorschlag Atom,- statt Kohlekraftwerke länger laufen zu lassen ökologisch auch für sinnvoller erachte 😉

    Generell hat dein Blog viele interessante Punkte, jedoch solltest du besonders beim Thema PV und Windenergie mehr aktuelle Zahlen und Studien heranziehen, als die alten Schinken von 2013 o.ä.
    Grüße Lukas

    1. Gestehungskosten sind notgedrungen immer historisch, sonst hast du eine Prognose. Die Zahlen des IEA-Reports sind von Ende 2020, also sehr aktuell. Ich kann mir nicht vorstellen, dass seitdem viel passiert ist.

      Es ist doch sogar festzustellen, dass die Kosten von Solar und vor allem Wind kaum noch fallen, und teilweise wegen Rohstoffkosten sogar steigen, siehe Solar Power’s Decade of Falling Costs Is Thrown Into Reverse.

      Die 92,50 Pfund pro MWh haben wenn überhaupt gezeigt, dass Kernkraft 50% günstiger als Windkraft ist. Windprojekte in Großbritannien zur gleichen Zeit wurden mit 140 bis 150 Pfund pro MWh bezuschusst, siehe United Kingdom Support for five Offshore Wind Farms: Walney, Dudgeon, Hornsea, Burbo Bank and Beatrice Das sind aber nur die CfDs, also Subventionen. Das ist die Einnahmenseite, nicht die Kostenseite. Die Kosten müssen notgedrungen niedriger liegen, sonst hast du keinen Profit. Wie niedrig? Sagt zum Beispiel der IEA-Report.

      Die von mir, für den Standort Deutschland, berücksichtigten Kosten der Kernkraft im IEA-Report basieren auf Flamanville. Das ist der französische EPR-Reaktor, der sogar noch teurer als Hinkley Point C ist. Trotzdem ist er um einiges günstiger als Solar und Wind.

      1. Joe Schmidt

        Gestehungskosten sind notgedrungen immer historisch, sonst hast du eine Prognose.

        Genau deshalb gibt es auch keine tatsächlichen Gestehungskosten für den EPR Flamanville.
        Auch nicht für Olkiluoto.
        Beide erzeugen noch keinen Strom – sind nicht am Netz.
        Wenn die Gesamtkosten für Flamanville nun schon >19Mrd.€ betragen (im Bericht mit 12,4Mrd.€ angesetzt) und für das Folgeprojekt Hinkley Point C kurz nach Baubeginn aktuell schon mit >30Mrd.€ veranschlagt werden, ist zumindest noch nichts von den Kostensenkungen zu sehen, die die NEA im iea-Report in Aussicht gestellt hat.
        Ich kann da jedenfalls nicht erkennen, dass Flamanville teurer wäre, wie von Ihnen behauptet und die prognostizierten Gestehungskosten dürften auch nicht mehr stimmen …

        1. “Ich kann da jedenfalls nicht erkennen, dass Flamanville teurer wäre, wie von Ihnen behauptet und die prognostizierten Gestehungskosten dürften auch nicht mehr stimmen …”

          30 Milliarden Euro für 2 Reaktoren ist nach Adam Riese günstiger als 19 Milliarden Euro für einen.

  3. Lukas Hörner

    Hi Florian,
    meine Antworten auf deine Fragen – ich bitte dich diesmal nicht mit Zahlen bzgl. der Wirtschaftlichkeit von PV und Windenergie aus 2014 o.ä. zu agrgumentieren – wie ich mehrfach in meiner Ausführung zeige, sind diese nicht mehr anwendbar.

    Ich vergleiche aktuelle Kosten. Aktueller als Dezember 2020 wird es nicht. Prognosen für 2050, wie in den 100%-EE-Studien traue ich nicht weiter, als ich sie werfen kann. Gestehungskosten basieren schon auf so vielen Annahmen, dass sie einigermaßen nutzlos sind. Prognosen sind zig Mal nutzloser, das hat man immer wieder gesehen.

    Nach deiner Aussage vertraust du auf aktuelle Kosten und nennst die Daten der Studie. Schaut man in die Studie der IEA auf Seite 152 sieht man jedocht, dass hierbei Prognosen für die Zukunft zentral sind. Weder Olkiluoto 3 noch Famville 3 sind aktuell am Netz. Das Budget von 2020$ bzw. 1886$/kWe ist auf >5723$ bzw. 8620 $/kWe korrigiert worden – die Bauzeiten belaufen sich statt der geplanten 5 auf mittlerweile 15+ Jahre (keiner der Generation III Reaktoren – weder in China, Russland noch wurde in der geplanten Zeit fertiggestellt). Die Studie selbst (S. 154) geht dabei auch von sinkenden Kosten für Atomkraft aus – jedoch auf der Annahme von Lerneffekten und weiteren zubauten bis 2030 – schaut man auf die aktuellen Projekte, Planungen und Bauzeiten, sind diese Annahmen jedoch aus meiner Sicht um einiges fragwürdiger als die Fortschritte bei den erneuerbaren Energien, die in den letzen 10 Jahren kontinuierlich waren (wie ich später zeige).
    Famville 3 hat mittlerweile statt der geplanten 3Mrd.€ zu Baubeginn 19,1Mrd.€ verschlungen https://www.bloombergquint.com/business/edf-s-ability-to-make-nuclear-power-affordable-still-in-doubt. Olkiluoto 3 statt der geplanten 3Mrd. € zu Baubeginn 2005 mit

    Rechne doch einfach mal die Kapitalkosten von Flamanville oder Hinkley C pro kWh aus und vergleiche das mit aktuellen Kosten von Solar und Wind. Du wirst feststellen, dass selbst ein First of a Kind Prototyp-Reaktor günstiger ist als andere klimafreundliche Erzeuger mit Ausnahme der Wasserkraft. Und du vergisst die Lernkurveneffekte. Der zweite Reaktor in Hinkley C dürfte 20% bis 40% günstiger sein als der erste.

    Für den Verbraucher ist das komplett egal – der Preis von 92,5Pfund pro MWh ist für 35 Jahre festgelegt und wird den Energiepreis für die nächste Generation der Briten verteuern. Der Preis würde mit einem weiteren AKW in Sizwell auf lediglich auf 89,50Pfund fallen wie BBC berichtete – weit höher als aktuelle PV oder Windenergie. Der Telegraph schätzt daher dass die Kosten der ‘future top-up payments under the proposed HPC CfD’ statt der geplanten £6.1 billion auf mittlerweile £50 billion – ist eine Technologie die so hoch subventioniert werden muss für die Energiewende nach aktuellen Technologiemaßstab sinnvoll? Im Gegensatz zu deinen Berechnungen zeigt die Wirtschaft, dass die Ausschreibungen im Energiesektor durch die langen Plan,- Bau,- und Laufzeiten der AKWs sehr viel teurer ist. Daneben gibt es eine hohe Unsicherheit bzgl. der Fertigstellungen, was zu der Erhöhung des Blackout-Risikos in Frankreich beiträgt (wie Heise berichtet.

    Besonders die Aussage, ob der zweite “Reaktor 20% bis 40% günstiger” sein dürfte lässt mich Wundern: Wieso bist du bei Atomenergie, die in Europa innerhalb der letzten 20 Jahre kein Projekt innerhalb des Budgets oder der Zeit abgeschlossen hat, so positiv gestimmt?
    Ein einfacher Blick auf Wikipedia zeigt, wie schnell die Preise für Windkkraft und PV fallen (mit aktuelleren Zahlen und Quellen). Woher kommt also deine Zuversicht bei der Vergünstigung für Atomkraftwerken (seit der Jahrtausendwende gibt es hierfür keine Gründe) gegenüber den erneuerbaren Energien?

    AKWs werden die ganze Zeit geplant und in Betrieb genommen. Die Zubaurate ist dabei deutlich schneller als mit Solar und Wind, siehe https://thoughtscapism.com/2017/11/27/nuclear-energy-is-the-fastest-and-lowest-cost-clean-energy-solution/

    Wieder eine Quelle mit total veralteten Zahlen. Windenergie im Zeitraum bis 2004-2014 (als die Technologie noch unausgereift war) und die Nuklearkraft aus ihrer Blüte in den 90er Jahren. Vergleicht man das mit den Zahlen aus China, werden die Dimensionen klar: – China baute letztes Jahr 71.67 GW Windkraft aus . Alleine der Windenergieausbau in 2020 ist mehr als die Summe aller aktiven Kraftwerke und geplanten Kraftwerke zusammen (siehe hier).

    Außer das unterste Minimum von PV Utility Scale ist bei der Fraunhofer-Studie keine einzige Technologie kostendeckend. Marktwerte von Wind und Solar in Deutschland liegen aktuell um die 4 Cents pro kWh. Und da sind noch nicht einmal alle Systemkosten abgebildet, die bei Solar und Wind deutlich höher sind als bei konventionellen Kraftwerken, insbesondere Netzkosten und Backup.
    Marktwerte von konventionellen Kraftwerken liegen aufgrund der Planbarkeit bei rund 6-7 Cents pro kWh. Damit sind neue Kernkraftwerke kostendeckend. Wie kann eine Technologie günstiger sein, wenn sie nicht einmal ihre eigenen Kosten decken kann? Ich bin kein Freund von ewigen Subventionen, wie in der Landwirtschaft oder Energiewende.

    Das mag vielleicht 2014 der Fall gewesen sein – aktuell ist PV schon nichtmehr auf Subventionen angewiesen Handelsblatt und selbst die teuren Off-Shore Windparks sind an der Grenze zur Wirtschaftlichkeit wie die FAZ berichtet .

    Auf welchen Kraftwerksneubau beziehen sich denn die 13 Cents pro kWh? Das würde ich gerne mal nachrechnen.

    Das hieße ja als Gegenrechnung, der Bau eines 1,6 GW-Reaktors müsste 91 Milliarden Euro kosten! Den Reaktor musst du mir zeigen. (angenommen 12 Cents Kapitalkosten und 1 Cent Betriebs-, Rückbau- und Entsorgungskosten)

    Wie Quarks geschrieben hat, war das die Antwort des BMWI. Stattdessen würde ich deine Rechnungen gerne einmal sehen. Wie kommst du auf die 3,86ct/KWh? Wie auf die 91 Milliarden?
    Da wir in einer Marktwirtschaft leben, muss man bei den ausgeschriebenen Kosten ja immer auf den Markt schauen. Die Briten haben bereits gezeigt, dass es aktuell keine Firma bereit dazu ist für einen akzeptablen Preis (92,5Pfund pro MWh sind das nichtmehr) ein AKW zu bauen. Ich sehe auch bei Kraftwerken der vierten Generation keinen so großen Kostensprung, dass sich das ändern sollte, da die Preise für erneuerbare Energien mittlerweile Marktreife erreichen und selbst die Speichertechnologien auf dem besten Weg dorthin sind – auch wenn hier zum Auslgeich der Systemkosten mittelfristig wohl noch Subventionen nötig sind.

    Ich verstehe nicht, warum du immer wieder den CfD aus dem Jahr 2013 in Großbritannien anführst. Was sagen uns Subventionen über Kosten? Noch dazu, was haben Subventionen in einem völlig anderen Markt mit Kosten bei uns in Deutschland zu tun?

    Was, wenn ich behaupte, dass Windkraft in Deutschland unbezahlbar ist, weil 2014 in Großbritannien CfDs für 150 Pfund pro MWh abgeschlossen wurden? Was hat das eine mit dem anderen zu tun?

    Wie ich bereits gezeigt habe, haben sich die Preise für Windkraft seit 2014 stark reduziert. Das CfD aus dem Jahr 2013 führe ich an, da es der aktuellste Bau eines Atomkraftwerks in Deutschland ist: der Bau wurde 2018 gestartet und nach aktuellen Plan geht es auch nicht vor 2026 (also später als geplant) ans Netz: also eine verlängerte Bauzeit und 35 Jahre zugesicherte Vergütung ab 2026. Die Erneuerbaren Energien sind schneller gebaut, geplant und günstiger und somit besser für die Energierevolution geeignet (wie z.B. China zeigt).

    Ich hoffe diesmal wird der Kommentar richtig auf deiner Website angezeigt – kann es sein, dass du diese vom Spamfilter freigeben muss?

    Grüße Lukas

    1. Natürlich gibt es in der Kernenergie Lerneffekte, insbesondere ganz am Anfang, nachdem man den First of a Kind Prototypen gebaut hat. Es sagt doch schon der gesunde Menschenverstand, dass der Prototyp teurer ist als die Serienproduktion. Hier ist das Standardwerk zur Lernkurve bei der Kernkraft zur Referenz: https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0301421516300106

      Wenn Flamanville bis Netzsynchronisation noch 10% teurer werden sollte, dann schlag doch einfach im Kopf 10% auf die Gestehungskosten. Was macht das für einen Unterschied bei den Größenordnungen? Der Preisvorteil von Kernkraftwerken ist ja nicht gerade knapp.

      Ich habe ehrlich gesagt keine Lust zum dritten Mal auf die Subventionen in Großbritannien in den Jahren 2013 und 2014 einzugehen. Wie wäre es, wenn du den Isländern erklärst, dass sich Tiefengeothermie nicht lohnt, weil wir in Deutschland das mit rund 25 Cents pro kWh subventionieren?

      Subventionen haben mit den Kostenstrukturen wenig bis gar nix zu tun. Wir kennen doch mittlerweile die Kosten für diese Reaktoren, es gibt keinen Grund mehr zu raten.

      Auf die 91 Milliarden Euro kommst du, indem du 1,6 GW mit einem Kapazitätsfaktor von 90% über 60 Jahre Lebenszeit laufen lässt und den dabei produzierten Strom mit Kosten von 12 Cents pro kWh belegst (13 Cents abzüglich 1 Cent Betriebs-, Rückbau und Entsorgungskosten). Die Gestehungskosten werden ja über die Lebenszeit berechnet, wobei die Kapitalkosten fast ausschließlich in der Bauzeit ganz am Anfang anfallen. Übrigens hat die gesamte Reaktorflotte von Frankreich rund 100 Milliarden Euro an Kapitalkosten gekostet.

      Deine Fraunhofer-Studie ist nicht von 2014, sondern von Juni 2021. Aktueller wird es nun wirklich nicht. Nach dieser Studie wären nur die allergünstigsten Solarparks an den besten Standorten überhaupt kostendeckend und nur wenn man Andere einen Großteil der Systemkosten zahlen lässt.

      Und das geht nur, solange du fossiles Erdgas als Backup nutzt, mit entsprechend hohen Emissionen von rund 100gCO2/kWh bei Wind und 150gCO2/kWh bei Solar. Wenn du auf ein Energiesystem mit geringen CO2-Emissionen umsteigen willst, musst du zusätzlich Elektrolyseure, Pipelines, Wasserstoffspeicher und Batteriespeicher bauen. Das dürfte den aktuellen Preis vervielfachen.

      Die Zubauzahlen in dem verlinkten Artikel sind von 2017 und nach wie vor repräsentativ. Hier sind aktuellere Zahlen von 2020. Der Windkraftzubau in China pro Kopf ist nicht annähernd so hoch wie der in Schweden oder Dänemark. Es kommen demnächst sogar 2 Rekorde bei der Kernkraft hinzu. Sowohl die 4 Reaktoren von Barakah in den VAE als auch Olkiluoto in Finnland sind unter den schnellsten Zubauzeiten pro Kopf aller Zeiten.

      Es gibt noch keine Reaktoren der 4. Generation. Ich glaube auch nicht, dass die beim Klimaschutz eine Rolle spielen werden.

      Ich verstehe, dass es in Deutschland viel Verwirrung zu den tatsächlichen Kosten von Wind und Solar gibt. Das ist kein Zufall. Insbesondere werden Systemkosten so gut wie nie berücksichtigt. Oft genug nimmt man die Zahlen von Lazard aus der Wüste von Arizona, mit 3x so viel Sonnenstunden wie in Deutschland und doppelt so viel Wind.

      Aber selbst deine eigene Quelle von Fraunhofer bestätigt doch, dass Solar und Wind in Deutschland noch nicht kostendeckend sind. Wie erklärst du das? Warum sollen die günstiger sein, obwohl man Geld damit verliert?

      P.S.
      Ich musste diesen Kommentar tatsächlich erst freigeben. Sorry dafür, das ist eigentlich nicht so eingestellt. Dein vorheriger Kommentar ist aber leider nicht einmal im Spamfolder zu finden.

  4. Lukas Hörner

    Hi Florian,

    Natürlich gibt es in der Kernenergie Lerneffekte, insbesondere ganz am Anfang, nachdem man den First of a Kind Prototypen gebaut hat. Das sagt doch schon der gesunde Menschenverstand. Hier ist das Standardwerk zur Lernkurve bei der Kernkraft: https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0301421516300106

    In deinem Standardwerk resümieren die Authoren, dass es keinen klaren Trend gibt:
    The most surprising feature is the large diversity in trends, with the US and South Korea at the two extremes. Countries building reactors more recently, particularly those with construction starts after 1980, have different trend shapes than the early nuclear pioneers. Rather than an “invariable exhibition of negative learning” and “inevitable” increases in complexity intrinsic to nuclear technology that lead to cost escalation (Grubler, 2010), it is clear that there is not a singular cost trend for nuclear technology, but a plurality of different country-specific experiences. A consistent “rhythm” of cost escalation suggested by Grubler (2010) does not match the historical record.
    Die Mehrzahl der hohen Kostenminderungen lagen mit dem Vergrößern des Reaktordesigns zusammen, um die hohen Fixkosten auf eine höhere Stromproduktion zu legen. Für ähnliche Kosteneffizienzgewinne (wie durch das Vergrößern der Reaktoren wie z.B. in Frankreich von 68 MW auf 540 MW – Faktor 8) gibt es bei der aktuellen Technologie keine Möglichkeiten.

    Ich habe ehrlich gesagt keine Lust zum dritten Mal auf die Subventionen in Großbritannien in den Jahren 2013 und 2014 einzugehen. Wie wäre es, wenn du den Isländern erklärst, dass sich Tiefengeothermie nicht lohnt, weil wir in Deutschland das mit rund 25 Cents pro kWh subventionieren? Subventionen mit den Kostenstrukturen wenig bis gar nix zu tun. Wir kennen doch mittlerweile die Kosten für diese Reaktoren, es gibt keinen Grund mehr rumzuraten.

    Während mir der Unterschied zu Island aufgrund der äußeren Umstände der Geothermie klar ist, verstehe ich das Argument für Kernkraft nicht. Ist nicht gerade der Vorteil von Kernkraft, dass die Kraftwerke auf der ganzen Welt gebaut werden können? Welches Projekt würdes du denn als Vergleich heranziehen? Das sieht bei Flamville-3 auch die Kosten im ähnlichen Bereich wie bei Hinkley Point C mit 8,430 USD2018/kW (total – nicht Abnahmepreis). Da Hinkley Point C aus einem recht aktuellen Abkommen entstanden ist, finde ich die zugesagten 92,5Pfund einen guten Indikator für die Stromabnahmekosten eines aktuellen Projekts – schließlich müssen die AKW’s privatwirtschaftliche gebaut und betrieben werden: dementsprechend auch eine Rendite für die Firmen erzielen.

    Auf die 91 Milliarden Euro kommst du, indem du 1,6 GW mit einem Kapazitätsfaktor von 90% über 60 Jahre Lebenszeit laufen lässt und den dabei produzierten Strom mit 12 Cents pro kWh multiplizierst (13 Cents abzüglich 1 Cent Betriebs-, Rückbau und Entsoergungskosten). Die Gestehungskosten werden ja über die Lebenszeit berechnet, wobei die Kapitalkosten fast ausschließlich in der Bauzeit anfallen.

    Wie gesagt wollen die Firmen Rendite erzielen. Wenn das Kapital 60 Jahre gebunden ist, wird das nichts. Dass du in deine Rechnung keine Verzinsung einbaust ist der Fehler – bei einer Kapitalrendite von 5% (die Betreiber von Hinkley Point C erhoffen sich immernoch ca. 7%), wäre das Kapital nach 60 Jahren das 18,7-fache Wert: in einer marktwirtschaftlichen Grundordnung funktioniert deine einfache Rechnung nicht.

    Deine Fraunhofer-Studie ist nicht von 2014, sondern von Juni 2021. Aktueller wird es nun wirklich nicht. Nach dieser Studie wären nur die allergünstigsten Solarparks an den besten Standorten überhaupt kostendeckend und nur wenn man Andere einen Großteil der Systemkosten zahlen lässt.
    Und das geht nur, solange du fossiles Erdgas als Backup nutzt, mit entsprechend hohen Emissionen von rund 100gCO2/kWh bei Wind und 150gCO2/kWh bei Solar. Wenn du auf ein Energiesystem mit geringen CO2-Emissionen umsteigen willst, musst du zusätzlich Elektrolyseure, Pipelines, Wasserstoffspeicher und Batteriespeicher bauen. Das dürfte den aktuellen Preis vervielfachen.

    Ich weiß jetzt nicht welche Zahlen von PV du daraus nimmst – die teuerste Variante mit einer kleinen Batterie bewegt sich im Kostenniveau von ca. 8-20ct/kWH – also einem ähnlichen Bereich wie der von dir genutze Preis von Kernkraft von 12ct. Alle anderen Varianten von PV sind weit günstiger laut der Studie.
    Da in den Lösungen bereits Batterien vorgesehen sind, zeigt das ein Teil der Systemkosten bereits abgedeckt wird. Deutschland möchte sowieso Wasserstoff produzieren (was eine teure Energieform is, aber z.B. für die Stahlindustrie nötig ist). Die großen Energiespeicher, die aktuell mit Erdgas gefüllt sind, können auch mit Wasserstoff gefüllt werden. Im Bericht der IEA sind bereits Batteriespeicher enthalten – die Kosten sind dabei nicht ein vielfaches, sondern mit Overnight-Costs von 500-2000USD/KWh bei einer Auslastung von 15%.

    Die Zubauzahlen in dem verlinkten Artikel sind von 2017 und nach wie vor repräsentativ. Hier sind aktuellere Zahlen vom letzten Jahr. Der Windkraftzubau in China pro Kopf ist nicht annähernd so hoch wie der in Schweden oder Dänemark. Es kommen demnächst sogar 2 Rekorde bei der Kernkraft hinzu. Sowohl die 4 Reaktoren von Barakah in den VAE als auch Olkiluoto in Finnland sind unter den schnellsten Zubauzeiten pro Kopf aller Zeiten.

    Die Zubaurekorde sind zumeist für kleine Länder mit wenig Einwohnern (Finnland, Schweden, Schweiz…) und zur Hochzeit der Atomkraft in den 1970-1990er Jahren. Die Schwelle der Erneuerbaren Energien zur Profitabilität ist erreicht und trotz der konservativen Regierung (die den Ausbau bremst) zeigt die Grafik dass die Summe von Wind+Solar im Zeitraum von 2009-2019 mit dem Ausbau von Atomkraft in den 1980ern mithält. Die Reduktion der Treibhausgase ist ein globales Thema – hier kommt es auf keine Zubaurekorde nach Bevölkerungsanteil an, sondern auf den Gesamtausbau. Wenn ein AKW 13% des Stromverbrauchs (wie in Finnland) deckt, sind diese Zahlen natürlich hoch. In Europa gibt es jedoch seit 1986 einen Grund, wieso der Bau von AKWs nichtmehr so günstig (Anforderungen) und einfach (Bevölkerung) ist, wie davor. Kann man denn Olkiluoto mit einer Bauzeit von 15 Jahren in die Liste der höchsten Zubauten in einem Jahrzehnt aufnehmen?

    Ich verstehe, dass es in Deutschland viel Verwirrung zu den tatsächlichen Kosten von Wind und Solar gibt. Insbesondere werden Systemkosten so gut wie nie berücksichtigt. Oft genug nimmt man die Zahlen von Lazard aus der Wüste von Arizona, mit 3x so viel Sonnenstunden wie in Deutschland und doppelt so viel Wind. Aber selbst deine eigene Quelle von Fraunhofer bestätigt doch, dass Solar und Wind in Deutschland noch nicht kostendeckend sind.

    Mir bestätigt das wenn ein Windpark oder Solarpark ohne Subventionen gebaut wird, was mittlerweile selbst bei Off-Shore Projekten und PV der Fall ist. Für die Atomkraft sehe ich hier keinen Grund.

    Wie soll denn Kernkraft denn noch zu der Reduktion der Treibhausgase beitragen, wenn die Bauzeiten solange und ungewiss sind? Hinkley Point C wurde 2008 im Parlament genehmigt und geht nicht vor 2026 ans Netz (18 Jahre). Der Bau vom Flamville wurde 2004 bekannt gegeben und geht nicht vor 2023 ans Netz (19 Jahre), genau so wie Olkiluoto mit dem Ausschreibungsbeginn 2003 und dem Ende der Testphase 2022.
    2040 soll bereits 90% der Treibhausgasreduktion erreicht sein, was bringt denn dann noch die Atomkraft für Deutschland? (Oder vertrauen wir auf das erfolgreiche Abschließen dieser Großprojekte in 5 Jahren)

    1. Doch, es gibt klare Trends, die Lovering et al ausgemacht hat:

      1. First of a Kind Prototypen sind immer teurer als nachfolgende Reaktoren
      2. mehrere Reaktoren an einem Standort senken die Kosten im zweistelligen Bereich
      3. der Serienbau eines Reaktortyps senkt die Kosten im zweistelligen Bereich
      4. Reaktoren, die bei Baubeginn noch nicht fertig geplant waren (wie z.B. AP1000 oder EPR) verzögern sich und werden dadurch sehr teuer
      5. Reaktoren deren Anforderungen während dem Bau mehrmals geändert wurden (USA nach TMI) verzögern sich und werden dadurch sehr teuer

      Zum letzten Punkt ist diese Grafik sehr eindrücklich: https://twitter.com/GrantChalmers/status/1410006032198225922

      Das war jetzt sicher nicht vollständig. Wird mal einen Blick auf Abbildung 12.

      Ich würde den Messmer-Plan als Referenz heranziehen. Das war der Bau von gut 40 Kernkraftwerken der zweiten Generation innerhalb von 15 Jahren in Frankreich mit gesamten Kapitalkosten von insgesamt rund 100 Milliarden Euro für alle Reaktoren. Dadurch wurde der Stromsektor Frankreichs nachhaltig dekarbonisiert. Ein ähnliches Beispiel findet sich in Schweden, aber durch die kleine Bevölkerungszahl und Wasserkraft etwas “verwässert”.

      Wie es so schön heißt, können wir es uns nicht leisten ein Kernkraftwerk zu bauen. Wir können es uns aber sehr wohl leisten mehrere Dutzend Kernkraftwerke zu bauen.

      Natürlich ist in den Kapitalkosten und auch in den Gestehungskosten der Zins berücksichtigt. Alles andere wäre wohl kaum aussagekräftig.

      Der Zins ist ja gerade der Grund, warum die Verzögerungen in Hinkley, Flamanville und Olkiluoto so teuer geworden sind. Stahlbeton wird ja nicht teurer, nur weil man 1 Jahr länger braucht.

      It’s the cost of capital, not the capital cost…

      Du hast doch selbst einen Fraunhofer-Report vom Juni 2021 verlinkt. Dort ist der günstigste erneuerbare Erzeuger PV Utility Scale mit 3-6 Cents pro kWh. Demgegenüber steht ein Marktwert für Solarstrom von ~3 Cents pro kWh im Jahr 2020.

      Das heißt selbst bei Auslagerung von einem Großteil der Systemkosten auf Dritte ist der günstigste erneuerbare Erzeuger nicht kostendeckend. Der Marktwert von Solar und Wind wird mit weiterem Zubau noch sinken, siehe dazu auch diesen Artikel: https://www.technologyreview.com/2021/07/14/1028461/solar-value-deflation-california-climate-change/

      “Ich weiß jetzt nicht welche Zahlen von PV du daraus nimmst – die teuerste Variante mit einer kleinen Batterie bewegt sich im Kostenniveau von ca. 8-20ct/kWH – also einem ähnlichen Bereich wie der von dir genutze Preis von Kernkraft von 12ct. Alle anderen Varianten von PV sind weit günstiger laut der Studie.”

      12 Cents pro kWh ist der von dir postulierte Preis für Kernkraft, der von einem Reaktor mit wahnsinnigen Kapitalkosten von 91 Milliarden Euro ausgeht. Meine Zahl aus der IEA-Studie sind unter 4 Cents pro kWh. Bitte lege mir keine von deinen Zahlen in den Mund.

      “Die Reduktion der Treibhausgase ist ein globales Thema – hier kommt es auf keine Zubaurekorde nach Bevölkerungsanteil an, sondern auf den Gesamtausbau.”

      Auch der Gesamtausbau ist mit Kernkraft schneller. Das liegt ja schon allein daran, dass die Kosten deutlich niedriger sind. Auch bist du bei den Ressourcen und der Produktion nicht so limitiert.

      5 Jahre für Kernkraftwerke schaffen aktuell nur die Chinesen und Koreaner. Aber warum sollten die 7,5 Jahre Mittelwert für den Bau von Kernkraftwerken weltweit zu langsam sein? In den nächsten 10 Jahren dekarbonisieren wird nicht einmal den Stromsektor geschweige denn Wärme und Transport.

      Noch mal zur Erinnerung. Um ein einziges Kernkraftwerk mit 1,6 GW zu ersetzen, musst du rund 4500 Windräder der 3-MW-Klasse bauen und dazu 3 Gaskraftwerke der 500 MW-Klasse als Backup sowie tausende Kilometer Netzanbindung.

      Es ist völlig irreführend den Bau eines einzigen Windrads mit dem Bau eines einzigen AKWs zu vergleichen. Es geht um den Gesamtzubau pro Zeiteinheit.

      1. Fabian

        Hallo Florian,

        puuh, also erstmal einen riesen großen Applaus an die ganzen großartigen Kommentatoren die nicht Florian Blümm heißen und denen ich fast uneingeschränkt zustimme. Ich bin echt froh, dass es so viele engagierte Menschen gibt, die Blödsinn auch ankreiden wenn sie ihn sehen. Ich möchte mich hier nun nicht wiederholen, habe mich aber über jedes Wort der Nicht-Blümmer gefreut. Was dich Florian antreibt AKWs so zu vergöttern kann ich mir zwar nur grob denken, ich sehe aber in deinen Artikeln, dass du immer versuchts AKWs möglichst toll aussehen zu lassen. Dabei machst du manchmal im übertragenen Sinne gerne beide Augen zu. Schade. Deinen Optimismus bzgl. Endlager aus deinem anderen Artikel möchte ich gerne teilen, gelingt mir aber nicht. Das du kein Argument das gegen AKWs geht akzeptierst ist ebenfalls schade. Wo mir grade aber die Krawatte geplatzt ist dieses Zitat:

        Um ein einziges Kernkraftwerk mit 1,6 GW zu ersetzen, musst du rund 4500 Windräder der 3-MW-Klasse bauen und dazu 3 Gaskraftwerke der 500 MW-Klasse als Backup sowie tausende Kilometer Netzanbindung.

        WTF?! Ich glaube das machst du auch in deinen Artikeln: Einfach etwas die Wahrheit verbiegen und hoffen dass es keine sieht.. Mal zum mitschreiben: 1.6GW des AKWs sind (oh wunder “nur”) 1600MW. 4500 Windanlagen mal 3MW sind 13500MW und somit 13,5GW Nennleistung. Jetzt die große Frage ob Off- oder Onshore. Bei Offshore wäre die akkumulierte Volllastungzeit etwa 50% (Also die Zeit vom Jahr, wenn man die im Jahr produzierte Strommenge nur mit Volllast produzieren würde). Bei Onshore sind es im worst-case immerhin noch 20% (Binnenland Deutschland -> https://de.statista.com/statistik/daten/studie/224720/umfrage/wind-volllaststunden-nach-standorten-fuer-wea/). Daher ergibt 13500MW mal 0.5 oder 0.2 etwas zwischen 6.7GW und 2.7GW. Das sind aber so gar nicht 1.6GW wie du sagst. Ganz zu schweigen davon, dass das AKW wahrscheinlich auch nicht mit 100% betrieben wird… Dazu noch drei Gaskraftwerke, die fast dieselbe Leistung wie das AKW haben (1.5GW statt 1.6GW) ist doch auch Blödsinn. Du magst Sektorenkopplung und Netzflexibilisierungen zwar so wenig, dass du sie mit keinem Wort erwähnt hast, das löscht das Potential aber zum Glück nicht aus. Fazit zur Rechnung: Ja cool, das passt genau zu deinen Artikeln auf “tech-for-future”. Rechne dir die Welt halt so wie sie dir gefällt, aber besitzte nicht die Unverschämtheit das als voll Wahrheit zu verkaufen. Das ist einfach nur traurig. Der Energiewandel ist ohne so Fehlinformationen wie deinen eh schon kompliziert genug. Ich hoffe auf Besserung! Du schaffst das!

        Gruß,
        Fabian

        1. Hi Fabian,

          keine Ahnung was dich geritten hat, hier so einen Mist zu schreiben. Lass besser über deine “lustigen” Formulierungen hinwegsehen und schauen, was du inhaltlich zu sagen hast.

          “1.6GW des AKWs sind (oh wunder “nur”) 1600MW. 4500 Windanlagen mal 3MW sind 13500MW und somit 13,5GW

          Daher ergibt 13500MW mal 0.5 oder 0.2 etwas zwischen 6.7GW und 2.7GW. ”

          Glückwunsch, das schaut so weit gut aus. Bitte noch die Lebensdauer (60 Jahre vs 30 Jahre) berücksichtigen. Dann kommst du auf 4.500 Windräder der 3 MW Klasse für einen 1,6 GW-Reaktor

          “Dazu noch drei Gaskraftwerke, die fast dieselbe Leistung wie das AKW haben”

          Gaskraftwerke haben üblicherweise Leistungen unter 500 MW. drei Gaskraftwerke sind also optimistisch.

          “Du magst Sektorenkopplung und Netzflexibilisierungen zwar so wenig, dass du sie mit keinem Wort erwähnt hast”

          Ich bin natürlich für eine möglichst schnelle Sektorkopplung. Die ginge viel schneller, wenn unser Strom nicht so teuer wäre.

          1. Fabian

            Hallo Florian,

            Bitte noch die Lebensdauer (60 Jahre vs 30 Jahre) berücksichtigen.

            Chapeau, die Laufzeitunterschiede hatte ich vergessen. Damit kommt im Wind Worst-Case (Binnenland-Anlagen), bei gleichzeitig AKW Best-Case (100% Auslastung über 60 Jahre), dein Vergleich sogar hin.

            Gaskraftwerke haben üblicherweise Leistungen unter 500 MW. drei Gaskraftwerke sind also optimistisch.

            Dagegen deine eigener Kommentar:

            … und dazu 3 Gaskraftwerke der 500 MW-Klasse als Backup.

            Obs nun 500MW Gaskraftwerke gibt oder nicht: Bauen kann man das. Der Punkt ist aber, dass das Backup nicht den vollen Leistungsersatz bringen muss.

            Sich die Best- und Worst-Case Szenarien so hin zu drehen wie es einem grade passt, ist einfach keine geile Herangehensweise. Das zieht sich bei dir aber überall durch. Und damit zu:

            keine Ahnung was dich geritten hat

            So eine Aneinanderreihung von Halbwahrheiten macht mich Fuchs-Teufels-Wild. Vor allem dann, wenn man so tut als ob man alles aus Studien hätte, um damit wissenschaftliche Korrektheit vorzugaukeln. Das nimmt tatsächlichen wissenschaftlichen Artikeln die Best- und Worst-Case fair und transparent abwägen das Vertrauen. Und das in einer Zeit wo ich leider das Gefühlt habe, dass das Vertrauen in die Wissenschaft sinkt. Daher meine Enttäuschung über deine(n) Artikel und deine Vorgehensweise auch hier in den Kommentaren.

            Hab dennoch n schönen Abend,
            Fabian

          2. Florian Blümm

            “Damit kommt im Wind Worst-Case (Binnenland-Anlagen), bei gleichzeitig AKW Best-Case (100% Auslastung über 60 Jahre), dein Vergleich sogar hin.”

            Nö! Wir nehmen den realen Kapazitätsfaktor 90% von deutschen Kernkraftwerken und den realen Kapazitätsfaktor 25% von neuen Windanlagen an Land in Deutschland. Noch dazu nehmen wir einen optimistischen Fall mit 30 Jahren Lebensdauer von Windrädern und einen pessimistischen Fall von 60 Jahren Lebensdauer von Kernkraftwerken.

            Und dann kommen wir auf knapp 4.500 Windräder pro neuem Kernreaktor. Hinkley C mit seinem Doppelreaktor ist das Äquivalent von 9.000 Windrädern…

            “Der Punkt ist aber, dass das Backup nicht den vollen Leistungsersatz bringen muss.”

            Doch, genau das ist der Sinn eines Backups. Wenn dein Backup-Kraftwerk nicht die volle Leistung bringt, dann kannst du im wahrsten Sinn des Wortes auch nicht mit der vollen Leistung rechnen. Wind an Land hat eine gesicherte Leistung von unter 1%, Solar 0%.

            “So eine Aneinanderreihung von Halbwahrheiten macht mich Fuchs-Teufels-Wild.”

            Wie wäre es, wenn du erstmal zu klären versuchst, was an den Informationen hier dran ist? Nur weil die Infos hier womöglich neu für dich sind, heißt doch nicht, dass sie falsch sind. Ich lese die Quellen hier und andere Studien tatsächlich zu 100% und gebe mir viel Mühe die Artikel hier möglichst informativ und faktengerecht zu schreiben.

            Und wie du siehst hab ich auch nix dagegen die Zahlen und Fakten zu erklären – auch im Detail. Auch konstruktives Feedback habe ich schon in Artikel eingearbeitet.

            Ich find’s nur ziemlich sinnlos bei reinen Sachfragen pampig zu werden, noch dazu vor dem ersten Wort. Mit so einem emotionalen Ausbruch outest du dich außerdem sofort als voreingenommen.

          3. Fabian

            Hallo Florian,

            ich antworte mal hier, da bei deiner Antwort der Antwort-Link fehlt. Ich fang mal von hinten nach vorne an:

            Ich find’s nur ziemlich sinnlos bei reinen Sachfragen pampig zu werden, noch dazu vor dem ersten Wort. Mit so einem emotionalen Ausbruch outest du dich außerdem sofort als voreingenommen.

            Ich hatte keine Sachfragen zu deiner löchrigen Meinungsmache. Da lese ich lieber seriöuse Quellen. Es war daher nur ein Kommentar. Und dieser wird nun auch mein Letzter. Zum Emotionalen: Es stimmt, Kritik sollte immer möglichst konstruktiv sein. Das ist den anderen Kommentatoren deutlich besser gelungen. Wenn ich Faktenverdrehungen zu einem Thema lese, was die Menschheit ggf. auseinanderreißen wird, werde ich aber leider emotional. Und damit zu:

            Wie wäre es, wenn du erstmal zu klären versuchst, was an den Informationen hier dran ist? Nur weil die Infos hier womöglich neu für dich sind, heißt doch nicht, dass sie falsch sind.

            Ja “neu” sind manche Informationen von dir für mich schon, aber das bedeutet leider nicht schlussfolgerlich, dass sie faktisch korrekt sind. Eigentlich wollte ich hier nicht nochmal das aufrolen, was schon erwähnt wurde, versuche es aber in “Kürze”:

            1.) Dein Hauptargument in diesem Artikel ist (falls ich das richtig interpretiere), dass AKWs neben Wasserkraftwerken der günstigste Stromerzeuger sind. Wenn das stimmt, wären die Betreiber von Hinkley C mit ihren garantierten 92,5 Pfund/MWh wahre Wertschöpfungsmeister für ihre eigene Tasche. Du magst sagen, das liegt vor allem daran, dass es ein Prototyp ist und es ja eigentlich für 60+ Jahre läuft. Da hackt es an beiden Punkten. Zum einen werden nicht einfach ein paar (hundert) tausend gleiche AKWs gebaut (wie es bei Solar oder Windkraft der Fall ist). Jedes AKW scheint mir irgendwo doch eher einzigartig und kein Serienmodul zu sein. Zum anderen gilt das mit den 60+ Jahren auch für den Prototyp und ist daher raus. Bleibt also die Frage warum die garantierte hohe Vergütung so entscheident war um es zu bauen. Dein Preis pro kWh scheint sich dagegen aus einem überholten Kostenvoranschlag zu ergeben (zudem ja eigentlich auch von einem “Prototypen”). Da finde ich die 11ct/kWh aus UK schon eher solide. (Die meisten hier übrigens auch, was dir echt mal zu denken geben sollte.) Da kommt dann die Faktenverdrehung ins Spiel.

            2.) AKWs bauchen etliche Jahre um gebaut zu werden. Wenn man sich die Kostentrends der Solar und Windbranche anschaut, sieht man dass in der Zeit wo ein AKW gebaut wird, die Kosten der Erneuerbaren (und der Speicher) schon längst weiter gesunken sind. Hast du ebenfalls (lieber) weggelassen. Zudem verlängert sich die Auslegungslebzeit von Windturbinen auch immer weiter, ist schon bei 25 Jahren und wir vorraussichtlich bald auch die 30+ knacken. Betrieben werden sie häufig auch länger.

            3.) Ein Strommix mit nur AKWs wird auch nicht die Tageslinie nachfahren können. Dafür sind die Reaktionen zu träge.. Da brächte es also auch Systemmaßnahmen mit spontanen Gaskraftwerken die alles oberhalb der Gundlast regeln. Das wäre dann aber keine besonders nachhaltige Welt, da Gasverbrennen zu CO2 führt. Hast du auch (lieber) weggelassen. Und damit zu:

            4.) Flexibilisierung der Strommärkte + Sektorenkopplung. Das brächte es sogar bei einem 100% Atomstromszenario. Man muss in Zukunft, wenn man ohne die CO2-Schleudern auskommen will (was wir unbedingt müssen!), den Strommarkt so umgestalten, dass es für alle Verbraucher (finanziellen) Sinn ergibt besonders dann Strom zu verbrauchen, wenn er nun mal da ist. Strom muss echt mal wieder mehr gewertschätzt werden. Wenn man zudem alle Sektoren an Strom koppelt (Wärme, Verkehr, Industrie, Energie) dann wird der Pool an Verbrauchern deutlich größer und damit auch zum Teil flexibler. Zudem wären (Auto)batterien und Wärme gigantische Dämpfer im Stromnetz (Wärme kann man teils für ein halbes Jahre speichern, von Wochen ganz abzusehen). Ein 100%iges Gaskraftbackup (siehe dein Kommentar) wird damit auch unnötig. Ein solches Netz braucht es für erneuerbare natürlich mehr als für AKWs (da reicht eine halbe Tagesreserve). Dennoch ist es für beide wichtig, hebelt aber zum Teil deine Systemkosten aus, da flexibler Verbrauch nur in der Regelung etwas kostet. Bist du leider gar nicht drauf eingegangen. Warum? Ich tippe mal, weil es deinen Punkt “AKWs sind ganz toll” weniger untermauert. Wenn man vom aktuellen System ausgeht, hast du sogar recht und ist argumentierbar. Da kommt dann die Faktenauslassung und damit -Verdrehung ins Spiel.

            5.) Ich bin mir nicht sicher wo deine persönliche Grenze ist, aber falls du für AKWs als die Lösung für eine CO2 freue Welt plädierst, solltest du dich mal mit dem verbleibenden Uranvorkommen auf der Welt auseinander setzten und hochrechnen, wie lange es reicht wenn alle auf AKWs setzen. Und wenn du von “warmen Brütern” redest, sind auch diese, glaube ich, nicht unproblematisch.

            6.) Atommüll scheint dir irgendwie ziemlich egal zu sein. Immerhin wird es für ein paar hundert Jahre (im aller Besten Fall) oder sogar für etliche tausende von Jahren ein Problem unserer Nachwelt sein, und das nur weil für derzeit 60 Jahre weltweit etwas über ~13% des Stromes aus AKWs kam. Jej. Du magst zwar der Meinung sein, dass ein perfektes Endlager wartungsfrei ist. Menschen machen aber nunmal Fehler. Und für tausende von Jahren keine Fehler zu machen finde ich schon eine beeindruckende Vorraussetzung.

            Zu guter Letzt noch zum gemeinsamen Nenner: Ich hätte es tatsächlich auch lieber, wenn Deutschland statt morgen die AKWs abzuschalten im tausch die Kohlekraftwerke sofort abschalten würde und die AKWs dann bis 2038 o.ä. raus nimmt. Wir haben nun ohnehin schon einen riesen Haufen Müll und brauchen ohnehin ein Endlager. Da tausche ich lieber noch etwas mehr Müll gegen eine schnellere CO2 Reduktion. Das aber nur unter der absoluten Prämisse, dass sich Deutschland dann nicht auf seinen erreichten CO2-Zielen ausruht und — hier sind wir wohl wieder getrennter Meinung — das Momentum nutzt um auf Erneuerbare zu wechseln und die Punkte Sektorenkopplung und Flexibilisierung in Angriff nimmt. Atommüll möchte ich den nächsten (tausend) Generationen genauso wenig hinterlassen wie ein aus den Fugen geratenes Klima. AKWs und Kohlekraftwerte sind (für mich) wie Pest und Cholera. Beides hat starke Nachteile für die nächsten Generationen. Das finde ich persönlich höchst unfair und bevorzuge die finanziell gleichteuren Erneuerbaren. Auch wenn sie hässlicher aussehen. Die Zukunft sieht zwar etwas düster aus, aber ich habe die Hoffnung in die Ampel noch nicht aufgegeben.

            Meine Kritik an dir bleibt dennoch: Du Argmentierst wie es dir gefällt und tust gleichzeitig so als wäre alles faktenbasiert. Teils werden Details etwas verdreht (siehe oben) oder weg gelassen (siehe oben). Du hast eine klare Agenda, bist selbst extrem voreingenommen von Atomstrom und versuchst es in möglichst gutem Licht darstehen zu lassen. Nichts anderes macht die Atomlobby. Das finde ich absolut nicht gut und dabei bleibe ich.

            Hab dennoch ein schönes Wochenende,
            Fabian

          4. Florian Blümm

            Wenn du eine Auflistung von Fakten mit Quellenangabe als Meinungsmache siehst, dann sagt das aber mehr über deine Meinung aus als über den Inhalt.

            Auch wenn du von einem Artikel, in dem es um Kosten von Energiequellen geht, erwartest alle Talking Points von Ausgestrahlt zu behandeln und dann enttäuscht wirst, sagt das mehr über deine Erwartungshaltung als über den Inhalt.

            “wären die Betreiber von Hinkley C mit ihren garantierten 92,5 Pfund/MWh wahre Wertschöpfungsmeister für ihre eigene Tasche. ”

            Der Ertrag hat erstmal nichts mit den Kosten zu tun. Du glaubst doch nicht, dass ein 1500€-iPad in der Herstellung 1500 Euro kostet, oder?

            Und während der CfD für Hinkley C 92,5 Pfund/MWh kostete, wurden CfDs für Windparks zwischen 140 und 150 Pfund/MWh bewilligt. Heißt das für dich Windkraft ist für immer unrentabel oder legst du da doppelte Standards an die Subventionen in einem anderen Land an, die mit Deutschland so wirklich gar nix zu tun haben?

            “Jedes AKW scheint mir irgendwo doch eher einzigartig und kein Serienmodul zu sein.”

            Da hast du den hauptsächlichen Kostentreiber ausgemacht. Der zweite Reaktor in Hinkley C konnte bereits deutlich schneller gebaut werden. Die beiden Reaktoren in Sizewell C werden vermutlich noch schneller gebaut werden.

            “AKWs bauchen etliche Jahre um gebaut zu werden.”

            Stimmt, es sind im Mittel 7 Jahre und du kannst mehrere parallel bauen. Wie lange braucht man in Deutschland um 4.500 Windräder zu bauen? 10 Jahre? 15 Jahre?

            “Kosten der Erneuerbaren (und der Speicher) schon längst weiter gesunken sind”

            Systemkosten von Erneuerbaren steigen mit dem Systemanteil, wie in diesem Artikel ausführlich beschrieben wird.

            “Zudem verlängert sich die Auslegungslebzeit von Windturbinen auch immer weiter, ist schon bei 25 Jahren und wir vorraussichtlich bald auch die 30+ knacken. Betrieben werden sie häufig auch länger.”

            Laufzeitverlängerungen sind sehr wichtig für die Nachhaltigkeit. Die ersten Kernkraftwerke haben eine Laufzeitverlängerung auf 80 Jahre bekommen und 100 Jahre sind bereits im Gespräch.

            “Ein Strommix mit nur AKWs wird auch nicht die Tageslinie nachfahren können.”

            Genau das passiert in Frankreich. Kernkraftwerke können sehr gut in Lastfolge betrieben werden. Effizienter ist es aber alle klimafreundlichen Erzeuger zu kombinieren mit Kernkraft/Wasserkraft für die Grundlast und Solar/Wind für die Spitzenlast Das sagen zumindest die diversen Modellierungen in den entsprechenden Studien.

            “Strom muss echt mal wieder mehr gewertschätzt werden. ”

            Wenn du den Verbraucherpreis noch weiter erhöhst, scheitert die Energiewende an der sozialen Akzeptanz. Ich verstehe nicht, wie man einfach davon ausgeht, dass es bei uns keine Gelbwesten geben wird, obwohl alle Anzeichen das Gegenteil andeuten. Der Bogen der Energiepreise ist schon überspannt, wie du aktuell sehr gut in den Nachrichten sehen kannst.

            “Ein 100%iges Gaskraftbackup (siehe dein Kommentar) wird damit auch unnötig. ”

            Du kannst einen kleinen Teil des Verbrauchs verschieben und so die Spitzenlast senken. Du brauchst aber trotzdem immer ein 100%iges Gas-Backup für die, nun etwas niedrigere, Spitzenlast.

            “hebelt aber zum Teil deine Systemkosten aus, da flexibler Verbrauch nur in der Regelung etwas kostet. ”

            Wenn du mir eine Studie zeigen kannst, die Kosten und Nutzen einer Flexibilisierung beziffern kann, kann ich das berücksichtigen. Mit Mutmaßungen kann ich leider nix anfangen.

            ” solltest du dich mal mit dem verbleibenden Uranvorkommen auf der Welt auseinander setzten und hochrechnen, wie lange es reicht wenn alle auf AKWs setzen.”

            Habe ich hier im Detail gemacht. Man braucht auch keine Brüter. Selbst ohne Brüter haben wir mindestens 433 Jahre Uranvorkommen, wenn ALLE Energie der Welt mit Kernkraft erzeugt wird. Zum Vergleich, Kohle verbrennen wir seit 150 Jahren.

            “Atommüll scheint dir irgendwie ziemlich egal zu sein.”

            In einem Artikel, der die Kosten von Energiequellen vergleicht ist Atommüll natürlich kein Thema. Auch der große Flächenverbrauch von Wind und Solar oder die vielen Todesopfer durch Wasserkraft interessieren hier nicht. Schau dir mal den Endlager-Artikel an.

            “das Momentum nutzt um auf Erneuerbare zu wechseln und die Punkte Sektorenkopplung und Flexibilisierung in Angriff nimmt.”

            Trotz festgelegtem Atomausstieg habe ich leider von einem Momentum nix gesehen. Saubere Erneuerbare machen 14,2% unserer Energieversorgung aus. Die Energiewende ist trotz Subventionen von 400+ Milliarden Euro gescheitert und braucht dringend einen Neustart um die Klimaziele zu packen.

            “Meine Kritik an dir bleibt dennoch: Du Argmentierst wie es dir gefällt und tust gleichzeitig so als wäre alles faktenbasiert. ”

            Wenn du Fakten kennst, die dem Artikel hier widersprechen, dann schieß los. Ich bin der erste, der den Artikel verbessern will. Aber dein Whataboutism zu Endlagern und Subventionen in England hat mit den Kosten wirklich gar nix zu tun. Es wäre gut, wenn du dich wirklich auf die Kosten von Energiequellen beschränken könntest.

            “Du hast eine klare Agenda, bist selbst extrem voreingenommen von Atomstrom und versuchst es in möglichst gutem Licht darstehen zu lassen.”

            Ich versuche in diesem Artikel die günstigste Energiequelle in einem möglichst guten Licht dastehen zu lassen. Da es in dem Artikel um die Kosten der Energieerzeugung geht, lehne ich mich damit sicher nicht zu weit aus dem Fenster…

  5. Lukas Hörner

    Hi Florian,

    Doch, es gibt klare Trends, die Lovering et al ausgemacht hat:
    First of a Kind Prototypen sind immer teurer als nachfolgende Reaktoren
    mehrere Reaktoren an einem Standort senken die Kosten im zweistelligen Bereich
    der Serienbau eines Reaktortyps senkt die Kosten im zweistelligen Bereich
    Reaktoren, die bei Baubeginn noch nicht fertig geplant waren (wie z.B. AP1000 oder EPR) verzögern sich und werden dadurch sehr teuer
    Reaktoren deren Anforderungen während dem Bau mehrmals geändert wurden (USA nach TMI) verzögern sich und werden dadurch sehr teuer
    Zum letzten Punkt ist diese Grafik sehr eindrücklich: https://twitter.com/GrantChalmers/status/1410006032198225922
    Das war jetzt sicher nicht vollständig. Wird mal einen Blick auf Abbildung 12.

    Dann hast du aber andere Trends erkannt, als die Authoren der Studie. (vgl. bei den Conclusions): “These results show that there is no single or intrinsic learning rate that we should expect for nuclear power technology, nor an expected cost trend. How costs evolve over time appears to be dependent on different regional, historical, and institutional factors at play.”
    Die Grafik von Twitter zeigt auch, dass in Europa seit dem Jahr 2000 kein AKW fertiggestellt wurde. Annahmen für die Anwendbarkeit asiatischer Länder finde ich daher recht mutig.
    Das Fazit der Studie zeigt auch, dass die Authoren nicht denken, dass etwas wie der Messmer-Plan als Kostentrend für die Zukunft heranziehbar ist.

    Du hast doch selbst einen Fraunhofer-Report vom Juni 2021 verlinkt. Dort ist der günstigste erneuerbare Erzeuger PV Utility Scale mit 3-6 Cents pro kWh. Demgegenüber steht ein Marktwert für Solarstrom von ~3 Cents pro kWh im Jahr 2020.

    Das heißt selbst bei Auslagerung von einem Großteil der Systemkosten auf Dritte ist der günstigste erneuerbare Erzeuger nicht kostendeckend. Der Marktwert von Solar und Wind wird mit weiterem Zubau noch sinken, siehe dazu auch diesen Artikel: https://www.technologyreview.com/2021/07/14/1028461/solar-value-deflation-california-climate-change/

    Auch wenn der Preis 2020 unter 3ct/kwH war, bewegt er sich historisch zwischen 2,879-4,515 ct/kWh (2021 stand jetzt sogar noch höher). Bei aktuellen Kosten von 3-6ct/kwH ist das doch schon recht ansehlich, wenn man sich überlegt, dass die britische Regierung den Betreibern über 10ct/kwH für 35 Jahre zugesagt hat – natürlich gibt es auch kosten für die Speicherung, aber genau wie bei der PV-Technologie wird diese in den nächsten Jahren auch günstiger werden.

    Auch der Gesamtausbau ist mit Kernkraft schneller. Das liegt ja schon allein daran, dass die Kosten deutlich niedriger sind. Auch bist du bei den Ressourcen und der Produktion nicht so limitiert.

    Ich denke günstigere Kosten bedingen nicht einen schnelleren Ausbau. Besonders da z.B. bei Wind+Solarprojekten weniger Kapital und somit Risiko je Projekt bei den Unternehmen in der Wagschale liegt. Wenn der Ausbau von Atomkraft so schnell und einfach wäre, wieso hat sich dann für das Projekt Hinkley Point C kein Unternehmen gefunden, welches den Bau günstiger durchführt? Es gibt ja einen Unterschied zwischen den theoretisch berechneten Kosten und der Situation im Markt.
    Vgl. dazu ein Bericht der BBC während der Verhandlungen 2013
    :
    Keith Parker (CEO Nuclear Industry Association): “The stakes are very high indeed,” he said. “We need that assurance (of price) to attract the investment that’s needed. Otherwise the lights will go out.”
    Today, electricity sells on the wholesale market for about £45 per megawatt-hour (MwH). But anything under £90 a MwH would see Hinkley lose money. On the other hand, go over £100 and by 2020, when Hinkley would still not be operating, wind energy would be cheaper.
    Die zusätzlichen Kosten wurden bereits 2016 auf bis zu 100Mrd.€ geschätzt (Tendenz durch Verzögerungen steigend). Das entspricht gut. 1/4 des gesamten Budgets für die Energiewende ( nach deinen Berechnungen ), durch die PV und Windkraft von einer auf Subventionen beruhenden Technologie zur Marktreife (wenn auch nicht für alle Projekte) geschafft haben (siehe an den bereits genannten Beispielen von Off-Shore und PV ohne Subventionen).

    5 Jahre für Kernkraftwerke schaffen aktuell nur die Chinesen und Koreaner. Aber warum sollten die 7,5 Jahre Mittelwert für den Bau von Kernkraftwerken weltweit zu langsam sein? In den nächsten 10 Jahren dekarbonisieren wird nicht einmal den Stromsektor geschweige denn Wärme und Transport.
    Noch mal zur Erinnerung. Um ein einziges Kernkraftwerk mit 1,6 GW zu ersetzen, musst du rund 4500 Windräder der 3-MW-Klasse bauen und dazu 3 Gaskraftwerke der 500 MW-Klasse als Backup sowie tausende Kilometer Netzanbindung.
    Es ist völlig irreführend den Bau eines einzigen Windrads mit dem Bau eines einzigen AKWs zu vergleichen. Es geht um den Gesamtzubau pro Zeiteinheit.

    Die USA hat beispielsweise eine Dekarbonisierung des Stromsektors bis 2035 als Ziel – das wären 13,5 Jahre und auch aus deutscher Sicht auch machbar. Mit einer historisch geschätzten Fertigstellungsdauer von 7,5 Jahren wäre selbst das zu langsam, um einen relevanten Anteil zeitnah einzusparen (CO2 Emissionen sollte ja stetig abnehmen). Besonders da die historischen Zahlen z.B. auf anderen Gesetzen beruhen und die europäischen Projekte ja gezeigt haben, dass es auch starke Abweichungen hiervon geben kann, wäre ein Ausbau der Kernkraft äußerst riskant für einen energieneutralen Stromsektor.
    Wenn der Gesamtzubau in den nächsten 7,5Jahren bei einem neuen Projekt null ist, ist das auch kein gutes Zeichen für die Energiewende.

    1. Hi Lukas,

      schön, dass du die Grafik zu Reaktorbauzeiten in 4 verschiedenen Ländern von Grant Chalmers gefunden hast. Die ist in der Tat sehr eindrucksvoll. Man sieht zum Beispiel, dass Reaktoren, die während TMI und insbesondere Tschernobyl im Bau waren deutlich längere Konstruktionszeiten hatten. Das liegt an dem von mir angesprochenen 4. Punkt, dass Reaktoren nur günstig sein können, wenn sie zu Baubeginn fertig geplant sind. Wenn man zwischendurch fertig plant, oder die Pläne komplett über den Haufen wirft, wie nach den o.g. Unfällen, sind Verzögerungen abzusehen.

      “Die Grafik von Twitter zeigt auch, dass in Europa seit dem Jahr 2000 kein AKW fertiggestellt wurde. Annahmen für die Anwendbarkeit asiatischer Länder finde ich daher recht mutig.”
      Wir müssen leider irgendwelche Annahmen machen. Wie du sagst, haben wir in Europa eine ganze Generation den Ausbau der Kernkraft pausiert. Das war verheerend für unser Potential Kernkraftwerke zu bauen. Du stimmst mir sicher zu, dass es wenig Aussagekraft über die Kosten einer Serienproduktion hat, was Prototypen eines neuen, noch nie gebauten Designs nach einem völligen Neuaufbau der Lieferkette kosten. Dann doch lieber die Serienproduktion aus anderen Ländern betrachten um zu sehen, wo wir mit dem Preis letztendlich hin wollen.

      Aber die Kosten hier im Artikel machen solche Annahmen ja überhaupt gar nicht. Hier wird mit dem teuersten der drei EPR-Prototypen in Flamanville gerechnet. Und trotzdem ist das deutlich billiger als Wind und Solar.

      Du hast mich zusätzlich gefragt, welche Referenz ich persönlich heranziehen wollen würde. Erst dann habe ich mit dem zugegeben optimistischen Messmer-Plan geantwortet. Ich finde persönlich ja auch überlebenswichtige Infrastruktur, sollte grundsätzlich Staatssache sein und nicht privaten Investoren überlassen werden. Aber mein Herz schlägt halt auch links.

      “Auch wenn der Preis 2020 unter 3ct/kwH war, bewegt er sich historisch zwischen 2,879-4,515 ct/kWh (2021 stand jetzt sogar noch höher). Bei aktuellen Kosten von 3-6ct/kwH ist das doch schon recht ansehlich”

      Es stimmt, dass der Marktwert in 2021 ordentlich gestiegen ist. Aber das liegt auch daran, dass vor allem die Windkraft in diesem Jahr bisher sehr wenig geliefert hat. Je größer das Angebot durch Wind und Solar wird, desto niedriger der Marktwert, weil sich das Angebot bei Wind und Solar auf so wenige Zeiträume konzentriert. Und selbst mit 4-5 Cents Marktwert, ließen sich nur eine handvoll Anlagen wirtschaftlich betreiben, dazu noch die allseits ungeliebten Freiflächen-Solarparks.

      “wenn man sich überlegt, dass die britische Regierung den Betreibern über 10ct/kwH für 35 Jahre zugesagt hat ”
      Ich wiederhole es gerne nochmal. Für Windprojekte wurden in Großbritannien 16-17 Cents pro kWh zugesagt. Und da sind die zusätzlichen Subventionen durch Stellen der zig Milliarden teuren Landanbindungen noch gar nicht eingerechnet. Allein um die 2,4 GW Doggerbank anzubinden kostet 6,8 Milliarden Euro! Das zahlt natürlich nicht der Betreiber.

      Und das ist ein Differenzvertrag. Das heißt die tatsächlichen Subventionszahlungen dürften bei den Windprojekten um ein Vielfaches höher sein als bei Hinkley. Stell dir mal vor der Marktwert ist bei durchschnittlich 7 Cents/kWh für Hinkley und bei durchschnittlich 5 Cents/kWh für den Offshore Wind. Das heißt Hinkley kostet durchschnittlich 3 Cents/kWh an Subventionszuzahlungen und der Offshore Wind kostet bis zu 12 Cents pro kWh an Subventionszuzahlungen. Das ist das Vierfache.

      Ich verstehe immer noch nicht, warum du immer wieder irgendwelche Subventionen in Großbritannien kritisierst, obwohl die für Kernkraft die niedrigsten sind. Wir subventionieren ja sogar in Deutschland unsere Erneuerbaren über das EEG mit rund 14-15 Cents pro kWh. Hier geht es sowieso um Kosten von verschiedenen Erzeugern und nicht um die Finanzierung. Hier im Artikel wird bei allen Erzeugern vom gleichen Zinssatz ausgegangen, keine Doppelstandards wie in Großbritannien.

      “Ich denke günstigere Kosten bedingen nicht einen schnelleren Ausbau.”
      Wir können das Geld ja nicht zwei Mal ausgeben. Wenn du bei der Kernkraft die doppelte Stromproduktion für den gleichen Preis bekommst, dann ist der Ausbau auch doppelt so schnell. Du denkst, glaube ich, zu sehr auf Ebene der Einzelanlage. Wichtig ist die Systemebene.

      “Besonders da z.B. bei Wind+Solarprojekten weniger Kapital und somit Risiko je Projekt bei den Unternehmen in der Wagschale liegt. Wenn der Ausbau von Atomkraft so schnell und einfach wäre, wieso hat sich dann für das Projekt Hinkley Point C kein Unternehmen gefunden, welches den Bau günstiger durchführt? ”
      Richtig, die Konzentration der Kapitalkosten zu Projektbeginn ist zusammen mit den politischen Unwägbarkeiten das große Problem an der Kernkraft. Du gibst heute viel Geld aus, um nachhaltig über die nächsten 60, 80 oder 100 Jahre günstigen und klimafreundlichen Strom zu produzieren.

      Da muss ganz klar die Politik Signale setzen. Wenn nachhaltige klimafreundliche Energieproduktion über Generationen nicht besser bewertet wird, als ein völliger Neubau des kompletten Energiesystems alle 20 Jahre, ist das ein Marktversagen. Auch was willkürliche Verbote von Atomkraft angeht, muss es Garantien mit sehr hohen Strafzahlungen geben. Gerade Deutschland ist sonst verbrannte Erde.

      “Die USA hat beispielsweise eine Dekarbonisierung des Stromsektors bis 2035 als Ziel – das wären 13,5 Jahre und auch aus deutscher Sicht auch machbar. Mit einer historisch geschätzten Fertigstellungsdauer von 7,5 Jahren wäre selbst das zu langsam, um einen relevanten Anteil zeitnah einzusparen (CO2 Emissionen sollte ja stetig abnehmen). ”

      Du tust so, als könnte man eine vollständige Dekarbonisierung bis 2035 mit Wind, Solar, Elektrolyseuren und Gaskraftwerken schaffen. Das scheitert schon allein daran, dass wir Elektrolyseure noch nie in Serie gebaut haben. Wir reden da aktuell von Erzeugungsleistungen von wenigen MW, nicht von dreistelligen GW.

      Und was das alles zusätzlich kosten würde. Die Systemkosten hier im Artikel sind für normale Gaskraftwerke, die fossiles Methan verbrennen. Damit bekommst du aber keine vollständige Dekarbonisierung hin. Wenn du in Zukunft Gaskraftwerke hast, die klimaneutralen Wasserstoff oder klimaneutral erzeugtes Methan verbrennen, steigen die Systemkosten locker um eine Größenordnung. Dann kannst du froh sein, wenn die Erzeugungskosten für Wind- und Solarstrom unter 30 Cents pro kWh liegen.

      Wie gesagt, ich glaube unser hauptsächliches Missverständnis ist, dass du die Einzelanlagen vergleichst und ich gerne die Systemebene anschaue. Schau dir doch in punkto Zubaugeschwindigkeit mal die globale Produktion von Solarmodulen und Windrädern an. Die heutige Produktion würde ja nicht einmal annähernd ausreichen um in einer 100%-EE-Welt auch nur die wegfallenden Anlagen zu ersetzen, um überhaupt über Wasser zu bleiben.

      Und wir müssen bis zu so einem Stand erstmal ordentlich zubauen. Das heißt es müssten quasi bis 2025 deutlich mehr als 10x so viele Fabriken für Wind- und Solaranlagen inklusive Upstream und Downstream zugebaut werden. Oder wie stellst du dir das vor?

      Wenn ich an die damit einhergehende Materialschlacht denke, wird mir übrigens schlecht, aber das ist ein anderes Thema…

      1. 1. PV-Anlagen müssen genauso wie Windkraft versichert werden (Haftpflicht etc.) Diese Kosten sind für Dachsolaranlagen erheblich. Wie teuer wäre Atomstrom, wenn die Betreiber diese Anlagen versichern müssten? Die Versicherungskosten pro kWh wären höher als alle anderen Kosten. 2. Die Atomreaktoren benötigen Kühlwasser. Schon 2018 mussten Atomkraftwerke vom Netz wegen fehlendem Kühlwasser. Also nix mit Vetsorgungssicherheit.

        1. 1. Kernkraftwerke sind natürlich alle haftpflichtversichert. Das ist sogar im Atomgesetz festgeschrieben.
          2. Fehlendes Kühlwasser in Mitteleuropa? Das gab es noch nie und wird es auch bei 2° Erwärmung nicht geben. Thermische Kraftwerke mit Durchlaufkühlung müssen bei hohen Temperaturen ihre Leistung drosseln um die Flora und Fauna im Fluss nicht zu gefährden. Einfache Lösung: Ein Kühlturm.

          1. Michael Liebelt

            Spät, aber hier muss ich doch mal einhaken nachdem soweit ich sehe sonst keiner was dazu geschrieben hat.

            Zu 1.:
            Ein GAU ist de facto nicht versichert, da die Haftpflicht auf 256 Mio je Reaktor begrenzt ist, ein GAU im eng besiedelten Deutschland aber mehrere Billionen an Schaden verursachen würde:
            http://vdmf.de/versicherungen-und-finanzen/spezialversicherung/atompool/
            Es gibt auch die ganz klare Aussage dass ein GAU einfach nicht zu tragbaren Kosten versicherbar ist, macht ja auch Sinn nachdem da mal eben mehr als Faktor 1000 zwischen aktueller Grenze und GAU-Kosten liegen.

            Und auf die Sicherheit deutscher Atomkraftwerke braucht man nicht allzu viel geben, das ist bei uns nicht so viel besser wie anderswo.
            In der Schweiz gab es sogar mal einen Super-GAU, der nur verhindert wurde weil sie das ganze Kraftwerk tief im Berg gebaut hatten, und ich denke dass die ähnlich gründlich wie die Deutschen sind:
            https://www.welt.de/geschichte/article187314342/Reaktor-Lucens-Als-die-Schweiz-knapp-einem-Super-GAU-entging.html
            Ok, Versuchsreaktor, aber trotzdem…

            Ich finde leider aktuell den Link nicht, vor wenigen Jahren war eine TV-Team für eine Reportage über ein AKW in Deutschland dort und hat live einen (Fehl-)Alarm mitgekriegt. Nachdem die Kraftwerke vor Urzeiten gebaut wurden, ist keiner mehr da, der sich richtig auskennt. Der Schichtleiter war Schiffsingenieur, also Quereinsteiger ohne echte Ahnung vom AKW. Die ganze Behandlung von dem Alarm war wildes Wälzen der Pläne bis der Alarm von selber ausging und damit alles wieder gut war… Von daher haben wir bisher einfach echt Glück gehabt.

            Es gibt auch (dazu passend) eine schöne Liste von Problemen in D:
            https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_meldepflichtiger_Ereignisse_in_deutschen_kerntechnischen_Anlagen
            Gerade Brunsbüttel 2001 zeigt, mit was für einer fast schon kriminellen Energie dort gearbeitet wird, wenn mal was schiefgeht. Und Krümmel 2007 ist auch gruselig.

            Und in Frankreich wurden ja bei Ersatzteilen Zertifikate gefälscht, da diese den Anforderungen nicht genügten:
            https://www.welt.de/wirtschaft/article154665404/Gefaelschte-Ersatzteile-in-Frankreichs-AKW.html

            Wo Leute arbeiten, passieren Fehler, ist nun mal so, auch ganz ohne kriminellen Vorsatz. Aber nur im Atomkraftwerk ist es ein Problem, wenn es abbrennt, bei Kohlekraftwerk oder Windkraftwerk ist das zwar doof, aber mehr als ein paar wenige Leute im unmittelbaren Umkreis sind nicht unmittelbar betroffen.

            Zusätzlich altern sowohl die Technik als auch die Materialien. Sobald beim AKW verlangt wird, die Technik auf den aktuellen Stand zu bringen, stellt der Betreiber freiwillig den Betrieb ein. Und der Druckbehälter der AKWs ist ja auch ein massives Sorgenkind, da mit steigendem Alter immer mehr Haarrisse drin sind. Da sind ja auch einige AKWs kurz vor der Zwangsabschaltung.
            Zudem: Kohlekraftwerke werden nach ca. 30 Jahren abgeschaltet weil zu alt. Warum sollte ein Atomkraftwerk die doppelte Laufzeit schaffen??

            Zu 2.:
            Es werden immer wieder Atomkraftwerke wegen zu warmem Wasser abgeschaltet, sogar in Deutschland:
            https://www.zdf.de/nachrichten/heute/weser-zu-warm-atomkraftwerk-grohnde-abgeschaltet-100.html
            Gut Grohnde ist seit Jahreswechsel stillgelegt, ändert aber nichts am Grundproblem.
            Und Grohnde hatte Kühltürme! Trotzdem geht ein Teil der Abwärme noch in den Fluss. Da man die Fische nicht umbringen will, darf man den nur beschränkt aufwärmen. Und egal ob Kühlturm oder nicht, es wird Wasser benötigt, was aber gerade im Sommer bei niedrigen Flusspegeln sehr problematisch werden kann.
            Gut, die taz ist jetzt sehr einseitig von der Berichterstattung her, aber die Fakten in dem Artikel sind echt:
            https://taz.de/Atomkraftwerke-in-Frankreich/!5119221/
            Ergo: gerade bei maximaler Kälte und maximaler Hitze fallen die Atomkraftwerke aus, gerade da wo am meisten Strom benötigt wird.

          2. Florian Blümm

            Ein GAU muss nicht haftpflichtversichert werden. GAU heißt Auslegerstörfall, das heißt innerhalb der Sicherheitsauslegung.

            Super-GAU heißt, die Sicherheitsvorrichtungen haben nicht ausgereicht und es kam zu einer signifikanten Freisetzung außerhalb der Kraftwerksgrenzen. Selbst wenn man unter maximal pessimistischen Annahmen ein Event wie Fukushima versichern müsste, wären das rund 0,7 Cents pro kWh. Teuer, aber nicht unversicherbar.
            Ein Super-GAU ist in deutschen Kernkraftwerken aber extrem unwahrscheinlich, selbst bei einem Kernschaden. Selbst die Eintrittswahrscheinlichkeit eines Kernschadens wird mit 1/1000000 pro Reaktorjahr gerechnet. Zum Vergleich, die Eintrittswahrscheinlichkeit eines Tsunamis wie beim Tohoku-Erdbeben vor Fukushima lag bei 1 pro 400 Jahre, also um Größenordnungen höher.

            Die Sicherheit deutscher Kernkraftwerke ist höher als selbst in anderen europäischen Kraftwerken, siehe Bericht der Reaktorsicherheitskommission.

            ” Kohlekraftwerke werden nach ca. 30 Jahren abgeschaltet weil zu alt. Warum sollte ein Atomkraftwerk die doppelte Laufzeit schaffen??”

            Mehrere Gründe:
            1. Deutlich niedrigere Temperaturen
            2. gründlichere und viel häufigere Revisionen
            3. Austausch von Komponenten lange vor Versagen
            4. Eine Laufzeitverlängerung in einem Kohhlekraftwerk ist bei umfangreichen Nachrüstungen unwirtschaftlich

            Einzige Ausnahme hier ist der Reaktordruckbehälter. Der kann nicht ersetzt werden. Bisher musste aber noch kein einziger Leichtwasserreaktor aus Altersgründen abgeschaltet werden, während z.B. graphitmoderierte Reaktoren selten mehr als 40 Jahre schaffen.

            “Es werden immer wieder Atomkraftwerke wegen zu warmem Wasser abgeschaltet, sogar in Deutschland”

            Das mit Grohnde verstehe ich nicht, da muss ich nachfragen. Es wird bei Kühlturmkühlung kein Kühlwasser zurückgeführt.

            Wenn wir zukünftig mehr Extremwetter erwarten, dann sollten wir ganz sicher nicht auf wetterabhängige Erneuerbare setzen.

          3. Florian Blümm

            Was Grohnde angeht, musste in dem Fall 2019 gar nicht abgeschaltet werden, siehe Atomkraftwerk Grohnde muss nicht abgeschaltet werden – Kritik von Umweltschützern

            Dominik Wipplinger, der deutlich mehr von dem Thema versteht meinte:
            “Beim KWG ist als Besonderheit irgendein Wärmetauscher so knapp dimensioniert das bei einer zu hohen Flusswassertemperatur irgendein Kühlsystem in irgendeinem Störfallszenario nicht mehr zuverlässig die vorgeschriebene Temperatur sicherstellen kann.”

            Das ist nach meinem Verständnis kein grundsätzliches Problem. Im Kühlturmbetrieb sollte die Wassertemperatur egal sein.

          4. Michael Liebelt

            zu 1 / GAU-Kosten:
            Der Vergleich mit Fukushima hinkt extrem, da die Japaner das riesige Glück hatten dass der Großteil der Radioaktivität durch günstig stehenden Wind auf das Meer geweht wurde. Damit wurde zwar sehr viel Land verschont (was im extrem dicht besiedelten Japan sonst sehr… interessant geworden wäre), aber dafür haben es diverse Schiffe abgekriegt, z.B. die USS Reagan, wo es auch Strahlenfolgen gab die in keiner offiziellen Statistik für Fukushima auftauchen:
            https://columbusfreepress.com/article/navy-knew-fukushima-contaminated-uss-ronald-reagan
            Wäre das wie bei Tschernobyl über Land abgeregnet, sähen die Folgekosten völlig anders aus. Wobei selbst bei Tschernobyl die Kosten verhältnismäßig niedrig waren, da der nähere Bereich des Kraftwerks nur dünn besiedelt war und man entsprechend einfach evakuieren und absperren konnte, es mussten für einen Radius von 30km nur ca. 350’000 Menschen evakuiert werden. In Deutschland würde man vielleicht bei den AKWs in den Flächenländern noch mit einer ähnlichen Zahl davon kommen, aber ein sehr guter Teil steht im dicht besiedelten Rhein-Main-Gebiet.

            Die Unwahrscheinlichkeit eines GAUs ist kaum sinnvoll zu berechnen, gerade nachdem das (auch bei Fukushima) sehr viel von Fehlbedienung bzw. zu spätem Eingreifen abhängt, der Faktor Mensch also in beide Richtungen starken Einfluss hat. Das ganze ändert aber nichts daran, dass es nur bei Atomkraftwerken (ok, und Staudämmen) ein Risiko für einen GAU gibt, der viele Leute trifft. Bei Staudamm ist das aber nur eine einmalige, kurze Angelegenheit, während Atomkraftwerke Schäden für Jahrzehnte anrichten.
            In Bayern wird auch heute noch der Großteil der geschossenen Wildschweine wegen zu radioaktiv entsorgt, 35 Jahre nachher:
            https://www.br.de/nachrichten/deutschland-welt/auch-35-jahre-nach-tschernobyl-gau-wildschweine-in-bayern-verstrahlt,SVaGQ1V

            Zu 2:
            Der Artikel zu Grohnde ist sehr interessant, ändert aber nicht die Problematik in Frankreich.
            Abgesehen davon: mit nur 1° mehr hätte es abgeschaltet werden müssen, also ist das Argument “wird es auch bei 2° Erwärmung nicht geben” damit auf jeden Fall widerlegt. Zusätzlich führen die Flüsse dann deutlich weniger Wasser, was (wie in Frankreich) ebenfalls zur Abschaltung führen kann, selbst wenn die Temperaturgrenze nicht erreicht wird.

          5. Florian Blümm

            Bitte keine Vergleiche von Tschernobyl mit Leichtwasserreaktoren. In Tschernobyl explodierte der Reaktor, ein Feuer verbreitete das Reaktorinventar für 2 Wochen und es gab nicht einmal ein Containment.

            Du hast vermutlich eine völlig falsche Vorstellung von Fukushima. In Fukushima gab es keine Explosion in den Reaktoren. Die Containments haben gehalten. Es gab kein Feuer und auch keinen Fallout, wie in Tschernobyl.

            Was es gab waren Freisetzungen von flüchtigen Spaltprodukten. Dabei wurde nicht einmal Jod-131 in gesundheitsschädlicher Konzentration freigesetzt, obwohl sich das in der Schilddrüse ansammelt.

            Und nein, auch in unmittelbarer Kraftwerksnähe sowie direkt in Windrichtung waren die Dosen nicht hoch genug um gesundheitsschädlich zu werden, egal ob an Land oder auf See. Die Ronald Reagan hat winzige Dosen abbekommen:
            “—whole-body doses of 8 millirem or less, and thyroid doses of 110 millirem or less—for the entire 60-day surveillance period of OT. ”

            “Die Unwahrscheinlichkeit eines GAUs ist kaum sinnvoll zu berechnen, gerade nachdem das (auch bei Fukushima) sehr viel von Fehlbedienung bzw. zu spätem Eingreifen abhängt”

            Nochmal, Fukushima war nicht auf Tsunamis ausgelegt, die dort im Mittel alle 400 Jahre passieren. Das hat nichts mit Fehlbedienungen oder der Wahrscheinlichkeit eines Super-GAUs zu tun. Es gab für die Operatoren keine Möglichkeit einzugreifen, nachdem der Generatorenraum geflutet war. Das andere betroffene Kraftwerk Fukushima-Daini hatte Glück. Fukushima-Daichi nicht.

            Wenn in Bayern die Grenzwerte für radioaktives Cäsium absurd niedrig sind, dann ist das ein Argument diese Grenzwerte anzupassen. Und bitte keine Tschernobyl-Vergleiche mit Leichtwasserreaktoren.

            Grohnde hatte anscheinend besondere Anforderungen an die Wassertemperatur für ein bestimmtes Notfallsystem. Im Kühlturmbetrieb wird das Flusswasser aber nicht aufgeheizt. Das ist kein generelles Problem von Kernkraftwerken.

          6. Michael Liebelt

            Mir ist vollkommen klar, dass Tschernobyl mit dem Graphit eine andere Art von GAU war, und ich habe auch sehr genau verfolgt was in Fukushima passiert ist.
            Das Containment in Fukushima hat zwar weitgehend, aber nicht komplett gehalten (Block 2…). Trotzdem gab es auch bei intaktem Behälter durch die nötigen Druckentlastungen eine massive Freisetzung von Radioaktivität, vor allem von dem zwar schnell abbauenden aber extrem leicht aufzunehmenden Cäsium und Jod. Also im Prinzip ein krasseres Three Miles Island Szenario plus ordentlich Radioaktivität ins Meerwasser. Es ist übrigens auch bekannt, dass die Strahlenbelastung teilweise massiv geschönt wurde. Und die Druckentlastung hat durchaus Fallout verursacht, wenn auch nicht in dem Maße wie Tschernobyl.
            Und für “nicht gesundheitsschädlich” sind die Dosen aber ganz schön hoch gewesen:
            https://de.wikipedia.org/wiki/Strahlungsbelastung_durch_die_Nuklearunf%C3%A4lle_von_Fukushima#Kontamination_der_Umgebung

            USS Reagan:
            dafür, dass die Dosen so klein waren, hat es aber ganz schön viele Krebsfälle gegeben:
            https://de.wikipedia.org/wiki/USS_Ronald_Reagan_(CVN-76)#Erkrankungen_durch_die_Nuklearkatastrophe_von_Fukushima
            fast 1% schwer an Krebs Erkrankte bei der Besatzung binnen 10 Jahren? (51 Fälle bei ca. 5600 Besatzungsmitgliedern)

            Bei Fukushima ging es mir eigentlich um die andere Richtung, dass man es hätte verhindern können, wenn man rechtzeitig genug Ersatzaggregate heranschaffen hätte können. Versucht hat man es ja, aber das hat zum einen durch Tsunami-Schäden aber zum anderen durch mangelnde Organisation / Planung nicht geklappt.
            Es wird bei uns ja immer wieder vergessen, aber bei dem Tsunami sind verdammt viele Leute in Japan gestorben, insofern ist das quasi “verzeihlich”. Aber trotzdem, es hätte klappen können.

            Bei den Fehlbedienungen ist m.E. das Hauptproblem, dass sich keiner mehr wirklich mit der für heutige Verhältnisse antiken Technik mehr auskennt. Das wird mit steigender Laufzeit auch problematischer.

            Das Problem mit radioaktiven Stoffen ist ja primär, dass sie sich im menschlichen Körper anreichern, entsprechend sind die Grenzwerte gesetzt. Und diese Grenzwerte gelten nicht nur in Bayern, sondern EU-weit.
            Aber natürlich erstmal wieder Bayern-bashing abliefern…

            Das mit den Kühltürmen ist interessant, die Aufheizung vom Wasser zieht sich aber irgendwie quer durch die Atomkraftwerke mit Kühlturm. Keine Ahnung wieso. Eventuell kommt ein Teil vom Wasser trotzdem erwärmt zum Fluss zurück, auch wenn theoretisch der Kühlturm nur verdunstet und sonst nichts benötigt wird? Bei Isar II dürfen übrigens nicht mal 25° erreicht werden. Und laut dem Artikel hier wird der Fluss trotz Kühlturm aufgeheizt, weswegen sich spezielle Fischarten angesiedelt haben:
            https://www.br.de/themen/bayern/inhalt/unterwegs-in-bayern/isar-atomstrom-ohu100~detail.html

          7. Florian Blümm

            Auch das Containment von Block 2 in Fukushima hat gehalten. Im Containment ist die Strahlung in Block 2 laut einer Untersuchung von 2017 allerdings am höchsten, was auf einen größeren Schaden im Reaktorkern hindeutet.

            Die Strahlenmessungen wurden geschönt? Alle? Von wem denn und wann und wie? Es ist nichts einfacher zu messen als Radioaktivität.

            Bei den ungefilterten Druckentlastungen in Fukushima Daiichi kam es zur Freisetzung von hauptsächlich Jod-131, Cäsium-134 und Cäsium-137. Insgesamt wurden zwischen 100 PBq und 500 PBq Jod-Äquivalent freigesetzt. Das entspricht 22 bis 109 Gramm Jod-131. Das ist alles andere als “ganz schön hoch”. Und das Zeug ist nicht etwa im Trinkwasser gelandet.

            Wenn bei einem Chemieunfall 100 Gramm Umweltgifte freigesetzt werden, dann sagen wir “Nochmal Glück gehabt”. Aber radioaktive Isotope haben einen Sonderstatus?

            Der einzige Krebs, der bei winzigen Dosen von Spaltprodukten überhaupt auftreten kann ist Schilddrüsenkrebs. Selbst bei den viel höheren Dosen in Tschernobyl war das die einzige Krebsart mit erhöhtem Auftreten in der Bevölkerung. Erst bei viel viel höheren Dosen kommt es zu Leukämie, z.B. in Hiroshima.

            Laut den Strahlenfolgenexperten der UN gibt es durch Fukushima kein erhöhtes Auftreten von irgendeinem Krebs, nicht einmal Schilddrüsenkrebs.

            Warum die Krebsrate auf der Ronald Reagan 5x so hoch ist wie normal, weiß ich nicht. Kausal kann das mit dem freigesetzten Cäsium oder Jod nichts zu tun haben. Erinnert an die angeblichen Leukämie-Cluster um deutsche Kernkraftwerke.

            Vielleicht hätte man ohne Tsunami Ersatz-Generatoren heranschaffen können. Aber ohne Tsunami hätte es auch keinen Unfall im Kernkraftwerk gegeben.

            Man sollte auch wirklich nicht von Heldentaten ausgehen um den sicheren Betrieb eines Kernkraftwerks zu gewährleisten. TEPCO hat bei der Sicherheitsauslegung geschlafen.

            Ich bin selbst Bayer, aber schieb mir ruhig Bayern-Bashing in die Schuhe 😉

            Dass die Grenzwerte absurd sind weiß bei uns aufm Dorf jeder Jäger. Und bei uns schmeißt man das Fleisch auch nicht weg, wär ja noch schöner. Es ist ja nur der Verkauf verboten, nicht der Selbstverzehr.

            Und natürlich ist dabei die Einlagerung im Körper berücksichtigt. Du müsstest Hunderte Kilo Wildbret jedes Jahr fressen, um in einigen Jahrzehnten eine Chance auf gesundheitliche Folgen durch das Cäsium zu haben. Bis dahin hast du nen Herzinfarkt durch das viele Fleisch.

            Wenn das mit den Kühltürmen tatsächlich irgendwann einmal zu einem ernsthaften Problem werden sollte, muss man halt etwas tiefer in die Tasche greifen für einen Trockenkühlturm. Kein Grund aus einer Mücke einen Elefanten zu machen.

          8. Michael Liebelt

            Der Überdruck im Block 2 sank auf 0… also nö, der hat definitiv nicht gehalten. Weitgehend, ok, aber nicht komplett.

            Es gibt von allen Beteiligten ein massives Interesse daran, die Werte möglichst zu schönen. Das geht, indem man z.B. die Bodenprobe von einem Material nimmt, wo die Radioaktivität schnell ausgewaschen ist.
            Auch in der Liste der Ereignisse in deutschen Atomanlagen finden sich etliche Fälle, wo so gut es geht verschleiert und geschönt wurde, nur dass die halt damit öfter nicht mehr durch kamen.
            Aber geschönt oder nicht, die Liste für Fukushima in Wikipedia ist auch so nicht ohne.

            Die Strahlenkrankheiten lassen sich leider nicht an strikten Werten fest machen, da es immer um Wahrscheinlichkeiten geht, die sich eben nur erhöhen aber lange Zeit keine 100% erreichen. Zusätzlich ist jeder Mensch anders und damit auch seine Empfänglichkeit für sowas. Und es spielt natürlich auch noch eine Rolle, ob ggf. eine Vorschädigung da ist.

            Interessant ist aber, wie sie den Prozess der Reagan-Seeleute gekippt haben:
            https://www.counterpunch.org/2020/03/06/cancer-in-us-navy-nuclear-powered-ships/
            Die Krebsrate auf sonstigen Atomschiffen und -U-Booten ist nochmal doppelt so hoch wie die eh schon erhöhten Raten auf der Reagan. Aber nein, als Seemann darf man die US Navy nicht verklagen… klasse.

            Bayer: na, da bin ich ja dann beruhigt 😀
            Dann sind wir ja unter uns.

          9. Florian Blümm

            Überdruck in nem Siedewasserreaktor-Containment? Ich glaub du meinst den Reaktordruckbehälter. Den hat es wohl ziemlich zerlegt.

            Diese Radioaktivitäts-Karten zeigen überhaupt keine Bodenproben, sondern Strahlungsmessungen in bestimmten Höhen.

            Es konnten noch nie Krebserkrankungen unter 100 mSv Dosis festgestellt werden. Man geht heute wegen der Strahlen-Hormesis von einem unteren Limit aus entgegen dem veralteten LNT-Modell.

            Zugegeben, ich bin Franke, aber die Verordnungen sind die gleichen 😉

          10. Michael Liebelt

            Das Containment ist üblicherweise so gebaut, dass ein Leck im Druckbehälter zuallererst mal ins Containment geht, welches zumindest einen gewissen Überdruck abkann, idealerweise den kompletten Druck vom Druckbehälter. Und wenn es eng wird, wird daraus per Sicherheitsventil abgelassen.
            Nachdem der Überdruck in Block 2 auf 0 gefallen ist, waren sowohl Druckbehälter als auch Containment defekt. Das Containment wurde einige Tage später per Wasserglas erfolgreich geflickt.

            Ich wollte eigentlich auf die Tabelle unter den Karten raus. Der Artikel ist da leider schlecht strukturiert, da die Tabelle unter der größeren Überschrift “Luftmessungen” steht, aber eigentlich separat ist. Dort und im nächsten Abschnitt wurde definitiv am Boden geprobt, nicht in der Luft.
            Aber selbst dann sind diese Werte noch überraschend akzeptabel. Leben möchte ich dort aber nicht, vermutlich ist ein Haus auf bzw. aus Granit im Bayerischen Wald aber tatsächlich ungesünder.

            Franke? Ansichtssache ob das noch zu Bayern gehört 😀
            Ist ja nördlich der Donau…

  6. Jan Freytag

    Basieren die AKW Kosten auf der aktuellen Praxis? Müsste man hier nicht die Kosten der Allgemeinheit mit einpreisen? Z.B. die Kosten der Atommülllagerung, etc.? AFAIK zahlt das ja kein Eon, sondern der Steuerzahler.

    1. Ja, man muss fairerweise die Entsorgung einpreisen. Leider wird das bei Kohle, Erdgas, Öl und Biomasse nicht vollständig gemacht.

      Bei der Kernkraft sind die Entsorgungskosten vollständig Teil der Gestehungskosten. Die Zwischen- und Endlagerung wird in Deutschland vom Betreiber bezahlt und auf den Preis umgelegt. Es zahlt der Stromverbraucher nach dem Verursacherprinzip, nicht der Steuerzahler.

      Übrigens, die Atommüll-Entsorgung macht laut BUND rund 0,15 Cents pro kWh aus. Das ist nicht annähernd so viel, wie gerne behauptet wird. Mehr Infos zur Entsorgung im Artikel zur Endlagerung.

  7. Heiner

    Hallo,
    interessante Seite und interessante Diskussion!
    Die Berechnungen werden derzeit ja massiv durcheinandergeworfen durch den aktuell auf über 60 €/t hochgeschossenen Preis für CO2-Emissionen. Dazu durch den extrem angestiegenen Preis für Steinkohle (in 3 Monaten von ca. 100 auf nun 170$).
    Dadurch sind Wind und PV aktuell z.T. deutlich preiswerter als Braunkohle, Steinkohle und Erdgas.
    Frage ist zudem, wo der CO2-Preis künftig liegen wird und was angemessen ist. Aktuell gab es Aussagen zu sozialen Kosten des CO2-Ausstoßes von 3000 $. (aktueller Artikel der FR, bitte selber googeln) Das ist der mit Abstand höchste Preis, den ich gehört habe. Im gleiche FR-Artikel sind auch Bepreisungen von 195 € (UBA) oder 110 bis 135 € (eine UN-Kommission) genannt. Wenn es “nur” die 110 € werden, spricht alles klar für PV und Wind. Und für Kernenergie?
    Bei Kernenergie ist mir nicht klar, warum oben 3,86 cent genannt sind – aber in der Diskussion eher um die 9 cent/kWh. Ist das auf den Lerneffekt zurückzuführen, der erwähnt wird? Eine so große Differenz erscheint mir fragwürdig.
    Zudem wäre es fair, bei Wind und PV auch einen massiven Lerneffekt einzupreisen. (Bzw. wäre es fair, für AKW neu den aktuell hohen Preis in Flamanville bzw. Hinkley Point C in der Abbildung oben zu nennen.) Bei den Preisen PV/Wind dürfte noch Luft nach unten sein, wenn die derzeitigen hohen Rohstoffpreise wieder sinken. (Ok – bei Kohle auch! Vielleicht sinkt auch der CO2-Preis sichtbar, wenn die Wirtschaft abkühlt!) Zudem findet noch ein upscaling der Produktion von Wind und PV statt sowie Steigerungen der Wirkungsgrade. Ein weiterer Punkt: PV wird oft auf 20 Jahre kalkuliert (wie wurde bei obigen Zahlen kalkuiert?) – kann aber 30/ 40/ 50 Jahre betrieben werden. Die Module altern nur langsam. Fragwürdig erscheinen mir auch die hohen Kosten für die Systemintegration. Hier wäre fairer Weise auch (wie bei AKW neu) ein hoher Lerneffekt einzupreisen – z. B. durch preiswerte Speicher, Ausbau der Stromnetze (bei Windstille in D Strom aus Spanien importieren, Wasserkraft noch stärker als Speicher nutzen als heute (vgl. nordlink)). Zudem ist der Punkt “Überproduktion” bei Wind und PV genannt, wenn diese verstärkt ausgebaut werden. Für diese “Überproduktion” wird sich in Zukunft auch Verwendung finden. An der Strombörse wird dieser “Überschuss” preiswerter angeboten werden. Für diesen preiswerten Strom werden sich Abnehmer finden, die z. B. Elektrolyseure betreiben oder in der Stromabnahme flexibel sind und solche preiswerten Phasen “abpassen”. In der Erforschung sind z. B. thermische Speicher, die an einstigen Kohlekraftwerken errichtet werden können und einen Teil der bestehenden Infrastruktur nutzen können (Dampfturbine, gute Netzanbindung…). Ein weiteres Beispiel ist die Beladung von Wärmepspeichern mit Wärmepumpe oder auch einfach wenig effizient per Heizstab. Es gibt etliche weitere Möglichkeiten, Stromabnehmer in die preiswerten Zeiten der “Überproduktion” zu verschieben. Das muss sich aber entwickeln. Solche Lösungen scheinen mir nicht berücksichtigt zu sein bei Kostenpunkt “Überproduktion” von Wind und PV!?
    Was auch interessant wäre: wenn das Potenzial von Batteriespeichern hier berücksichtigt werden würde. Deren Kosten sinken rapide. Und damit auch die Kosten für die Systemintegration von PV und Wind?
    Ach ja – die Wasserkraft muss noch kommentiert werden! 🙂 Das Potenzial ist zumindest in Deutschland weitgehend ausgereizt. Daher ist hier kaum zusätzliches Potenzial zu erwarten.
    Mein Schluss ist, dass ein systematischer Ausbau von PV und Wind in Europa stattfinden sollte – unter Berücksichtigung des gesamten Stromnetzes. PV sollte vor allem in Spanien und Griechenland stehen – aber auch dezentral in Europa insgesamt. Windkraft sollte kontinentweit gut verteilt stehen. Wichtig ist offshore-Wind, der viele Vollaststunden liefert – auch im Winter. Auf regionaler Ebene sollten Batteriespeicher stehen, die das Stromnetz entlasten (lokalen Überschuss vor Ort speichern, bei Prognose von wenig Wind und PV “Vorrat” anlegen, damit das überregionale Netz nicht überlastet ist und damit Kapazitäten ausreichen). Am besten sollten auch noch weitere Stromnetze integriert werden in Nordafrika, Türkei, Osteuropa, …. Das würde regionale Wettereffekte weiter glätten/ausgleichen. Eine win-win-Situation.
    Und ein letzter Punkt: ist bei PV eine Ost-West-Ausrichtung bedacht? Das liefert etwas weniger Strom – aber dürfte die Systemkosten deutlich senken, weil nicht mittags ein massiver PV-Peak entsteht. Auch ist der Strom einige Stunden vor und nach Mittag deutlich teurer, weil der Mittagspeak die Preise in den Keller drückt. Eigentlich sollte in D und Europa generell nur noch PV in Ost-West-Ausrichtung gebaut werden. Das EEG in D liefert hier aber meines Wissens keine Anreize. Aber EEG-unabhängige Anlagen dürften dies berücksichtigen – schließlich müssen sie am freien Markt bestehen!
    Bin gespannt auf Rückmeldungen und Kommentare!

    1. Stimmt, der CO2-Preis wirft einiges durcheinander. Den CO2-Preis könnte ich leicht updaten, den gestiegenen Steinkohlepreis aber nicht. Auch nicht vergessen sollte man den seit März mehr als verdoppelten Gaspreis von $6/MMBTU auf $15/MMBTU.

      Die 3,86 Cents beziehen sich einzig und allein auf den EPR-Prototyp in Flamanville, da sonst in den letzten Jahren keine Reaktoren in Mitteleuropa gebaut wurden. Da ist also kein Lerneffekt einbezogen, ganz im Gegenteil: Das ist das absolute Worst-Case-Szenario. Es kann mit weiterem Ausbau nur besser werden. Die in Frankreich geplanten 6 EPR2 werden deutlich günstiger sein.

      Wie man auf 9 Cents pro kWh bei Kernkraftwerken kommt, musst du mal erklären. Angenommen wir haben Betriebs-, Rückbau- und Entsorgungskosten in Höhe von 2 Cents pro kWh. Dann müsste ja ein einzelner Reaktor mit 1,6 GW um die 53 Milliarden Euro kosten (7 Cents pro kWh mal 756 Mrd. kWh Lebenserzeugung über 60 Jahre). Welcher Reaktor der jüngeren Vergangenheit soll so teuer gewesen sein? Nicht einmal die völlig überzogenen AP1000 im Vogtle-Kernkraftwerk Block 3&4 sind so teuer.

      Gestehungskosten sind zwangsweise immer historisch. Jede Prognose von Lerneffekten unterliegt großen Unsicherheiten. Ob Wind und Solar wirklich noch deutlich billiger werden können bei gleichzeitigem massiven Ausbau ist übrigens keineswegs sicher, allein schon wegen der großen Menge benötigter Rohstoffe. Die Preise für Photovoltaik stiegen ja in 2021 um 15%. Noch dazu sind die besten Standorte schon weg.

      Systemkosten können noch fallen, insbesondere die für Regelenergie dank Batteriespeichern. Im Moment steigen die Systemkosten aber durch den hohen Erdgaspreis. Wenn man saisonales Backup komplett ohne fossiles Gas und nur mit z.B. Wasserstoff bereitstellen will, würden die Systemkosten noch einmal deutlich steigen.

      Klar kann man in Zukunft einen Teil der Überproduktion zum Beispiel in Elektrolyseuren nutzen. Aber es ist absolut unwirtschaftlich mehr als nur einen kleinen Teil zu nutzen. Dazu müsste man ja enorme Mengen Elektrolyseure bauen, die nur bei extrem viel Wind und Solar laufen und den Großteil des Jahres still stehen. Teure Infrastruktur muss ausgelastet werden, sonst lohnt sich das nicht.

      Der Ausbau der Stromnetze ist ein Kostentreiber für die Systemkosten, kein Kostensenker. Der Transport von Strom ist nicht weniger teuer als die Speicherung. Es ist auch absolut illusorisch Deutschland von Spanien oder Griechenland aus zu versorgen. Wir könnten es vielleicht mit enormen Einsatz in 20-30 Jahren Bauzeit schaffen 2, 4 oder gar 6 GW Leistung über so enorme Strecken durchzustellen, aber nicht die benötigten Kapazitäten im hohen zweistelligen GW-Bereich um Deutschland zu versorgen.

    2. Hallo Heiner, völlig richtig, zusätzlich: bei einer doppelten Akku-Kapazität durch Feststoff-Akkus auf zB 200 kWh pro Fahrzeug, könnte der insgesamt erforderliche Strombedarf bereits bei einer Dunkelflaute für 1woche gedeckt werden. Mit Verbund von PV- und Windkraft von Griechenland über Italien bis Spanien und vielleicht auch von Ukraine bis Norwegen ist eine noch längere kalte Dunkelflaute ausgeschlossen. Da braucht es nicht mal mehr die Akkuspeicher der Kfz

      1. Mitteleuropa mit dreistelligen GW Leistung von Griechenland, Italien oder Spanien versorgen? Wie viele Billionen Euro sollen die neu zu bauenden HGÜs kosten und wie viele Jahrzehnte soll das dauern?

        Zum Vergleich, die HGÜ Südostlink mit nur 2 GW und nur 500 km Länge kostet 5 Milliarden Euro und wird mindestens 10 Jahre im Bau sein.

        Wenn du Mitteleuropa mit 200 GW vom 2500km entfernten Portugal aus versorgen willst, kostet das laut Dreisatz 5 Billionen Euro. Und das geht über mehrere Gebirge und Ländergrenzen hinweg. Wir haben nicht bis zum Jahr 2100 Zeit und an die Ressourcenverschwendung möchte ich lieber erst gar nicht denken…

  8. Joe Schmidt

    Interessant finde ich, dass SIe bei den “Vollkosten” für Strom aus neuen AKW tatsächlich mit den 4Ct/kWh aus einer Studie werben, obwohl das AKW Flamanville noch nicht fertig ist und noch keine einzige kWh produziert wird.
    Für den neueren Reaktor HinkleyPoint C waren eine 35jährige Garantie für 11Ct/kWh zzgl. Inflationsausgleich nötig, um Investoren zu finden.
    Auch sehe ich nicht, wo Sie da bei den Stromkosten aus AKW die Systemkosten ausreichend berücksichtigt hätten.
    Denn auch AKW brauchen zusätzliche Regelkraftwerke und BackUp-Kapazitäten.
    Der Argumentation von Lukas Hörner kann ich umfänglich folgen – Ihrer nicht.

    1. Wäre es dir lieber, wenn ich mit den unter 3 Cents pro kWh Kosten aus den Achtzigern werbe? Oder den chinesischen und koreanischen 2,5 Cents pro kWh?

      Die Systemkosten von Kernkraftwerken sind berücksichtigt. Sie betragen rund 0,2 Cents pro kWh und sind damit etwas höher als bei Gas oder Kohle, siehe Artikel.

  9. NaPe

    Wir haben doch einen Lernefekt bei Atomkraft gehabt… Die Teile sind einfach nicht 100% sicher und Atombomben wollen wir (wie die Briten und Franzosen) eh nicht haben –> Also wir schalten die AKWs ab, das ist der gesellschaftlicher Konsens, leb damit! Die Atomkraftdebatte in DE ist Geschichte.

    Gas und Öl gehen auch nicht mehr, also muss es mit PV und Windkraft geschafft werden. Die Technik gibt es und ist bezahlbar! Jetzt ist die Frage wieviel, wo und wie speichern wir die Energie. Und wo sparen wir Energie. Da brauchen wir weitere Ansätze,

    Mit Kernfusion können wir dann in 50 Jahren die alten Module ersetzen. -.-

  10. Arsc

    Ich glaube sie sind behindert im Geiste oder fremdgesteuert:
    nur dieses persönliche Beispiel um dies zu bestätigen:
    Sie haben eine Grafik in ihrem Sinnlos Blog in der von totalen LCOE von DachPV Strom von 12Cent fabuliert wird (Veröffentlicht von der Gates finanzierten IAEA…uiiii)
    Meine 10 Kw Peak Anlage kostet 13000 EUR netto und wird die nächsten 30 Jahre 290 Mwh Strom produzieren Degradation Wartungskosten Entsorgung am Ende etc. eingerechnet und aufgerundet komme ich auf gerade mal 5 Cent

    1. Bitte mal n bissl auf die Ausdrucksweise achten. Wir sind hier net im Wirtshaus.

      Das Problem an deiner Solaranlage ist, dass sie nur Strom erzeugt, wenn die Sonne scheint. Und es hilft auch nix, wenn der Strom bei dir bleibt. Wenn du die Systemkosten einrechnest, kannst du beim aktuellen Systemanteil rund 5 Cents aufaddieren.

      In allen Gestehungskosten, die ich kenne, wird außerdem mit 20 Lebensjahren für PV gerechnet.

      1. Andreas

        Ich versuche mich mal neutral zu halten und die Berechnungen nachzuvollziehen.
        Sowohl bei pv als auch akw fallen der Großteil der Kosten bei der Errichtung an.
        Du berechnet für akw Kosten:
        19 miiliarden /1.600.000kw ×8800hx 60 Jahre bei 90% betriebszeit und kommst so auf ca. 2,5 cent kWh preis.
        Bei pv wird immer nur von 20 Jahren ausgegangen weil das der eeg vergütungszeitratraum ist. Es gibt aber produktgarantien mit Zeiträumen von 25- 30 Jahren. Testanlagen laufen auch nach 36 Jahren noch mit 90% Leistung.
        Kostenrechnung einer 2021 errichteten 16kwp dachanlage. Pultdach auf bungalow ohne eigenleistung.
        900€ je kwp/ 930kwhx30 jahre = 3,2cent je kwh.

        Was die Betriebskosten angeht kann ich die Rechnung nicht nachvollziehen deswegen lasse ich das außen vor. Bei pv liegen die module auf dem Dach und da muss im best case nie wieder jemand ran.

        Was akw aus meiner persönlichen Sicht tot macht sind die langen Planungs und bauphasen. Bis der erste Euro cashflow aus der getätigten investion anfällt sind die in der Zeit errichteten ee Anlagen bereits bezahlt. Die Skalierbarkeit ist auch nicht gegeben. Pv module werden in hochautomatiesierten Fabriken am Fließband produziert, aufs Dach schmeißen kann die jeder laie, nur der Anschluss benötigt ein Elektriker. Eine Serienproduktion zur gleichzeitigen Errichtung von vielleicht 50akw in europa scheitert bereits an der Infrastruktur und Fachkräfte.

        1. Wind und Solar werden mit 25 Jahren Lebenszeit angesetzt, siehe Seite 36 der Studie. Wasserkraft 80 Jahre und Kernkraft 60 Jahre. Das sind jeweils Mindestlaufzeiten. Bei allen Erzeugern kannst du davon ausgehen, dass sie eigentlich deutlich länger laufen.

          Mit EEG hat das gar nix zu tun, da internationale Studie. Es geht nur um die Kosten, nicht um die Finanzierung.

          Klar, die langen Phasen ohne Cashflow sind ein krasser Nachteil von Kernkraft und Wasserkraft. Der größte Nachteil von besonders nachhaltigen Investments ist aber nicht die Planungsphase, sondern die Lebenszeit nach den ersten 30 Jahren. Wenn man einen gängigen Abzinsfaktor verwendet, dann sind Kraftwerke nach 30 Jahren quasi wertlos.

          Kernkraft und Wasserkraft können aber auch nach 40, 60 und 80 Jahren genauso viel Strom erzeugen wie am ersten Tag. Wenn die Kraftwerke erst einmal stehen, laufen sie für mehrere Generationen. Für private Investoren ist das leider überhaupt nicht attraktiv.

          Ich empfehle den Artikel Decarbonisation at a Discount? Let’s Not Sell Future Generations Short

          Ich würde übrigens behaupten, dass man deutlich mehr Infrastruktur für den Bau von einer Million Solardächern mit jeweils 35 kW Peak braucht, die zusammen gerade mal so viel Strom produzieren wie ein Kernkraftwerk. Nur weil man beim Installieren nicht viel machen muss, heißt doch nicht dass bei der Herstellung kein Aufwand betrieben wurde. Allein der enorme Ressourcenaufwand.

          1. Hauke

            Florian,

            keine Ahnung wie Du auf Laufzeiten von 60 Jahren kommst – in Deutschland jedenfalls sind die nie auch nur annähernd erreicht worden, ganz einfach weil (akzeptier’ es doch einfach mal!) eine große Mehrheit der Bevölkerung die Dinger nun mal nicht hinten im Garten stehen haben will, und auch NIEMAND bereit ist den Abfall bei sich zu verbuddeln (und zwar aus sehr guten Gründen).

            Hast Du eigentlich irgendwo in deinen Kostenrechnungen mal berücksichtigt dass das Schadensrisiko für Atomkraftwerke so groß ist, dass der Gesetzgeber so grosszügig war die Betreiber von einer Versicherungspflicht freizustellen, einfach weil so was einfach nicht versicherbar ist. https://www.manager-magazin.de/finanzen/versicherungen/a-761954.html
            In dem Artikel behaupten Sie das, wenn man die Versicherungskosten mit einberechnen würde, der Strompreis um den Faktor 40 steigen würde.
            Ich bin kein Versicherungsmathematiker, aber ich glaube die rechnen sowas schon sehr, sehr lange aus. Wenn die das Risiko nicht bereit sind zu tragen, warum sollte dann der Rest der Welt es tun?

          2. Florian Blümm

            Wenn Deutschland seine Reaktoren Jahrzehnte vor ihrem Lebensende mutwillig zerstört, ist das mit hohen zusätzlichen Kosten verbunden. Dreimal darfst du raten, wie man diese zusätzlichen Kosten vermeiden kann…

            Eine große Mehrheit der deutschen Bevölkerung ist für Kernkraftwerke.

            Die Versicherungskosten sind Teil der Betriebskosten in den Gestehungskosten der IEA. In Deutschland sind natürlich alle Kernkraftwerke gegen mögliche Risiken versichert. Sie sind ebenso natürlich nicht gegen einen erfolgreichen Terrorangriff jedes 2. Jahr versichert, wie ihn die Versicherungsforen Leipzig in deiner Quelle annehmen.

            Dreimal darfst du raten, wie viele Terrorangriffe es in 70 Jahren ziviler Kernenergie auf Kernkraftwerke gab. Genau, keinen einzigen. Man muss kein Versicherungsmathematiker sein um zu erkennen, dass diese Berechnung das Papier nicht wert ist auf das sie gedruckt ist.

  11. Gerd

    Hallo Florian, ersteinmal Gratulation zu der bemerkenswert gut gelungenen technischen Umsetzung dieses Blogs – daran könnte sich manch ein anderer gerne mal ein Vorbild nehmen!

    Dennoch, auch wenn Deine Auseinandersetzung mit dem Thema durchaus fachlich gut fundiert und mit diversen Verweisen untermauert ist – eine Reihe von Informationen sind nicht wirklich nachvollziehbar, und einige wesentliche Aspekte fehlen. Zugegebenermaßen ist der energetischen Nutzung der Nuklearenergie eine gewisse technische Faszination nicht abzusprechen – auch ich war in jungen Jahren in hohem Maße beeindruckt von den Technologien zur wirtschaftlichen Nutzbarmachung der Energien, die die Welt im Innersten zusammenhalten. Doch je mehr man beginnt, über den technischen Tellerrand hinauszublicken, desto klarer wird erkennbar, daß die energetische Nutzung der Kernenergie ein Irrweg war und ist.

    Wir könnten jetzt diskutieren über Kostenkalkulationen (für Greifswald-Lubmin kam ich mit einer einfachen Überschlagsrechnung unter Berücksichtigung der Kosten für den Rückbau auf Gestehungskosten, die ein mehrfaches über den Kosten für Windenergie liegen), über mögliche Schäden an Leib und Leben infolge unbeabsichtigter Freisetzung radioaktiven Inventars, über fiktive Kosten der Endlagerung über Jahrmillionen, über Investititionsmittel, die für zukunftsfähige Technologien verloren sind, etc. pp. Andererseits müßte ich auch eingestehen, daß die Gestehungskosten bei verlängertem Betrieb *bestehender* Kraftwerke – aus Betreibersicht rein betriebswirtschaftlich kalkuliert – durchaus konkurrenzfähig sein können.

    Doch all das ist nicht der zentrale Aspekt. Vielmehr steht die Spezies des homo sapiens erstmals in ihrer Geschichte vor dem Problem, extreme Einbußen ihrer Lebensqualität und ihrer zukünftigen Überlebenschancen infolge extrem schneller, irreversibler Veränderungen des irdischen Klimasystems soweit wie möglich noch aufzuhalten. Schlüsselfaktor dabei ist, wie schnell und wie nachhaltig es uns jetzt gelingt, weltweit die anthropogenen Treibhausgasemissionen auf ein unkritisches Maß zu reduzieren.

    Und jetzt kommt’s: die energetische Nutzung der Kernenergie kann hierzu keinen nennenswerten, vmtl. sogar gar keinen Beitrag leisten. Der Grund dafür ist simpel: derzeit trägt die Kernenergie gerade einmal 2% zur Deckung des weltweiten Endenergieverbrauchs bei. Bei unverändertem Deckungsbeitrag reichen die gesicherten Uranvorräte – je nach Quelle – noch ca. 60..120 Jahre. Wollte man die CO2-Emission durch Ausbau der Kernenergie substantiell reduzieren (wobei diese Option wegen der nicht gerade unerheblichen CO2-Emissionen, die durch die Nutzung der Kernenergie verursacht werden, ohnehin anzuzweifeln ist) und den Deckungseitrag auf z.B. 20% erhöhen, wären die gesicherten Vorräte nach spätestens einem Jahrzehnt aufgebraucht, und der bis dahin erreichte Nutzeffekt wäre dennoch bestenfalls gering. Tatsächlich steht sogar zu vermuten, daß ein Ausbau der Kernenergie eher sogar zu steigenden CO2-Emissionen führt, denn die dafür eingesetzten Investitionsmittel stehen dann weder für den Ausbau tatsächlich CO2-freier Energietechnologien (d.h. mit einem Erntefaktor > 1), noch für Investitionen in die Optimierung der Energieeffizienz zur Verfügung.

    Doch gibt es dennoch Gründe, weiter auf die energetische Nutzun der Kernenergie zu setzen: denn wer die Technologie in Friedenszeiten beherrscht und weiterentwickelt, wird unter anderen Umständen auch in der Lage sein, die militärstrategische Karte auszuspielen. Ich will diese Motivation hier nicht bewerten, sondern nur dafür plädieren, daß die politischen Entscheidungsträger dann auch offen dazu stehen und nicht beteuern, man täte es nur, um dem Klimawandel entgegenzuwirken…

    1. “Kostenkalkulationen (für Greifswald-Lubmin kam ich mit einer einfachen Überschlagsrechnung unter Berücksichtigung der Kosten für den Rückbau auf Gestehungskosten, die ein mehrfaches über den Kosten für Windenergie liegen)”

      Greifswald ist ja leider überhaupt nicht repräsentativ für Kernkraftwerke. Wenn ich mich nicht völlig täusche musste das Kraftwerk nach nur 17 Jahren Laufzeit infolge der Wiedervereinigung stillgelegt werden. Auch scheint der Rückbau in Greifswald wohl deutlich problematischer zu sein als in westlichen Reaktoren.

      “mögliche Schäden an Leib und Leben infolge unbeabsichtigter Freisetzung radioaktiven Inventars”

      Es gibt hier im Blog einen eigenen Vergleich zur Sicherheit von Energiequellen. Kernkraft verursacht am wenigsten Todesopfer pro kWh.

      “fiktive Kosten der Endlagerung über Jahrmillionen”

      Wir müssen ja nicht fiktive Kosten nehmen, wenn es zuhauf reale Kosten aus der Endlager-Praxis gibt. Die Entsorgung ist in den Gestehungskosten voll eingepreist.

      “Der Grund dafür ist simpel: derzeit trägt die Kernenergie gerade einmal 2% zur Deckung des weltweiten Endenergieverbrauchs bei.”

      Volle Zustimmung. Der Kernkraft-Anteil von 4,0% der weltweiten Primärenergie in 2020 ist viel zu gering und muss deutlich ausgebaut werden. Auch die Anteile von Wasserkraft mit 6,4%, Windkraft mit nur 2,4% und Photovoltaik mit nur 1,5% sind viel zu gering. Am schnellsten und günstigsten von diesen 4 klimafreundlichen Erzeugern lassen sich Kernkraft und Wasserkraft zubauen.

      Nur Kosten und Geschwindigkeit der Dekarbonisierung zu vergleichen ist zugegeben zu kurz gedacht. Solar und Wind können den Brennstoffverbrauch von fossilen Kraftwerken in der Übergangsphase enorm senken. Und wenn es in Zukunft deutlich günstigere Speicher geben sollte, können Solar und Wind sehr gut die Spitzenlast decken, während Kernkraft und Wasserkraft die Grundlast bereitstellen. Genau dieses Ergebnis zeigen ja auch Modellierungen von Energiesystemen mit Kernkraft, Wasserkraft, Windkraft und Photovoltaik wie diese bekannte vom MIT. Wenn du eine Energiesystem-Modellierung kennst, in der Kernkraft in keinem Szenario eine Rolle spielen kann, schieß los. Ich sammle gerade solche Studien für einen entsprechenden Artikel.

      “Bei unverändertem Deckungsbeitrag reichen die gesicherten Uranvorräte – je nach Quelle – noch ca. 60..120 Jahre.”

      In diesem Blog gibt’s einen eigenen Beitrag zu den Uranreserven. Am Uran wird der Ausbau der Kernkraft sicher nicht scheitern.

      “(wobei diese Option wegen der nicht gerade unerheblichen CO2-Emissionen, die durch die Nutzung der Kernenergie verursacht werden, ohnehin anzuzweifeln ist) ”

      Dass Kernkraft äußerst klimafreundlich ist, muss man aber wirklich wissen. In diesem Blog gibt’s einen eigenen Beitrag zu den CO2-Emissionen von Energiequellen. Die CO2-Emissionen der Kernkraft sind mit deutschen Standortfaktoren niedriger als Wind und deutlich niedriger als Solar. Und das sind die alten Zahlen vom Weltklimarat, die durch technischen Fortschritt bereits überholt sind.

      “wer die Technologie in Friedenszeiten beherrscht und weiterentwickelt, wird unter anderen Umständen auch in der Lage sein, die militärstrategische Karte auszuspielen. ”

      Es gibt so gut wie keine Überschneidungen zwischen Atomwaffen und ziviler Kernkraft. Ein Leichtwasserreaktor eignet sich nicht zum Erbrüten von waffenfähigem Material.

      Zugegeben, es gibt Gemeinsamkeiten zwischen Kernkraftwerken und der Nutzung von Kernenergie in Schiffsantrieben in den Marinen verschiedener Länder. Daraus eine Quersubventionierung abzuleiten ist aber als ob man sagt, dass zivile PKWs und LKWs das Militär subventionieren, weil militärische Fahrzeuge standardisierte Motoren nutzen, sowie Diesel und Benzin verbrennen. Die Behauptung stimmt zwar, aber die militärische Nutzung ist weder hinreichend noch notwendig für die zivile Nutzung.

      Das enorme Know-How aus den militärischen Schiffsantrieben kann übrigens in Zukunft eine große Rolle für die Dekarbonisierung des kommerziellen Schiffsverkehrs spielen. Das ist nach dem Flugverkehr einer der Anwendungsfälle, die am schwersten zu dekarbonisieren sind.

  12. Julius

    Lieber Herr Blümm, ich würde gerne anmerken, dass es sehr nach Cherry picking riecht, wenn man für gewichtige Annahmen nur eine Quelle zur Hand nimmt. Zumindestens sollte man es dann nicht als unumstößlichen Fakt darstellen. In diesem Artikel fällt es bei den System LCOE von Ueckerdt et. al auf. In einem anderen Artikel hatten sie sich auf die Marktwerte von EE bezogen, die bis Anfang dieses Jahres unter den LCOE lagen. Ich möchte gerne diesen Thread dazu empfehlen: https://mobile.twitter.com/nworbmot/status/1229451061355778048

    Ich kann mich dem Tenor des Threads nur anschließen. Künstliche Linare Zusammenhänge wie LCOE oder die System LCOE die oft auf Grenzwertbetrachtungen beruhen nicht überwerten, sonder die Totalen Kosten eines System betrachten. Dafür sind aber dynamische Energiesystemmodellierungen vonnöten. Bitte mehr davon!

    1. Die hier verwendeten Quellen Ueckerdt et al (2013) und NEA-OECD (2012) haben eine vergleichbare Größenordnung der Systemkosten von Erzeugern, wobei Ueckerdt etwas mehr mit einschließt.

      Cherrypicking hieße ja, dass es eine Vielzahl von Studien zu Systemkosten gibt, die zu völlig anderen Ergebnissen kommen. Gibt es die wirklich? Ich kenne keine einzige Modellierung mit niedrigeren Kosten. Bitte her mit den Quellen.

      “sonder die Totalen Kosten eines System betrachten. Dafür sind aber dynamische Energiesystemmodellierungen vonnöten. Bitte mehr davon!”

      Eben diese Modellierungen haben Ueckerdt et al (2013) und NEA-OECD (2012) gemacht. Die totalen Kosten eines Systems zu betrachten ist kurz gesagt der Sinn dieses Artikels.

  13. Gerd

    (zugunsten des thematischen Fadens habe ich die Antwortreihenfolge mal etwas umsortiert)

    > “Greifswald nicht repräsentativ”
    Nun ja, auch im eher westlichen (Siemens… ;-)) KKW Stade gestaltet sich der Rückbau offenbar deutlich aufwendiger als gedacht, Preussen Elektra geht derzeit von einem Abschluß in 2026 aus – mit geschätzten Kosten deutlich über 1 Milliarde Euro (bei damaligen Baukosten von ca. 150 Mio Euro). Eine weniger gigantische Summe zwar als die ca. 10 Mrd Euro Rückbaukosten der WWER Blöcke von Greifswald-Lubmin, doch alleine durch die Bau- und Rückbaukosten kommen wir auch hier bei insgesamt 146 TWh eingespeister Energie auf ca. 10 ct/kWh, zzgl. der noch nicht inkludierten Kosten für Betrieb, Wartung, Entsorgung, Kapital etc. Wie man es auch dreht und wendet, die in einschlägigen Quellen genannte Preisspanne zwischen 15…50 ct/kWh über eine praxisrelevante Laufzeit von KKW wird schwerlich unterschritten werden können.

    > “Kernkraft verursacht am wenigsten Todesopfer pro kWh”
    Weil der Installateur bei der PV-Installation letal vom Dach fiel, während der Fischer vor Sellafield “lediglich” ein paar Jahre seines Lebens verlor? So ließe sich natürlich so einiges begründen…

    > “zuhauf reale Kosten aus der Endlager-Praxis”
    Stimmt, da war doch das Endlager Asse – da gibt es tatsächlich zuhauf reale Kosten aus 50 Jahren Endlager-Praxis. Nur mit dem über Jahrmillionen sicheren Abschluß des Inventars von der Ökosphäre hapert es da noch ein wenig… Faktum: die Entsorgung kann schwerlich eingepreist sein, da es weder eine realexistierende Endlagerung hochaktiver Abfälle gibt, noch die Ewigkeitskosten mangels entsprechender Ewigkeit bekannt sind.

    > “Es gibt so gut wie keine Überschneidungen zwischen Atomwaffen und ziviler Kernkraft”
    Das ist in mehrfacher Hinsicht ein Irrtum. Zum einen wird Material, das ausrangierten Nuklearsprengsätzen entstammt, routinemäßig in zivilen MOX-Brennelementen verwendet. Zum anderen beträgt der Gehalt an Pu-239 in abgebrannten Brennelementen nicht-brütender Reaktoren auch bereits 1% – das kernwaffenfähige Element läßt sich dann chemisch abtrennen. Für Akteure, die aus nicht-zivilen Motiven handeln, spielt es kaum eine Rolle, daß sich das nicht wirtschaftlich darstellen läßt. Somit erscheint die häßliche Fratze der Proliferation nicht “nur” auf im Zusammenhang mit der – glücklicherweise von keiner ernstzunehmenden Seite mehr erwogenen – wahnwitzigen Idee einer weltweiten Plutoniumwirtschaft, sondern eben auch, wenn “Schurkenstaaten” (oder solche, die es werden wollen…) beteuern, natürlich nur aus rein zivilen Interessen Kernreaktoren – egal welchen Typs – betreiben zu wollen.

    > “Am Uran wird der Ausbau der Kernkraft sicher nicht scheitern”
    Wie gesagt – aus makroökonomischen Motiven wird niemand auf die Idee kommen, die teuerste Möglichkeit, nicht-regenerative Energieträger in elektrische Energie zu konvertieren, gar auszubauen (in Frankreich dürften den jüngsten Ankündigungen neben politischen Motiven vmtl. mikroökonomische Interessen des Betreibers EDF zugrundeliegen). Die Gewinnung zusätzlicher Reserven aus Meerwasser ist technisch zwar denkbar, trotz einiger gegenteiliger Beteuerungen aber nicht wirtschaftlich umsetzbar bei einem Uranpreis von $80…130/kg. Zum Vergleich: eine ähnliche Idee, nämlich Gold aus Meerwasser zu extrahieren, hatte vor einhundert Jahren bereits Fritz Haber, mußte aber aufgeben, als sich herausstellte, daß die Konzentration mit 4 Mikrogramm/m³ (also sogar noch höher als die Urankonzentration von 3 Mikrogramm/m³) für eine wirtschafliche Umsetzung viel zu niedrig war. Und bis heute gibt es keine Extraktionsanlage, obwohl der Goldpreis um höchst attraktive 3 Zehnerpotenzen über dem des Urans liegt…

    > “Dass Kernkraft äußerst klimafreundlich ist”
    Abgesehen von den Nettoemissionen, die je nach Berechnungsmethode im Bereich von 12..65 g CO2/kWh angegeben werden und damit signifikant höher als bei regenerativer Energiebereitstellung sind, habe ich bereits dargelegt, daß die Kernenergie sowohl wegen mangelnder Wirtschaflichkeit als auch wegen unzureichender Ressourcenverfügbarkeit kein Potential hat, in nennenswertem Maße zur CO2-Reduktion beizutragen (nein, wir brauchen jetzt nicht über Meerwasserextraktion zu reden, die sowohl die wirtschaftliche als auch die CO2-Bilanz der Kernenergie noch weiter verschlechtern würde).

    > “Kernkraft-Anteil von 4,0% der weltweiten Primärenergie”
    Fehler 1: Primärenergieanteile sind ungeeignet, um ökonomische Nutzbeiträge von Energieträgern zu vergleichen, denn hier spielt uns der Nutzungsgrad einen Streich: derzeit liegt der Nutzungsgrad der Sonnenenergie bei roundabout einem hunderttausendstel des solaren Energieflusses, mit der Folge, daß sich der daraus berechnete Primärenergieanteil so stark erhöht, daß alle anderen Primärenergieträger bei einem Anteil von nahezu null landen. Was natürlich genausowenig Aussagekraft besitzt, wie genauso unehrliche Rechnungen, die für regenerative Energieträger den Nutzungsgrad ignorieren, für fossile und supra-fossile (sprich: Kernenergie) Energieträger hingegen den Carnotschen Wirkungsgrad einrechnen, um eine scheinbar höhere Relevanz zu suggerieren. Also rechnen wir doch bitte ehrlicherweise mit dem derzeit genutzten 2% nuklearen Anteil am ENDenergieverbrauch – Tendenz sinkend.

    > “Solar und Wind können den Brennstoffverbrauch … in der Übergangsphase enorm senken”
    Fehler 2: Regenerative Energieträger können nicht den “Brennstoffverbrauch … in Übergangsphase enorm senken”, sondern sind (nach derzeitigem Wissensstand) die einzig geeigneten Energieträger, um den Energiebedarf der Ökonomosphäre dauerhaft, sicher und mit mehr als ausreichender Reserve zu decken. Dazu brauchen wir lediglich 0,01% der Energie, die wir vom nächstgelegenen, voraussichtlich noch für ein paar Milliarden Jahre sicher funktionierenden Fusionsreaktor kontinuierlich frei Haus auf die Erdoberfläche geliefert bekommen, für unsere entsprechenden Bedarfe technisch zu nutzen.

    > “wenn es in Zukunft deutlich günstigere Speicher geben sollte?”
    Fehler 3: Wir müssen nicht auf “in Zukunft deutlich günstigere Steicher” hoffen – denn Möglichkeiten zum Managen eines volatilen Angebots in dezentralen Netzen gibt es schon jetzt genügend. Klassische Kurzzeitspeicher werden dabei zwar nicht überflüssig, spielen aber nur noch eine untergeordnete Rolle. Vielmehr ist DER zentrale Baustein die Einführung eines digitalisierten Echtzeit-Strommarktes (sozusagen Marktwirtschaft in Reinkultur), wobei auch das flexible Lademanagement von Elektrofahrzeugen äußerst hilfreich sein wird. Du siehst, im Gegensatz zum wenig hilfreichen Versuch, verrottende Dinosaurier aus längst vergangenen Zeiten wiederzubeleben, ist DAS hier wirklich “Technology for our Future”!

    1. “KKW Stade gestaltet sich der Rückbau offenbar deutlich aufwendiger als gedacht, Preussen Elektra geht derzeit von einem Abschluß in 2026 aus – mit geschätzten Kosten deutlich über 1 Milliarde Euro”

      1-1,5 Milliarden Euro ist der Rahmen für den Rückbau von Reaktoren. Bei den 1,3-GW-Reaktoren sind das rund 0,15 Cents pro kWh bei 40 Jahren Laufzeit. Der Reaktor in Stade war nur halb so groß und wurde nach nur 30 Jahren stillgelegt. Trotzdem sind die 0,69 Cents pro kWh für den Rückbau von Stade nicht besonders viel. Von 10 Cents pro kWh sind wir da weit entfernt.

      “10 Mrd Euro Rückbaukosten der WWER Blöcke von Greifswald-Lubmin”

      Auch hier wieder innerhalb der Spanne von 1-1,5 Milliarden Euro pro Reaktor. Wenn die 7 Reaktoren in Greifswald und Rheinsberg natürlich nur maximal 17 Jahre gelaufen sind, verschlechtert das die Kosten pro kWh deutlich. Aber das ist ja kein ökonomischer Kostenfaktor, sondern ein politischer.

      “während der Fischer vor Sellafield “lediglich” ein paar Jahre seines Lebens verlor”

      Auf was spielst du denn jetzt an?

      “Stimmt, da war doch das Endlager Asse”

      Asse war kein Endlager, sondern ein Versuchsprojekt, welches gehörig schiefgelaufen ist. Heute lagert man nicht mehr in ehemalige Bergwerke ein – auch dank Asse.

      “Ewigkeitskosten mangels entsprechender Ewigkeit bekannt sind.”

      Ewigkeitskosten gibt es mangels Ewigkeit nicht. Das sind keine Kohleminen, die man aktiv am Leben halten muss. Ein Endlager wird passiv stillgelegt.

      “Zum einen wird Material, das ausrangierten Nuklearsprengsätzen entstammt, routinemäßig in zivilen MOX-Brennelementen verwendet. ”

      Schwerter zu Pflugscharen, besser wird es nicht.

      “Zum anderen beträgt der Gehalt an Pu-239 in abgebrannten Brennelementen nicht-brütender Reaktoren auch bereits 1% – das kernwaffenfähige Element läßt sich dann chemisch abtrennen. Für Akteure, die aus nicht-zivilen Motiven handeln, spielt es kaum eine Rolle, daß sich das nicht wirtschaftlich darstellen läßt. ”

      Der Gehalt an Pu-239 interessiert nicht, so lange es dermaßen mit Pu-240 verunreinigt ist, wie in einem Brennelement aus einem Leichtwasserreaktor.

      “Die Gewinnung zusätzlicher Reserven aus Meerwasser ist technisch zwar denkbar, trotz einiger gegenteiliger Beteuerungen aber nicht wirtschaftlich umsetzbar bei einem Uranpreis von $80…130/kg.”

      Doch, siehe hier: Ultrahigh and economical uranium extraction from seawater via interconnected open-pore architecture poly(amidoxime) fiber

      “Abgesehen von den Nettoemissionen, die je nach Berechnungsmethode im Bereich von 12..65 g CO2/kWh angegeben werden und damit signifikant höher als bei regenerativer Energiebereitstellung sind”

      So ein Blödsinn. Selbst bei den alten Zahlen vom Weltklimarat ist Kernkraft klimafreundlicher als Wind und deutlich klimafreundlicher als Photovoltaik mit deutschen Standortfaktoren. Neue Zahlen wie von UNECE (2021) mit Berücksichtigung von modernen Reaktoren und In-Situ-Leaching sind bei 6 gCO2/kWh. Und die Meerwasser-Extraktion wäre noch sauberer.

      “Fehler 1: Primärenergieanteile sind ungeeignet, um ökonomische Nutzbeiträge von Energieträgern zu vergleichen, denn hier spielt uns der Nutzungsgrad einen Streich”

      Ich glaube mit dem Thema Primärenergie solltest du dich erst einmal eingehend befassen. Der “Nutzungsgrad von Sonnenenergie” spielt da überhaupt keine Rolle. Bei dem hier verwendeten Substitutionsprinzip werden Erneuerbare und Fossile gleichbewertet, hier ist ein Primer zum Einstieg.

      “Regenerative Energieträger können nicht den “Brennstoffverbrauch … in Übergangsphase enorm senken”, sondern sind (nach derzeitigem Wissensstand) die einzig geeigneten Energieträger, um den Energiebedarf der Ökonomosphäre dauerhaft, sicher und mit mehr als ausreichender Reserve zu decken.”

      Mit welchen Speichern denn? Die unbezahlbaren oder die, die noch erfunden werden müssen?

      “Wir müssen nicht auf “in Zukunft deutlich günstigere Steicher” hoffen – denn Möglichkeiten zum Managen eines volatilen Angebots in dezentralen Netzen gibt es schon jetzt genügend.”

      Ach so, es geht auch mit Rationierung und Gürtel enger schnallen? Und was machen wir in den bis zu 60 Tagen am Stück ohne nennenswerte erneuerbare Erzeugung in Deutschland? Wer muss schon Heizen mitten im Winter, oder?

  14. Werner Hildebrand, Dipl.-Ing. SC's

    Sehr schöne Arbeit!

  15. Andreas Jeziorek, Dipl.-Ing. TH/TU Maschinenbau/Energietechnik

    Den Kommentar “Sehr schönen Arbeit” kann ich überhaupt nicht teilen.
    Ich bin eher erschrocken, über die fehlenden Kenntnisse für eine gesamtheitliche Beurteilung von Energiesystemen. So blendet die Schönrechnerei der KKW-Kostenstruktur für „KKWs mit Laufzeitverlängerung“ die gesellschaftlichen Kosten vollständig aus.
    Es ist Fakt, dass die Havarie-Risiko von KKWs generell nicht versichert sind! Alle übrigen Anlagenbetreiber müssen eine Haftpflichtversicherung besitzen, anderenfalls wird die Anlage stillgelegt. Die Versicherungswirtschaft hat aufgrund der Schadenseintrittswahrscheinlichkeit und der möglichen Schadenshöhe Versicherungsprämien für ein KKW berechnet. Da ergeben sich Beträge nicht unter 10 Ct/kWh.
    https://foes.de/pdf/2012-09-Externe_Kosten_Atomenergie.pdf
    https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_von_Unf%C3%A4llen_in_kerntechnischen_Anlagen
    Wenn man das auf die von Herrn Blümm berechneten 2,7 Ct/kWh aufschlägt, relativiert sich die Aussage zu dem billigen Atomstrom.
    Ein Kernunfall in Mitteleuropa wird im Unterschied zu Fukushima ganze Landstriche unbewohnbar machen, da hier kein Ozean ist, der den radioaktiven Fall-Out aufnimmt. Eine Umsiedelung von 10 bis 20 Mio. Menschen wird da recht wahrscheinlich. Diese Menschen werden ohne Entschädigung enteignet. Ein Staat der 10-20 Mio. Menschen umsiedeln muss, kann keine individuellen Entschädigungen zahlen.
    Die Ewigkeitskosten/Risiken der Lagerung von Atommüll möchte ich auch noch erwähnen.
    Kernenergie ist eine der teuersten Energien für eine Volkswirtschaft. Ich finde es höchst verwerflich den Bürgern vorzugaukeln, dass Kernenergie eine billige Energie ist, ihnen aber die gesellschaftlichen Kosten zu verschweigen.
    Ich kann nur dringend raten, die Herausforderungen der Zukunft nicht mit den fehlerhaften Lösungsansätzen aus der Vergangen zu begegnen. Auch sollten bei einer solchen Betrachtung die Kosten, die heute vergesellschaftet werden, berücksichtigt werden.
    Ich empfehle, keine überholten Kostenansätze für Erneuerbare Energien heranzuziehen, da sich diese Technik rasant in Richtung Wirtschaftlich bewegt. So ergeben die aktuellen Ausschreibungen für Windkraft-Offshore Zuschlagswerte von 0,0 Ct/kWh. Dass bedeutet, dass der Anlagenbetreiber den Windstrom zu Börsenpreisen vermarktet bekommt.
    https://www.bundesnetzagentur.de/SharedDocs/Pressemitteilungen/DE/2021/20210909_Offshore.html
    Ich empfehle die Studie der SRU zu lesen, um ein tiefgehendes Verständnis für ein gesamteuropäisches Energieversorgungsystem, allein auf Basis von Erneuerbaren Energien, zu erlangen.
    https://www.umweltrat.de/SharedDocs/Downloads/DE/02_Sondergutachten/2008_2012/2011_07_SG_Wege_zur_100_Prozent_erneuerbaren_Stromversorgung.pdf?__blob=publicationFile

    1. Hi Andreas,

      da bist du einer ganzen Serie von Mythen aufgesessen, die von Anti-Kernkraft-Vereinen wie Ausgestrahlt, BUND und Greenpeace verbreitet werden:

      1. “Es ist Fakt, dass die Havarie-Risiko von KKWs generell nicht versichert sind!”

      Es ist ein Fakt, dass diese Behauptung falsch ist. Deutsche Kernkraftwerke würden gar keine Betriebserlaubnis bekommen ohne Haftpflichtversicherung mit hoher Deckungssumme. Die Versicherung ist Teil der Betriebskosten und in den Gestehungskosten eingepreist.

      2. “Die Versicherungswirtschaft hat aufgrund der Schadenseintrittswahrscheinlichkeit und der möglichen Schadenshöhe Versicherungsprämien für ein KKW berechnet. Da ergeben sich Beträge nicht unter 10 Ct/kWh.”

      Nein, die Versicherungssummen sind um 2 Größenordnungen niedriger als 10 Cents pro kWh. In deinem verlinkten Paper von FÖS im Auftrag Greenpeace geht man von einem erfolgreichen Terroranschlag auf ein Kernkraftwerk alle 2 Jahre aus. Drei Mal darfst du raten wie viele Terroranschläge es bisher auf Kernkraftwerke gab – genau: keinen einzigen. Generell kannst du davon ausgehen, dass von Greenpeace beauftragte Studien Junk-Science sind. Hier ist ein Review des Papers in einer Fachzeitschrift.

      3. “Ein Kernunfall in Mitteleuropa wird im Unterschied zu Fukushima ganze Landstriche unbewohnbar machen”

      Im Unterschied zu Fukushima wird bei uns durch eine Kernschmelze gar nichts unbewohnbar gemacht, auch nicht vorübergehend. Europäische Kernkraftwerke sind anders als japanische mit Wasserstoffrekombinatoren und gefilterter Druckentlastung ausgestattet. Eine Freisetzung von Radionukliden mit Dosen wie in Fukushima ist ausgeschlossen. Mehr zum Vergleich Fukushima und deutschen Reaktoren.

      4. “Eine Umsiedelung von 10 bis 20 Mio. Menschen wird da recht wahrscheinlich.”

      Selbst bei der dreifachen Kernschmelze in Fukushima war die Evakuierung ungerechtfertigt. Es gibt kein realistisches Szenario für eine Evakuierung in Mitteleuropa wegen einer Kernschmelze. Oder kannst du mir einen Schadenspfad schildern bei dem eine Evakuierung nötig wird?

      5. “Die Ewigkeitskosten/Risiken der Lagerung von Atommüll möchte ich auch noch erwähnen.”

      Der komplette Brennstoffzyklus ist bereits in den Gestehungskosten eingepreist inklusive Entsorgung. Auch der Rückbau ist eingepreist. Ewigkeitskosten gibt es bei einem Kohlebergwerk, nicht bei einem passiv stillgelegten tiefengeologischen Endlager. Das wird gerne von Atomkraftgegnern “verwechselt”.

      6. “Ich kann nur dringend raten, die Herausforderungen der Zukunft nicht mit den fehlerhaften Lösungsansätzen aus der Vergangen zu begegnen. Auch sollten bei einer solchen Betrachtung die Kosten, die heute vergesellschaftet werden, berücksichtigt werden.”

      Das ist genau der Ansatz dieses Artikels. Insbesondere die enormen Systemkosten von variablen Erneurbaren sollten endlich nach dem Verursacherprinzip gezahlt werden. Die mit rund 5 Cents pro kWh schon hohen Kosten werden mit weiterem Zubau überproportional steigen.

      7. “So ergeben die aktuellen Ausschreibungen für Windkraft-Offshore Zuschlagswerte von 0,0 Ct/kWh. Dass bedeutet, dass der Anlagenbetreiber den Windstrom zu Börsenpreisen vermarktet bekommt.”

      Da fehlen immer noch die Systemkosten, die an Dritte abgeschoben werden. Ich finde es übrigens recht bedenklich, wenn nach 20 Jahren “Anschubfinanzierung” und ~500 Milliarden Euro Subventionen gefeiert wird, dass die ersten Windräder nun ohne Subventionen auskommen – wenn auch nur für einen Teil der Kosten. Da ist die Subventionierung längst zur Selbstverständlichkeit geworden.

      8. “Ich empfehle die Studie der SRU zu lesen, um ein tiefgehendes Verständnis für ein gesamteuropäisches Energieversorgungsystem, allein auf Basis von Erneuerbaren Energien, zu erlangen.”

      Studien zu 100%-Erneuerbaren gibt es in Deutschland wie Sand am Meer. Ich habe es leider immer noch nicht geschafft einen Vergleich der Annahmen der prominentesten Studien zu machen. Eine 10 Jahre alte Studie würde ich aber auch gar nicht zum Vergleich heranziehen.

      Aktuelle Studien zu 100%-Erneuerbaren von Agora und co machen üblicherweise mehrere oder gar alle dieser Annahmen:
      A) Signifikanter Rückgang des Energieverbrauchs in Deutschland
      B) Klimafreundliche Importe im Jahr 2045 in Höhe von 1/3 des Energieverbrauchs oder mehr
      C) Erfolgreiche Marktreife von Elektrolyseuren in nur einem Jahrzehnt
      D) Erfolgreiche Marktreife von Synthese-Anlagen in nur einem Jahrzehnt
      E) Schnelle Entwicklung von Gaskraftwerken mit der Möglichkeit Wasserstoff zu verbrennen
      F) Unkomplizierte Umwidmung bestehender Gas-Infrastruktur auf Wasserstoff trotz bekannter Probleme
      G) Schnelles Ausrollen von CCS, obwohl in Deutschland faktisch verboten
      H) Enormer Preisverfall bei Batteriespeichern, Elektrolyseuren, Synthese-Anlagen, PV und Wind
      I) Keine Engpässe bei Rohstoffen, Fabrikationskapazität oder Fachkräften
      J) Keine Verzögerungen beim Netzausbau
      K) Keine Verzögerungen bei der hohen Sanierungsrate von Bestandsgebäuden
      L) Soziale Verträglichkeit trotz signifikanter Kosten für jeden einzelnen Bürger

      Wenn eine dieser Annahmen sich als falsch herausstellt, scheitert das Projekt 100% Erneuerbare. Es wird hier nicht weniger gefordert als eine noch nie zuvor gesehene Umstellung der gesamten Gesellschaft, die vollkommen reibungslos abläuft.

      Was fehlt ist eine echte Machbarkeitsstudie statt einer weiteren Studie mit utopischen Annahmen. In einer fachlich korrekten Arbeit würde man all diese Annahmen einer Sensitivitätsanalyse unterziehen.

  16. Andreas Jeziorek, Dipl.-Ing. TH/TU Maschinenbau/Energietechnik

    Ich möchte nur exemplarisch auf diese Reihe von kernkraftgläubigen Aussagen reagieren.

    “Es ist ein Fakt, dass diese Behauptung falsch ist. Deutsche Kernkraftwerke würden gar keine Betriebserlaubnis bekommen ohne Haftpflichtversicherung mit hoher Deckungssumme. Die Versicherung ist Teil der Betriebskosten und in den Gestehungskosten eingepreist.”

    Folgt man den angegebenen Link nach Wilipedia:
    “Schäden über € 256 Mio. bis zu dem Betrag von € 2,5 Mrd. werden von der Solidargemeinschaft der Betreiber getragen. Über diesen Betrag hinaus haftet der Betreiber der verunfallten Anlagen unbegrenzt. ”

    Da steht ausdrücklich, dass der Betreiber über 2,5 Mrd. € haftet, aber nichts davon, dass er das Geld haben oder versichert sein muss.
    Kein Betreiber kann nach einem Supergau noch irgendeinen nenneswerten Beitrag zur Behebung des Schadens leisten.
    Der Staat musste sogar gesetzgeberisch einschreiten, damit die KKW-Betreiber sich nicht durch Auslagerung der Anlagenbetriebsgesellschaft aus der Verantwortung stehlen.

    2,5 Mrd. € reichen bei einem Supergau vielleicht noch für Sofortmaßnahmen! Der Betrag ist im Verhältnis zu den möglichen Schäden minimal.

    Jeder Deutsche hat ein durchschnittliches Vermögen, nach Abzug der Verbindlichkeiten, von ca. 80.000 €.
    Bei Eintritt eines Supergaus werden angenommen 10.000.000 Menschen ihr Hab und Gut verlieren.
    Das sind nur die privaten Vermögenswerte von ca. 800 Mrd. €, die entschädigungsfrei vernichtet werden.
    Die Studien der Versicherungswirtschaft gehen sogar von bis zu 6.000 Mrd € an mögliche Schäden aus.

    Damit man einen Eindruck gekommt, wieviel Kernenergie bei einem Neubau kostet, möge man doch bitte nach Großbritannien schauen. Dort bekommt der Betreiber der Anlage eine garantierte Einspeisevergütung von 109,21 Euro/MWh (10,921 Ct/kWh ohne unbegrenzte Versicherung) den die Stromkunden/Steuerzahler bezahlen müssen. Erneuerbare Energie sind da wesentlich preiswerter und mit Abstand ungefährlicher.

    https://www.energate-messenger.de/news/137140/grossbritannien-garantiert-einspeiseverguetung-fuer-atomkraftwerk

    Die Geschichte lehrt, dass Atomkraftwerke solange als havariesicher gelten, bis die Haverie eingetreten ist.
    Ich finde das eine ungeheuerliche Anmaßung, zu behaupten, dass könnte hier nicht passieren.
    Ich wünsche mir einen etwas kritischeren Umgang mit den “Mythen” der Atom-Industrie.

  17. Andreas Jeziorek, Dipl.-Ing. TH/TU Maschinenbau/Energietechnik

    Sehr geehrter Herr Blümm,
    Sie müssen schon die Zahlen nachvollziehen und die Mathematik bemühen.
    Wenn es in einem Reaktor zur Kernschmelze und in der Folge zu einer Freisetzung des Reaktorinventars kommt, dann wird sich dieses Material in Windrichtung in Mitteleuropa verteilen. Dann werden sehr dicht besiedelte Flächen unbewohnbar. Wenn nur die Fläche von NRW betroffen wäre, sprechen wir von mehr als 18. Mio. Menschen, die Ihre Heimat, Hab und Gut, ihre Gesundheit und Ihre Erwerbsgrundlage verlieren werden. Da sind die Ansätze der Versicherungswirtschaft je nach Szenarium von 250 bis 6.000 Mrd. Euro durchaus realistisch. Dagegen sehen die 2,5 Mrd. wie ein Tröpfchen auf den heißen Stein aus.
    Ich kann dem Postulat der Kernkraft-Industrie, dass ein Supergau bei uns ausgeschlossen sei, keinen Glauben schenken. Da sprechen die bekannten Havarien Bände. Bedenken Sie auch den Zustand der Anlagen, die weit vor Ihrer Geburt gebaut worden sind.
    Ich möchte, anhand der Kernaussage der Ausarbeitung von Herrn Blümm, die Glaubwürdigkeit dieser Internetplattform in Frage stellen.
    Laut Berechnung von Herrn Blümm würde der Strom aus Kernkraft bei einer Laufzeitverlängerung 2,7 Ct/kWh kosten. (Ohne Berücksichtigung der sozialisierten Kosten!)
    Die Berechnung dieser Zahl kann durchaus richtig sein! Doch sind das nur die Gestehungskosten im Kraftwerk unter Berücksichtigung der kalkulatorischen Rendite.

    Der Strom wird in Deutschland an der Börse gehandelt. Das Strommarktmodell wurde in den 2.000er Jahren von der Bundesregierung und den damaligen vier großen Stromkonzernen Vattenfall, Eon, EnbW und RWE (alle Betreiber von KKW) modelliert.
    Die Strompreisbildung erfolgt an der Börse nach dem Merit-Order-Prinzip. Für einen definierten Zeitraum z.B. 1 Stunde werden alle Stromangebote gesammelt. Die Angebote werden dann nach der Höhe des Preises und der angebotenen Menge sortiert. Die erneuerbaren Energien werden dabei mit Null bewertet. Nachfolgend werden die Angebote mit ansteigenden Preisen für Strom aus Kernkraft, Braunkohle, Steinkohle und Erdgas sortiert.
    Demgegenüber wir die Nachfrage nach Strom zusammengestellt. Ist die Gesamtmenge bekannt, wird in der Angebotskurve über die Nachfragekurve gelegt. Es wird der Preis der letzten benötigten kWh ermittelt.

    Dieser Preis gilt dann für die gesamte Strommenge des Zeitraumes unabhängig vom einzelnen Angebotspreis!!!

    Das heißt, wenn die letzte kWh aus einem teuren Erdgas-GuD-Kraftwerk stammt und 8,0 Ct/kWh kostet, erhalten alle Anbieter, die einen Zuschlag bekommen haben, die 8,0 Ct/kWh.

    Das bedeutet, uns kostet der vermeintlich billige Strom aus einem KKW tatsächlich 8,0 Ct/kWh. („Im August 2021 betrug der durchschnittlich gehandelte Preis für Strom im Marktgebiet Deutschland/Luxemburg rund 82,70 Euro pro Megawattstunde.“ = 8,27 Ct/kWh destatis.de)
    Damit erhält der Betreiber eines KKWs einen durch nichts gerechtfertigten Aufschlag von 5,3 Ct/kWh. Das ist ein Aufschlag auf die Umsatzrendite von fast 200%. Ich verkneife mir hier Branchen zu nennen, die vergleichbare Renditen aufweisen :-). Zum Vergleich: Die Umsatzrenditen des deutschen Mittelstandes betrug 2020 (laut Statista.com) 7,3 %.
    Bei einem Kernkraftwerk von 1,2 GW, 8.500 Volllaststunden und einem Aufschlag von 5,3 Ct/kWh sind das 540 Mio. €/Jahr an Extragewinn durch eine einzelne Anlage.
    Ich würde Ihre Aussage zu den Kosten für Atomstrom beipflichten, wenn das Marktprinzip pay-as-bit angewendet würde. Da bekommt man nur den Preis bezahlt, zu dem man angeboten hat. Ob wir dann noch Kernkraftwerke am Netz hätten? Dieses Prinzip wird interessanter Weise bei den Ausschreibungsverfahren für Erneuerbare Energie angewendet, um den Strompreis niedrig zu halten.
    Ich kann die Betreiber von Kernkraftwerken sehr gut verstehen, dass man auf diese Gelddruckmaschinen ungern verzichten will. Damit ist auch nachvollziehbar, warum die Branche alles dran setzt die öffentliche Meinung in ihrem Sinne zu beeinflussen. Ich jedenfalls stufe Ihre Influencer-Tätigkeit in diese Richtung ein, auch wenn Sie den Begriff „Influencer“ weit von sich weisen.
    Herr Prof. Dr. Kurt Kugeler, bei dem ich meine Studien- und Diplomarbeit geschrieben habe, hat in seinen Vorlesungen immer wieder darauf hingewiesen, dass Druck- und Siedewasserreaktoren nicht inhärent sicher und somit als hoch gefährlich einzustufen sind. Er hat sich deswegen für Reaktortypen, wie z. B. dem THTR eingesetzt, der beim Ausfall von Hauptkomponenten deutlich weniger zur Kernschmelze neigt.

    Ich beende hiermit meinen Beitrag zur Diskussion. Ich glaube, ich könnte mit der gleichen Sinnhaftigkeit auch mit Herrn Trump über Kohlestrom diskutieren.

    1. “Freisetzung des Reaktor-Inventars”? Soll das ein leiser Tschernobyl-Vergleich sein? Westliche Reaktoren hatten schon immer Containments. Da gibt es keine “Freisetzung des Reaktor-Inventars”.

      Nochmal, bitte den Schadenspfad erklären, der zu einer “Freisetzung des Reaktor-Inventars” führt. Dann wird dir ziemlich schnell klar, dass das unmöglich ist.

      “Der Strom wird in Deutschland an der Börse gehandelt. ”

      Ja, aber nicht am Spotmarkt. Nur Wind, Solar und Restmengen werden am Spotmarkt nach der Merit-Order gehandelt. Der Großteil der Elektrizität im europäischen Stromhandel wird Monate oder Jahre vorher über normale Marktpreisbildung per Angebot und Nachfrage am Terminmarkt verkauft. Bitte mal woanders als bei den Dilettanten von “Energiewende-Rocken” informieren.

  18. Andreas Jeziorek, Dipl.-Ing. TH/TU Maschinenbau/Energietechnik

    Jetzt verlassen Sie den Boden der Sachlichkeit!
    Man kann auch behaupten, in Fukushima wurde kein Reaktotinventar freigesetzt, die Erde wäre eine flache Scheibe und Corona gibt es nicht. Das steht jedem frei.

    1. In Fukushima wurde natürlich kein Reaktorinventar freigesetzt. Wer behauptet denn sowas? Du beziehst dich schon wieder auf Tschernobyl. Japanische Reaktoren haben natürlich Containments, so wie jeder westliche Reaktor.

      Bei den 3 Kernschmelzen in Fukushima wurden flüchtige Spaltprodukte freigesetzt, darunter zwischen 22 und 109 Gramm Jod-131. Wenn es in Fukushima Wasserstoffrekombinatoren und eine gefilterte Druckentlastung gegeben hätte, hätten auch diese geringen Freisetzungen an Spaltprodukten fast vollständig werden können.

      Wenn du Tschernobyl versichern willst, dann musst du erst einmal jemanden finden, der einen sowjetischen graphitmoderierten RBMK-Reaktor ohne Containment bauen will. Viel Erfolg dabei.

      Tschernobyl-Vergleiche verlassen den Boden der Sachlichkeit. Bitte realistische Annahmen treffen oder einen Schadenspfad mitliefern, wenn behauptet wird das Containment würde versagen.

      1. Schon mal was von dem Reaktorunfall in der Schweiz gehört? Und dass es in Schweden gerade noch glimpflich abgelaufen ist? Und dass Belgien Reaktoren abschalten wird, weil sie als zu unsicher beurteilt werden . Nicht von NGOS, sondern von den dortigen Betreibern

        1. Die Betreiber in Belgien wollen die Kernkraftwerke nicht abschalten.

          Der belgische Atomausstieg ist wie in Deutschland eine politische Entscheidung und dort noch deutlich mehr umstritten als hier. Es würde mich SEHR überraschen, wenn die Kernkraftwerke dort tatsächlich abgeschaltet werden, mitten in einer Klimakrise, mitten in einer Energiekrise. So dumm sind nur wir.

  19. Gerd

    Der Gehalt an Pu-239 interessiert nicht, so lange es dermaßen mit Pu-240 verunreinigt ist, wie in einem Brennelement aus einem Leichtwasserreaktor.

    Das Isotopenverhältnis läßt sich u.a. über die Brenndauer steuern – sicherlich nict zuletzt daher wurden bestimmte Reaktortypen explizit für den Brennelementwechsel im laufenden Betrieb konstruiert. Auch wenn andere Typen zu diesem Zweck heruntergefahren werden müssen und der Betrieb dadurch unwirtschaftlicher wird, so erfüllt’s doch den fragwürdigen Zweck auch. Und unabhängig davon, ob das Material nun tatsächlich zur Kernwaffe taugt – nur wenige Gramm lösliches Plutonium beliebiger Isotopenzusammensetzung in der Hand irgendwelcher Hazardeure sind Szenarien, die abschreckend genug sind, daß niemand jemals daran auch nur denken müssen möchte.

    1. Ja, Brennelemente lassen sich zum Beispiel bei CANDUs im Betrieb wechseln. Bei in Europa eingesetzten Leichtwasserreaktoren ist das aber nicht möglich. Das muss man schon wirklich wollen und beim Reaktordesign spezifisch berücksichtigen.

      Was an wenigen Gramm Pu-240 abschreckend sein soll, musst du erklären.

  20. Gerd

    > “Paper: Ultrahigh and economical uranium extraction from seawater via interconnected open-pore architecture poly(amidoxime) fiber”

    Du kannst davon ausgehen, daß es in der Volksrepublik China nicht möglich ist, strategisch relevante Forschungsarbeiten dieses Umfangs durchzuführen, ohne daß diese explizit vom Politbüro gutgeheißen werden. Es wäre naiv anzunehmen, daß die veröffentlichten Ergebnisse und insbesondere die daraus abgeleiteten ökonomischen Prognosen frei von politischer Motivation sind: China wird gewiß nicht darauf verzichten, seine Position als Atommacht weiter auszubauen – zu diesem Zweck kommt natürlich jegliches “Argument” gegen die zentralen Fakten, die die sog. “friedliche” Nutzung der Kernenergie infrage stellen, gerade recht. Dabei läßt man auch mal gerne außer Acht, daß es auf Basis einer einzelnen angewandten Forschungsarbeit nicht möglich ist, eine finale Aussage über die Wirtschaftlichkeit eines Verfahrens zu treffen. Berücksichtigen wir nun noch, daß die Kosten nuklearer Technologien bisher regelmäßig erheblich unterschätzt wurden und werden, dürfte eine gewisse Erkenntnis darüber reifen, wie die a.a.O. bis auf den Cent genau (!) berechnete Preisspanne von $80.70–86.25 / kg Uran (die – so ein Zufall – genau mit dem Spotmarktpreis übereinstimmt…) zu werten ist. Mal ganz zu schweigen davon, daß im Paper weder Energieaufwände erfaßt noch mögliche Auswirkungen des Verfahrens auf die marine Ökosphäre näher beleuchtet werden.

    1. China will die Welt erobern, indem sie Uran aus den Weltmeeren filtern? Steile Verschwörungstheorie!

      Bitte inhaltlich argumentieren…

  21. Gerd

    > “Substitutionsprinzip: Der “Nutzungsgrad von Sonnenenergie” spielt da überhaupt keine Rolle.”

    Quark. Den Nutzenergiebetrag *regenerativer* Energieanlagen durch den Konversionswirkungsgrad *fossiler* Energieanlagen zu teilen, um daraus irgendeine “regenerative Primärenergie” genannte Zahl zu erhalten, ist genauso sinnvoll, wie Birnen rot anzumalen, um sie hernach mit Äpfeln zu vergleichen… Immerhin sind wir uns einig, daß weder der technische Nutzungsgrad, noch der Konversionswirkungsgrad eine Rolle spielt, wenn der aktuelle Beitrag regenerativer Energieformen zur Energieversorgung beurteilt werden soll – zur Beurteilung des Beitrags ist einzig die verfügbare Nutzenergie entscheidend. Und das ist nunmal nichts anderes als der Endenergieanteil der jeweiligen Energieform – und zwar unabhängig davon, ob regenerativ, fossil oder suprafossil. Hingegen spielt für den Nutzbeitrag weder die eingesetzte noch die verlorengegangene noch die mit irgendeinem Faktor multiplizierte Primärenergiemenge eine Rolle.

    1. Endenergie ist nicht Nutzenergie. Besonders groß ist der Unterschied zwischen den beiden bei fossilen Brennstoffen im Transport, aber auch bei Strom, Wärme usw.

      Die Primärenergiemenge spielt, wie du sagst, quantitativ keine Rolle. Bei der Primärenergie geht es vor allem darum Wärmeenergie mit hoher Entropie und mechanische/elektrische Energie mit niedriger Entropie summieren zu können. Es gibt ja Menschen, die noch nie vom 2. Hauptsatz der Thermodynamik gehört haben und so tun als könne man in der Energiebilanz eine kWh elektrisch mit einer kWh thermisch gleichsetzen.

      Das ist aber offtopic, hier entlang zum Artikel über Energieeffizienz.

  22. Gerd

    > “Mit welchen Speichern denn? Die unbezahlbaren oder die, die noch erfunden werden müssen? Ach so, es geht auch mit Rationierung und Gürtel enger schnallen? Und was machen wir in den bis zu 60 Tagen am Stück ohne nennenswerte erneuerbare Erzeugung in Deutschland? Wer muss schon Heizen mitten im Winter, oder?”

    Polemik bringt uns nicht weiter, also zurück zur sachlichen Diskussion: Erfahrungen mit Speichertechnologien gibt es aus den Zeiten des *DinoTech* Kernenergiebooms ja bereits reichlich – um die nächtlichen Überkapazitäten der im Grundlastbetrieb laufenden KKW abzufangen, wurden zuhauf Nachtspeicherheizungen installiert. Merkwürdigerweise kann ich mich nicht an damalige Bedenken erinnern, ob das überhaupt möglich oder mindestens viel zu teuer sei… Dank digitaler Technologien haben wir heute wesentlich smartere Möglichkeiten, zum Nivellieren von Kapazitätsschwankungen ein *SmartTech* demand-side Management zu betreiben (wie es derzeit schon bei industriellen Elektrolyseanlagen geschieht), u.a. durch angebots- bzw. Echtzeitpreis-gesteuertes Laden von Elektrofahrzeugen, Betreiben von Wärmepumpenheizungen, ja sogar Waschmaschinen & Kühlaggregaten. Damit auch während der seltenen, aber durchaus schonmal ein paar Tage andauernden sonnen- und windarmen Phasen [1, 2] nicht das sprichwörtliche “Licht ausgeht”, stehen bereits heute verschiedene Backup-Versorgungen in Form von Wasserkraft, Biomasse, und auch (zugegebenermaßen nicht CO2-freien) Gasturbinen zur Verfügung. Mit zunehmendem Anteil der regenerativen Versorgung (was, wenn wir nicht noch länger zögern, ja auch nicht in Form einer Zäsur geschehen muß) wird der bislang verschleppte überregionale Netzausbau sowie in einigen Jahren vmtl. auch der Einstieg in die Wasserstoffwirtschaft wesentlich zum langfristigen Erhalt der Versorgungssicherheit beitragen.

    Wie Du siehst, ist im *SmartTech* Szenario die Speicherung nur ein Baustein von vielen, und gewiß nicht der zuerst benötigte. Am preisgünstigsten dürfte der Auf- und Ausbau des demand-side Managements sein, und einige (wenn auch allein nicht ausreichende) Backup-Versorgungsmöglichkeiten stehen schon heute bereit. Am problematischsten – weil teuer und derzeit viel zu langsam – sehe ich den überregionalen Netzausbau, hier ist allem voran der politische Wille zum forcierten Ausbau entscheidend.

    Und schließlich ist es ja nicht so, daß in Deinem *DinoTech* Szenario die Speicherung keine Rolle spielen täte – vmtl. sogar in einem umfangreicheren Maß, als man es zunächst vermuten würde. Denn als Grundlastkraftwerke speisen bestehende KKW mit weitgehend konstanter Leistung ins Netz ein, eine Einregelung auf die typischerweise periodisch schwankende Netzlast ist nicht sinnvoll möglich. Insbesondere ist kein kurzfristiges Herunterfahren der Meiler möglich, wenn ein sehr hohes Angebot an Windenergie verfügbar ist – ohne Speicherung müßte der Energieüberschuß weit unter Gestehungskosten z.B. exportiert werden. Daher sind anstelle schwerfälliger KKW gerade in der Transformationsphase flexibel regelbare Gasturbinen wesentlich effektiver & effizienter mit Wind und Solar kombinierbar, und sollten eingesetzt werden solange noch nicht in ausreichendem Maße ausreichend z.B. Wasserstoffinfrastruktur vorhanden ist.

    Jaja, natürlich sind Gasturbinen nicht CO2-frei, wenn mit fossilem Gas betrieben. Aber diese als temporäre Ergänzung zum *SmartTech*-basierten Ausbau der regenerativen Versorgung einzusetzen, ist m.E. der einzige sozialverträgliche Pfad, auf dem beste Chancen bestehen, im Einklang mit den Reduktionszielen unsere Emissionen im Energiebereich binnen weniger Jahren auf die Hälfte zu senken. Und vor allem ein Pfad, der weltweit sofort und ohne jegliches Proliferations- und Entsorgungsrisiko beschritten werden kann.

    [1] https://www.agora-energiewende.de/service/agorameter/chart/power_generation/09.11.2020/09.11.2021/today/
    [2] https://www.smard.de/home

    1. Du kannst durch Lastabwürfe die Lastspitzen etwas glätten und dadurch die benötigte Leistung von Speichern etwas senken. Das ändert aber nichts daran, dass du in Deutschland Zeiträume von bis zu 60 Tagen am Stück hast, in denen du überwiegend auf saisonale Speicher angewiesen bist, siehe Ruhnau & Qvist (2021).

      Das mit fast ausschließlich Wind und Solar zu meistern ist eine enorme Herausforderung und sehr viel teurer als mit grundlastfähigen Energiequellen im Mix, siehe z.B. Modellierung von Sepulveda et al (2018) oder jede andere technologieneutrale Modellierung eines Energiesystems mit Nullemissionen.

  23. Joe Schmidt

    Und während der CfD für Hinkley C 92,5 Pfund/MWh kostete, wurden CfDs für Windparks zwischen 140 und 150 Pfund/MWh bewilligt.

    Da ist er wieder, unser Florian mit seinen Quellen.
    Die hierzu verlinkte Quelle stammt aus 2014.
    Ja, die Beihilfen für HinkleyPoint C wurden auch 2014 bewilligt.
    Der Unterschied liegt darin, dass sich die Kosten bei EE seit dem deutlich gesenkt haben, während die Kosten für HinkleyPoint C deutlich gestiegen sind …

    Wie es so schön heißt, können wir es uns nicht leisten ein Kernkraftwerk zu bauen. Wir können es uns aber sehr wohl leisten mehrere Dutzend Kernkraftwerke zu bauen.

    Nö, das kann sich kein Land der Erde mehr leisten. Erst recht nicht, wenn es marktwirtschaftlich orientiert ist.

    Da muss ganz klar die Politik Signale setzen. Wenn nachhaltige klimafreundliche Energieproduktion über Generationen nicht besser bewertet wird, als ein völliger Neubau des kompletten Energiesystems alle 20 Jahre, ist das ein Marktversagen.

    Oh – müssen denn die Netzanbindungen der WKA /PVA alle 20 Jahre erneuert werden?
    Oder sind die 20 Jahre wieder einmal eine von Dir getätigte Annahme, um Kernkraft besser dastehen zu lassen?
    Oder ist das jetzt ein Aufruf zur politischen Subventionierung der Kernenergie, weil marktwirtschaftlich nicht erfolgreich?
    Der Ausbau /die Aktualisierung der Stromnetze, der seit Jahren /Jahrzehnten von den Betreibern aus Profitgründen eher verschleppt wurde, ist ein aktuelles Thema – selbst ohne den EE-Ausbau. Dass bspw. die fehlenden Netzverknüpfungespunkte zwischen den ehemals getrennten Stromnetzen in West /Ost in Deutschland bzw. die Gesamtkosten des Stromnetzausbaus /Erneuerung nun oftmals den EE angelastet werden, darf man durchaus hinterfragen.

    Zugegeben, es gibt Gemeinsamkeiten zwischen Kernkraftwerken und der Nutzung von Kernenergie in Schiffsantrieben in den Marinen verschiedener Länder. Daraus eine Quersubventionierung abzuleiten ist aber als ob man sagt, dass zivile PKWs und LKWs das Militär subventionieren, weil militärische Fahrzeuge standardisierte Motoren nutzen, sowie Diesel und Benzin verbrennen. Die Behauptung stimmt zwar, aber die militärische Nutzung ist weder hinreichend noch notwendig für die zivile Nutzung.

    Interessantes Argument.
    Allerdings gibt es auch Meinungen, dass ohne zivile Kernkraft das Militär Probleme hätte, das notwendige Kernkraft-Know-How aufrecht zu erhalten. Auch bei HinkleyPoint C spielt dieses Argument durchaus eine Rolle. Es sind vor allem Kernwaffenstaaten, die auch die zivile Kernenergie am Leben erhalten. Zivile Reaktoren zur Stromerzeugung könnte man also auch als “Nebenprodukt” der militärischen Ambitionen sehen. Selbst für Länder, die keine eigenen Kernwaffen besitzen.
    Während es erst die Atom-Bombe und dann die zivile Nutzung der Kernenergie gab, war es bei PKW /LKW bzw. den Verbrennungskraftmaschinen eher anders herum.

    Das mit fast ausschließlich Wind und Solar zu meistern ist eine enorme Herausforderung und sehr viel teurer als mit grundlastfähigen Energiequellen im Mix, …

    Deswegen macht das auch niemand ausschließlich mit Wind und PV und selbst Ihre Quelle “Ruhnau & Qvist (2021)” schreibt bspsw. zur derzeit in D als Grundlast laufenden Biomasse:
    “Vor diesem Hintergrund lockern wir nun diese Annahme und lassen zu, dass die Bioenergie ihre Leistung um ±100 % (4,6 GW) regelt. … Dies bedeutet, dass 3 Monate der Produktion gespeichert werden können, was länger ist als der zuvor ermittelte Zeitraum, in dem die Speicherung vollständig genutzt wurde. Beachten Sie, dass wir die Bioenergie als Beispiel für Flexibilität verwenden. Ähnliche Effekte können auch bei Flexibilität auf der Nachfrageseite oder im internationalen Handel.

    Es hat nichts mit Rationierung oder “Gürtel enger schnallen” zu tun, wenn man Erzeuger- und Nachfrageseite über Preisimpulse besser aufeinander abstimmt. Ob in diesem Zusammenhang der langfristige Stromhandel mit jahrelangen Verträgen sinnvoll ist, wäre durchaus zu hinterfragen.

    1. “Der Unterschied liegt darin, dass sich die Kosten bei EE seit dem deutlich gesenkt haben, während die Kosten für HinkleyPoint C deutlich gestiegen sind …”

      Quatsch, die Kosten für NOAK EPRs sind natürlich niedriger als für FOAK. Das sieht man ja schon am 2. Reaktor in Hinkley C. Wann in der Geschichte der Menschheit war die Serienproduktion teurer als der Prototyp?

      “Vor diesem Hintergrund lockern wir nun diese Annahme und lassen zu, dass die Bioenergie ihre Leistung um ±100 % (4,6 GW) regelt.”

      Schon mal gefragt, warum die 100%-EE-Studien Biomasse überhaupt nicht zur Stromerzeugung einsetzen? Genau, weil es Verschwendung ist Biomasse nicht für Prozesswärme einzusetzen…

  24. Joe Schmidt

    Das ändert aber nichts daran, dass du in Deutschland Zeiträume von bis zu 60 Tagen am Stück hast, in denen du überwiegend auf saisonale Speicher angewiesen bist, siehe Ruhnau & Qvist (2021).

    Wieder eine selektive Behauptung.
    Denn es dürfte weder angestrebt, noch notwendig sein, Deutschland zu 100% über EE energieautarkt zu machen.
    Dazu schreibt Ihre angegebene Quelle:

    Weitere Zeitreihenanalysen ergaben, dass aufgrund der geografischen Glättung windschwache Ereignisse ausgeprägter sind, wenn sie sich auf einzelne Standorte konzentrieren (Leahy und McKeogh, 2013) und weniger extrem werden, wenn der geografische Bereich auf die kontinentale Skala ausgedehnt wird (Grams et al., 2017; Handschy et al., 2017; Kaspar et al., 2019). Schließlich erweiterten Raynaud et al. (2018) den Anwendungsbereich für Solar-, Wasser- und Windkraftwerke, um “Energiedürren” zu untersuchen, d. h. Zeiten, in denen die erneuerbaren Energien weniger als 20 % der Nachfrage decken. Sie fanden heraus, dass ein Mix aus erneuerbaren Energien die Dauer von Energiedürren im Vergleich zu einzelnen Energiequellen um den Faktor zwei oder mehr verkürzt und dass die Dauer in Szenarien mit 100 % erneuerbaren Energien nicht länger als zwei Tage dauert.

    Mit der Zunahme anderer Flexibilitätsoptionen verlagert sich die Rolle der langfristigen Speicherung von der Überbrückung von Extremereignissen hin zur Glättung der zwischenjährlichen Variabilität der erneuerbaren Energien.

    Änderungen im Nachfrageprofil (bspw. durch Preisimpulse, wie sie heute schon mit flexiblen Stromtarifen wie aWATTar gesetzt werden), die die Flexibilität erhöhen werden in der Quelle ausdrücklich ebenso ignoriert wie Lastabwürfe, die einen Teil des Speicherbedarfs ersetzen können.
    Einen Ausbau der Nutzung der Kernenergie als Option habe ich übrigens aus der Quelle nicht herauslesen können. Eher den Ersatz von Erdgasspeichern durch Wasserstoffspeicher für die Langzeitspeicherung.

    Unsere Stromnetze sind heute schon international und der Ausbau der Stromnetze (sowohl Übertragungs- als auch Verteilnetze) und des internationalen Stromhandels dürfte gerade langfristig deutlich sinnvoller /ökonimischer sein als die Errichtung neuer Kernkraftwerke.
    Auch das Lebensdauerargument zieht hier kaum, denn die Stromnetze haben ja i.d.R. Nutzungsdauern von 60+ Jahren.

    1. Mit Lastabwürfen kann man den Speicherbedarf etwas senken. Das ändert aber nichts an den Größenordnungen.

      Und auch Lastabwürfe sind mit Kosten verbunden.

  25. Klaus Hesse

    Hallo,
    bitte einmal hier reinsehen:

    [7 Links gelöscht]

    Vielen Dank

    1. Hi Klaus,

      Wasserstoff ist in diesem Artikel absolut offtopic und generell ist Linkspam mit 7 Links ohne jede Erklärung oder Zusammenhang überhaupt nicht die feine Art. Ich habe deinen Spam deshalb entfernt.

      Wenn du was zum Thema zu sagen hast, gerne.

  26. Gerd

    > “China will die Welt erobern, indem sie Uran aus den Weltmeeren filtern? Steile Verschwörungstheorie!”

    Aus Chinas zweifelsohne vorhandenem Anspruch, seine Stellung als Atommacht zu festigen, den Wunsch nach Welteroberung abzuleiten, ist – vorsichtig formuliert – reichlich gewagt. Ein Einwand gegen die Begründung, weswegen die a.a.O. gegebene ökonomische Bewertung der Uranextraktion – ebenfalls vorsichtig formuliert – ziemlich fragwürdig ist, ist darin jedenfalls nicht erkennbar.

    So bleibt nur zu konstatieren, daß im Falle industrienaher Studien erfahrungsgemäß eher eine umgekehrte Proportionalität besteht zwischen ihrer ökonomischen Belastbarkeit und der Abhängigkeit der publizierenden Teams von den auftraggebenden Institutionen.

  27. Gerd

    > “Endenergie ist nicht Nutzenergie. … Es gibt ja Menschen, die noch nie vom 2. Hauptsatz der Thermodynamik gehört haben und so tun als könne man in der Energiebilanz eine kWh elektrisch mit einer kWh thermisch gleichsetzen.”

    So korrekt Deine obige Aussage auch ist – laß’ uns bzgl. Nutzenergie nicht im Detail verzetteln. Faktisch ist es die Endenergie, die dem Endverbraucher “frei Haus” zur Verfügung steht, wofür also ein tatsächlicher “Bedarf” angenommen werden kann. Der von weniger sachkundigen Autoren des öfteren verwendete Begriff “Primärenergiebedarf” ist hingegen ein Oxymoron – das zu verdeutlichen war das initiale Ziel dieses Parts der Diskussion.

    Nebenher bemerkt – wenn Du schon den 2. Hauptsatz erwähnst: tatsächlich ist in Bezug auf den Unterhalt der Technosphäre nicht die Verfügbarkeit von Energie das zentrale Problem, sondern einerseits die Verfügbarkeit begrenzter Ressourcen (Rohstoffe, Fläche, biologische Vielfalt, …), und andererseits – womit wir wieder beim Thema sind – die durch den Unterhalt der Technosphäre verursachte Zunahme der globalen Entropie (“was verbraucht ist, ist verbraucht…”) unserer irdischen Welt. Was in der Diskussion seltsamerweise fast nie thematisiert wird, ist, daß diese Entropiezunahme sowohl unvermeidbar als auch unumkehrbar ist – solange vorwiegend terrestrische Energiequellen zu Einsatz kommen. Nutzen wir hingegen für unsere technischen Zwecke gerade einmal ein zehntel Promille der Energie, die vom nächstgelegenen dauerhaft funktionierenden Fusionsreaktor auf die Erdoberfläche trifft, hat sich zumindest das Problem der Entropiezunahme erledigt. Womit sich nach diesem kleinen Exkurs in die Thermodynamik schlußendlich der Kreis wieder schließt, daß ausschließlich regenerative Energiequellen unseren Energiebedarf dauerhaft decken können, und diese zudem in mehr als ausreichendem Maße zur Verfügung stehen.

    1. Das mit der ständigen Entropiezunahme mag ja stimmen, aber der Hitzetod des Universums ist kein besonders akutes Problem.

      Klar, Uran reicht reicht zig Millionen Jahre und bis die Sonne zum roten Riesen wird sind es noch mehrere Milliarden Jahre. Aber auch das sind keine akuten Probleme.

      Der Klimawandel ist ein akutes Problem…

  28. Gerd

    > “Du kannst durch Lastabwürfe die Lastspitzen etwas glätten und dadurch die benötigte Leistung von Speichern etwas senken. Das ändert aber nichts daran, dass du in Deutschland Zeiträume von bis zu 60 Tagen am Stück hast, in denen du überwiegend auf saisonale Speicher angewiesen bist, siehe Ruhnau & Qvist (2021).
    Das mit fast ausschließlich Wind und Solar zu meistern ist eine enorme Herausforderung und sehr viel teurer als mit grundlastfähigen Energiequellen im Mix, siehe z.B. Modellierung von Sepulveda et al (2018) oder jede andere technologieneutrale Modellierung eines Energiesystems mit Nullemissionen.”

    Demand-side-management auf die Option eines Lastabwurfs einzuschränken, ist viel zu kurz gedacht – und führt nicht zum Ziel. Vielmehr geht es darum – wie ich bereits schrieb – mit markwirtschaftlichen Instrumenten die (variable) Nachfrage an das (fixe) Angebot anzupassen, und zwar in Echtzeit. Die technischen Voraussetzungen dafür stehen längst bereit, nur der Umsetzung stehen mal wieder das typisch deutsche Bedenkenträgertum und diverse Partikularinteressen entgegen. Durch ein entsprechend implementiertes demand-side-management können die benötigten Kapazitäten für Kurzzeitspeicher vergleichsweise kurzfristig und auf breiter Basis effektiv gesenkt werden.

    Was Du thematisierst, ist die Dämpfung langfristiger Angebotsschwankungen – hier wird das o.g. Instrument des Echtzeit-demand-side-management allein nicht ausreichen. Ergo benötigen wir geeignete Möglichkeiten zur Langfrist-Speicherung. Nicht sofort, denn übergangsweise stehen umfangreiche Kavernenspeicher für Erdgas zur Verfügung (siehe dazu auch das von Dir zitierte Paper) – aber mit zunehmendem regenerativen Anteil werden wir aller Voraussicht nach diese Speicher sukzessive auf regenerativ erzeugte gasförmige Energieträger umstellen müssen. Ob dann bei 100%ig regenerativen Anteil von einer zweiwöchigen Speicherkapazität (entsprechend der maximal anzunehmenden Dauer einer “Dunkelflaute”) auzugehen ist, oder aufgrund der im zitierten Paper benannten Sekundäreffekte von bis zu 60 Tagen Speicherkapazität, wird sich zeigen – aber soweit werden wir erst in einigen Jahren sein. Was mir allerdings sowohl bei dieser als auch bei anderen mir bekannten Analysen fehlt, ist, daß auch andere mit hohem Energieaufwand hergestellte Grundstoffe indirekt als perfekter Langzeitspeicher fungieren – ein gutes Beispiel ist Aluminium, das in Zeiten regenerativer Überangebote auf Vorrat gewonnen werden kann, während sich in Flautezeiten die Elektrolyse auch für längere Perioden herunterfahren läßt.

    1. Was du da so nonchalant erwägst, kann allein in Deutschland zehntausenden Menschen das Leben kosten und Schäden in mehrstelliger Milliardenhöhe verursachen. Ich hoffe zumindest nicht, dass ich dabei bin, wenn wir herausfinden dass die 2 Wochen Speicher nicht ausreichen und wir 60 Tage gebraucht hätten.

      Es gibt ja Leute, die meinen man müsste bei der Dimensionierung von Speichern selbst für die nächste kleine Eiszeit aufgrund von Vulkanausbrüchen vorbereitet sein. Das mag ein bissl arg pessimistisch sein. Aber eine Dunkelflaute meistern, die zuletzt vor gerade einmal 25 Jahren aufgetreten ist? Also das ist doch wohl das Mindeste!

      1. Harald

        Zunächst einmal gratuliere ich für das sehr sachliche und informative Blog, und wünsche ein Gutes Neues Jahr!

        Ich finde es nicht weit hergeholt, auf ein Ereignis wie 1815 (Tambora) vorbereitet zu sein. Viele Leute denken ja darüber nach, eine vollständig auf regenerative Energiequellen aufgebaute Versorgung aufzubauen. Nach einem solchen Extremereignis wäre das dann das Ende der Zivilisation, weil keine Alternative, Energie auf andere Art und Weise zu erzeugen, mehr rechtzeitig bereitgestellt werden könnte.
        Wir wissen überhaupt nicht, wann sich ein solches Ereignis entfalten könnte, aber es gibt genügend viele Kandidaten (phlegräische Felder, der Yellowstone Nationalpark, ….). Ist das wirklich unser Ziel, uns komplett abhängig von den Launen der Natur zu machen? Dann können wir auch gleich wieder die Götter anbeten, die wir für das “richtige” Wetter verantwortlich machen.

        Es gibt auch noch weitere Punkte, die wir berücksichtigen müssen: Eine Versorgung nur mit Erneuerbaren führt mittelfristig in eine Subsistenzwirtschaft, die keinerlei wirtschaftliche Weiterentwicklung mehr ermöglicht, ganz einfach, weil ein Grossteil der Wirtschaftskraft mit der Erneuerung der Anlagen ausgelastet ist, aufgrund derer relativ kurzen Lebensdauer und der gigantischen Flächen, die benötigt werden. Wir wollten aber (noch-) mal zum Mond und zum Mars. Dafür wird Energie benötigt, viel Energie, wie auch für viele andere Vorhaben.
        Die Lebensdauern, die hier herumgeistern, stimmen für zahlreiche bisher installierte PV- und Windkraft-Anlagen überhaupt nicht. Die werden in der Praxis viel früher abgeschaltet oder ersetzt (“Repowering” – einige Anlagen aus meiner Heimat sind gerade mal 17 Jahre in Betrieb gewesen). Ein Wechselrichter hält auch nicht ewig, und manche Windkraftanlage erleidet bereits vor ihrer Einweihung einen Totalschaden (ok, bis jetzt ist mir nur eine bekannt, die in Haltern). Aber der Sachschaden ist gewaltig (5 M€), und wenn man bedenkt, dass man mehrere tausend für den Ersatz eines KKW benötigt (über die Lebensdauer des Letzteren und wegen der Vollaststunden; die besten Standorte sind ja schon weg), dann ist man da rasch mal bei über 10 bis 20 Milliarden Euro, und das noch ohne Speicher. Günstiger wird der Bau derselben nicht mehr werden, das ist klassischer Anlagenbau, da kann man nicht einfach weniger Material verwenden. Vielleicht setzen sich die Drachensysteme durch, dann benötigt man wenigstens keinen Mast, aber da wird es andere Probleme geben.
        Ich wundere mich auch, wie freimütig in den ganzen Studien und hier im Forum mit der gespeicherten Energie der Elektroautos umgegangen wird. Dafür müssen die Akkus wirklich zyklenfest sein, und zwar über einen sehr, sehr langen Zeitraum. Mein alter Benziner ist jetzt 27 Jahre alt und fährt einwandfrei, sogar mit einem sehr guten Verbrauch von 7l bei sparsamer Fahrt (nicht so sparsam, wie man ein Elektroauto bewegen müsste um die angegebene Reichweite zu schaffen). Jedesmal beim Einsteigen frage ich mich, wie gut wohl ein 27 Jahre alter Akku funktionieren würde. Das genügt aber nicht, die Besitzer müssen ebenfalls diese Menge freigeben, was sich sicher über Anreizsysteme erreichen lässt, aber dann wieder Kosten verursacht.
        Die Argumente werden auch immer gedreht, wie man es braucht. Einerseits sagt die 100% Erneuerbaren Fraktion, dass die E-Autos der falsche Weg wären, weil 2 Tonnen bewegen für 75kg Mensch energetisch unsinnig sei. Stimmt. Aber dann wird dennoch wieder vorgerechnet, dass ein Auto ja 100kWh Kapazität habe, und das gleich 40millionenfach, und daher genügend Zwischenspeicher zur Verfügung stünde.
        Und endlich gehen die Befürworter der 100% EF (ich bin keineswegs ein Gegner der Erneuerbaren, aber es muss mit Sinn und Verstand geschehen) davon aus, dass es hier noch wahnsinnig viel “technischen Fortschritt” geben wird. Für die Problematik der Entsorgung der radioaktiven Abfälle darf das aber nicht gelten. Da wird so getan, als halse man dieses Problem Neandertalern auf, und nicht Menschen, die auch in der Zukunft mit immer neuen technischen Möglichkeiten dieses Problem angehen, wie beispielsweise das Genfer Unternehmen Transmutex.
        Die wirklich idiotischste Entscheidung ever war wohl das Abschalten sicherer deutscher Kernkraftwerke weit vor dem Ende ihrer Lebensdauer. Und wenn man dann trotzdem bereit ist, Kernkraft-Strom aus den Nachbarländern zu beziehen, ist das schon sehr schizophren, zumal man ja im Falle eines Unglücks gar nicht vor dessen Auswirkungen geschützt wäre.

        1. Es stimmt schon, dass viele Annahmen der Energiewende sehr optimistisch gewählt sind. Insbesondere das All-In-Pokern auf einen gewaltigen technischen Fortschritt in nur einem Jahrzehnt ist für mich völlig unverständlich. Es ist fast so, als ob man fossile Brennstoffe auch in der 2. Hälfte dieses Jahrhunderts längst akzeptiert hat.

  29. Gerd

    Das mit der ständigen Entropiezunahme mag ja stimmen, aber der Hitzetod des Universums ist kein besonders akutes Problem.

    Thema ist nicht Clausius’ Postulat vom Wärmetod des Universums. Vielmehr geht es um die Erkenntnis, daß eine lokale Entropieabnahme – sei es nun die Aufrechterhaltung eines Zustands, den wir “Leben” nennen, jegliche wirtschaftliche Aktivität, oder schlichtweg das Entstehen von Information – unweigerlich mit einer Entropiezunahme der Umgebung einhergeht. Und daß diese Entropiezunahme wiederum durch nichts anderes bewirkt wird als durch die Dissipation höherwertiger Energie in Wärme. Wenn die zum Aufrechterhalten eines hochproduktiven globalen Wirtschaftssystems erforderliche Energie nun aber dauerhaft selbst aus terrestrischen Ressourcen bezogen wird, dann wird die Entropie des Systems Erde unaufhaltsam zunehmen. Damit zehrt das Wirtschaftssystem unweigerlich das begrenzte Kapital auf, das seine eigene Grundlage bildet. Und das schlußendlich auch die Grundlage ist zur Aufrechterhaltung des Zustands, den wir “Leben” nennen…

    Der Klimawandel ist ein akutes Problem…

    d’accord – und in Bezug auf dessen anthropogene Ursachen bräuchten wir uns akut wesentlich weniger Sorgen zu machen, wenn wir unser Wirtschaftssystem bereits weitgehend von terrestrischen Energiequellen entkoppelt hätten.

    1. Was ist denn das Problem mit der Entropiezunahme oder “terrestrischen Energiequellen”?

      Es ist doch nicht so, dass uns die Brennstoffe bald ausgehen. Das Problem sind die Abfälle, die durch das Verbrennen entstehen. Wichtig sind insbesondere die CO2-Emissionen von Energiequellen.

  30. Gerd

    Es gibt ja Leute, die meinen man müsste bei der Dimensionierung von Speichern selbst für die nächste kleine Eiszeit aufgrund von Vulkanausbrüchen vorbereitet sein. Das mag ein bissl arg pessimistisch sein. Aber eine Dunkelflaute meistern, die zuletzt vor gerade einmal 25 Jahren aufgetreten ist? Also das ist doch wohl das Mindeste!

    Sehe ich ähnlich. Wie diverse Quellen – u.a. auch die von Dir zitierten – nahelegen, sollte die insbesondere die derzeit bestehende Gasspeicherkapazität ausreichend sein, eine derartige Situation abzudecken. Und ob das bereitgestellte Gas fossilen oder regenerativen Ursprungs ist, sollte bei vier Ereignissen im Jahrhundert in Bezug auf die Klimawirksamkeit eher von untergeordneter Bedeutung sein…
    Nichtsdestoweniger tun wir sehr gut daran, die kommende Dekade zu nutzen, um diverse weitere Möglichkeiten zur Pufferung von Angebotsschwankungen und zur mittelfristigen Zwischenspeicherung auszubauen bzw. bereitzustellen (einige dieser Optionen habe ich ja bereits zuvor benannt).

    1. Alle 25 Jahre willst du nur bei Strommangel eingreifen? Das heißt 99% aller Dunkelflauten führen in Zukunft zu Blackouts?

      Laut einer aktuellen Studie von Qvist & Ruhnau brauchen wir rund 65 TWh Saisonspeicher pro Jahr. Wenn wir das mit Erdgas decken wollten, wären das rund 32 Millionen Tonnen CO2-Emissionen pro Jahr.

  31. Frank

    Ich bin schokiert wie man Vollkosten schreiben kann und dabei die Entsorgung der Kernkraftwerke und die Endlagerung außer acht lassen kann.
    Man schaue sich mal Greifswald oder Rheinsberg an. Der Rückbau ist seit den 90ern im Gange und es wird noch Jahrzente dauern. Im Regionalfernsehen gab man zu das noch 30 Jahre dauert, vielleicht aber auch 60 Jahre bis die Meiler abgebaut sind.
    Wer zahlt die Party? Der Steuerzahler! Also gehören diese Kosten mit in die Vollkosten.

    1. Der Rückbau und die Endlagerung sind in den Gestehungskosten der IEA berücksichtigt. Dabei geht es um ca.:
      0,1 Cents pro kWh für Entsorgung
      0,2 Cents pro kWh für Rückbau

      Diese niedrigen Kosten verblassen gegenüber sonstigen Kosten für Bau & Betrieb.

      Greifswald und Rheinsberg sind wie alle Umweltsünden der DDR ein Kostenfaktor der Wiedervereinigung. Für alle Nicht-DDR-Kernkraftwerke zahlen natürlich die Betreiber.

  32. Fabian Bazlen

    Danke für den interessanten Artikel!

    Ich hätte mal kurz eine Frage dazu … ich bin bisher auch davon ausgegangen, dass Atomstrom eigentlich eine günstige Quelle zur Erzeugung von Elektrizität wäre.
    Nun habe ich neulich Herrn Lesch im Fernsehen gesehen und der hat das ganz anders dargstellt.
    z.T. wurden solch ähnliche Grafiken eingeblendet:
    https://energiewinde.orsted.de/files/210106/stromkosten-nach-energietraeger-atom-erneuerbare-vergleich.svg
    https://energiewinde.orsted.de/files/210106/stromkosten-atom-wind-solar-kohle-vergleich.svg

    Jetzt meine Frage … warum kommen Sie nicht auf ähnliches Ergebnis sondern auf ein komplett Anderes?
    Würde mich tatsächlich brennend interessieren, da ich erst am Wochenende ein sehr angeregtes Gespräch über Atomstrom hatte und ich dezent verwirrt bin ob jetzt Atomstrom günstig oder nicht ist.
    Endlagerung etc. jetzt erst einmal beiseite … wenn natürlich auch wichtig!

    MFG
    Fabian

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