Deindustrialisierung? Deutsche Industriestrompreise im weltweiten Vergleich

Das Wirtschaftswachstum in Deutschland sinkt. Warum führt die energieintensive Industrieproduktion die Konjunkturschwäche an?

Das deutsche Wirtschaftswachstum stagniert. Auch die Prognosen für die nächsten Jahre zeigen nur wenig Erholung.

Deutschland trifft es unter den Industrieländern schwer. Wir sind vom Wachstumsführer zu einem Schlusslicht in Europa geworden.

Gründe für den deutschen Wachstumseinbruch sind hauptsächlich: Bürokratie, Arbeitskräftemangel, Lohnnebenkosten und Energiekosten.

Bürokratieabbau könnte zügig über die Bühne gehen. Fachkräfte zu bezahlbaren Arbeitskosten zu finden ist ungleich schwieriger.

Das größte Problem laut einer Unternehmer-Umfrage sind allerdings bezahlbare Energiepreise.1 Und die sind in weite Ferne gerückt.

Deutsche Gas- und Strompreise in der der Industrie waren schon immer hoch. Seit 2019 haben sie sich noch einmal verdoppelt.

Können wir eine Deindustrialisierung Deutschlands noch aufhalten?

Energiekrise führt zur Verdopplung der Industriestrompreise

Es gibt nicht DEN Industriestrompreis. Die Stromkosten unterscheiden sich stark nach Industriesektor:2

  • 19 Ct/kWh – 0,8 GWh/a: Gering entlastete Industrie
    Pharma-Grundstoffindustrie sowie Flug-/Fahrzeugbau & Zulieferer
  • 15 Ct/kWh – 10 GWh/a: Durchschnittlich entlastete Industrie
    Glaswerke, Gießereien, Elektrotechnik & Anlagenbau
  • 12 Ct/kWh – 400 GWh/a: Maximal entlastete Industrie
    Herstellung von Zement, Ammoniak & organische Chemieindustrie
  • 8 Ct/kWh – 4.500 GWh/a: Maximal entlastete Industrie mit Strompreiskompensation
    Erzeugung von Metallen, Eisen oder Papier

Je mehr Strom ein Industriezweig verbraucht und je mehr er im internationalen Wettbwerb steht, desto mehr ist er von Gebühren befreit. Es entfallen Steuern und erneuerbare Umlagen, aber auch die Netzentgelte und selbst der CO2-Preis (Strompreiskompensation).

Die energieintensive Industrie war zum Beispiel schon immer von der EEG-Umlage befreit. Die Steuerfinanzierung der erneuerbaren Förderungen seit Mitte 2022 entlastet zwar Privatverbraucher wie dich und mich. Aber in der Industrie betrifft das nur Geringverbraucher.

Um so merkwürdiger, dass es in der öffentlichen Diskussion hauptsächlich um den Strompreis für die gering entlastete Industrie geht, die weniger als ein Viertel der industriellen Energie verbraucht. Selbst seriöse Strompreisanalysen wie die vom BDEW betrachten ausschließlich Geringverbraucher.3 Selbst Eurostat weist die stark entlasteten Unternehmen nicht aus.4

Energieintensive Industrie verbraucht fast ein Viertel der deutschen Energie

77% des industriellen Endenergieverbrauchs 2021 entfiel auf nur 5 Industriesektoren:5

  • 30% Chemische Industrie
  • 24% Metallverarbeitung
  • 9% Kohle- & Ölverarbeitung
  • 7% Glas, Keramik & Erden
  • 7% Papier- & Pappefertigung
  • 23% nicht-energieintensive Industrie

Vom gesamten Endenergieverbrauch in Deutschland 2021 machen diese 5 Industriesparten 23% aus! Auf die nicht-energieintensive Industrie entfallen lediglich 7% des Endenergieverbrauchs.6

Andererseits sind diese 5 Industriezweige nur für 15% der Industriearbeitsplätze und 17% der Bruttowertschöpfung verantwortlich.

Industriestrompreise im weltweiten Vergleich

Energiekrise? Welche Energiekrise!?

In Europa und insbesondere in Deutschland löste der Ukrainekrieg die größte Energiekrise aus, seit den Öpreisschocks der Siebziger Jahre. Außerhalb Europas waren aber nur wenige Länder davon betroffen und hauptsächlich deshalb, weil Europa den Flüssiggas-Markt leergekauft hat.

Entsprechend auf niedrigem Niveau geblieben sind die weltweiten Industriestrompreise für maximal entlastete Unternehmen:

  • 9 €Ct/kWh Spanien
  • 8 €Ct/kWh Deutschland
  • 6 €Ct/kWh USA (Texas)
  • 4 €Ct/kWh China (Innere Mongolei)

Kein Wunder, dass energieintensive Unternehmen ihre Produktion nach China und in die USA verlagern wollen. Selbst der letzte deutsche Solaranlagenhersteller Meyer Burger will die deutsche Produktion schließen und stattdessen 2 Fabriken in den USA errichten.

Interessanterweise liegen die deutschen Strompreise unter den spanischen, obwohl Spanien bessere Standortfaktoren für die Energieversorgung hat. Das gilt aber nur für Unternehmen mit Strompreiskompensation, deren Finanzierung aus dem KTF seit dem Bundesverfassungsurteil schwieriger wird.

Gaspreise im Vergleich: Europa vs USA

Bis Mitte 2021 lieferte Russland noch im Überfluss günstiges Pipelinegas nach Europa. Damals waren die europäischen Gaspreise noch nahe an den amerikanischen.

Heute fallen die Großhandelspreise für Erdgas in Europa im Vergleich noch deutlich höher aus als die Strompreise:789

  • 8 $/MMBtu Platts JKM Ostasien (Japan/Korea)
  • 7 $/MMBtu Dutch TTF Natural Gas Mitteleuropa (Niederlande)
  • 2 $/MMBtu Henry Hub Natural Gas USA (Louisiana)

Interessanterweise ist auch in Ostasien das Erdgas sehr teuer, da es als Flüssiggas (LNG) per Schiff angeliefert wird. Verflüssigung, Transport und Rückvergasung von LNG kosten viel Geld und sind auch nicht gerade klimafreundlich. Die USA versorgt sich hingegen selbst, hauptsächlich durch Fracking-Gas.

In Europa wird immer noch ein großer Teil des Erdgases per Pipeline (Niederlande, Norwegen, Nordafrika) geliefert. Auf dem freien Markt gibt aber das teurere LNG den Preis vor. Auch in Europa und Deutschland gibt es unkonventionelle Erdgas-Reserven10. Fracking ist hier aber politisch nicht gewollt.

Brückenstrompreis: Wann sinken die Energiepreise auf Vorkrisenniveau?

Wirtschaftsminister Habeck ist sich der hohen Industriestrompreise bewusst. Sein Wirtschaftsministerium (BMWK) würde gerne einen wettbewerbsfähigen Industriestrompreis subventionieren, bis die Marktpreise wieder auf Vorkrisenniveau sind.

Aber warum sollten die Energiepreise wieder auf Vorkrisenniveau sinken? Der Grund für die Energiekrise war der Importstopp von russischem Erdgas. Es ist aber nicht davon auszugehen, dass wir in Zukunft wieder günstiges Pipelinegas aus Russland importieren werden.

Das BMWK hofft nun, dass Wind- und Solarstrom den Strompreis in Zukunft drücken könnten. Begründet wird das mit den fallenden Gestehungskosten von Wind und Solar. Allerdings sind diese Gestehungskosten in Deutschland auch nach einem Vierteljahrhundert Subventionierung immer noch deutlich höher als die ~4 Ct/kWh durchschnittlicher Spotmarktpreis vor der Krise.11 Die Baukosten von Windrädern steigen sogar eher, als dass sie fallen.

Die Gestehungskosten sind außerdem nicht die Vollkosten für Stromerzeuger. Dazu kommen noch die Systemkosten. Die energieintensive Industrie ist zwar von den hohen Kosten für den Netzausbau befreit, aber muss über die Marktpreise das teure Erdgas-Backup der wetterabhängigen Erneuerbaren mitbezahlen.

Deutschland hat außerdem sehr schlechte Standortfaktoren für Wind und Solar. Ein Windrad erzeugt in Großbritannien rund 1,5x so viel Strom wie in Deutschland. Eine Solaranlage erzeugt in Spanien mehr als doppelt so viel Strom wie in Deutschland. Mit einem Fokus auf Wind und Solar und ohne russisches Erdgas verliert Deutschland das Rennen.

Marktalternative: Angebot an günstigem Strom ausweiten

Die günstigere Marktalternative zur Subvention ist die Ausweitung des Angebots an preiswerter Energie:

  • Fracking von Schiefergas
  • Kernkraftwerke reaktivieren

Beide Möglichkeiten sind in Deutschland per Gesetz verboten. Die grüne Partei lehnt Atomkraft und Fracking aus ideologischen Gründen ab, obwohl beides günstiger und klimafreundlicher ist, als der Import von LNG-Gas.

Habecks BMWK hat die Bereitstellung von günstigem Atomstrom sogar mehrmals aktiv blockiert:

  1. Anfang 2022 auf dem Höhepunkt der Energiekrise hat das BMWK trotz Druck aus Gesellschaft, Wirtschaft und Politik die Laufzeitverlängerung von 6 deutschen AKW vehement und unter Verbreitung von Falschinformationen verhindert.
  2. Mitte 2023 wurde abermals eine Reaktivierung von 8 AKW verpasst.
  3. Ende 2023 noch lehnte das BMWK ein Industriestrom-Angebot des AKW Isar 2 ab.

Abbezahlte Kernkraftwerke sind die günstigste Form der Stromerzeugung.12 Sechs AKW können einen substantiellen Teil des ausgefallenen russischen Erdgases ersetzen.

Trotzdem hat Habecks BMWK die deutschen AKW auf dem Höhepunkt der Energiekrise bewusst abschalten lassen und anschließend versucht die Akten dazu geheimzuhalten.

Damit hat sich das Wirtschaftsministerium letztendlich auch gegen eine energieintensive Industrie ohne Dauersubventionen in Deutschland entschieden.

Fazit: Ist die Deindustrialisierung Deutschlands noch aufzuhalten?

Der Traum von massiv fallenden Energiepreisen ist eine Selbsttäuschung.

Energie wird in Deutschland teurer bleiben als im europäischen und weltweiten Mittel, ohne ein Mehrangebot an günstiger Energie.

Auch Ökonomen sind sich der dauerhaft hohen Energiepreise bewusst. Es gibt also gar kein anderes Ufer für einen “Brückenstrompreis”.

Entweder wir subventionieren die energieintensive Industrie dauerhaft, oder wir lassen sie ziehen.

Ein Teil der chemischen Industrie ist jetzt schon weg und wird vermutlich nicht wiederkommen.

Nützlich kann die Deindustrialisierung Deutschlands aber trotzdem sein: Als schlechtes Beispiel für eventuelle Nachahmer.

Quellen

  1. Supply Chain Pulse Check Herbst 2023 Deloitte (2023)
  2. Transformationspfade für das Industrieland Deutschland IW, BCG & BDI (2023)
  3. Strompreisanalyse Februar 2024 BDEW (2024)
  4. Electricity prices for non-household consumers Eurostat (2023)
  5. Bedeutung der energieintensiven Industriezweige in Deutschland Destatis (2022)
  6. Auswertungstabellen AG Energiebilanzen (2023)
  7. Henry Hub Natural Gas Spot Price EIA (2024)
  8. Dutch TTF Natural Gas Futures Historical Data Investing.com (2024)
  9. LNG Japan/Korea Marker PLATTS Future Historical Data Investing.com (2024)
  10. European Unconventional Oil and Gas Assessment European Commission (2020)
  11. Großhandelspreise SMARD (2024)
  12. Projected Costs of Generating Electricity IEA (2020)

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