Strompreisentwicklung Deutschland 2022: Warum steigen die Stromkosten?

Deutschland hat die teuersten Strompreise der Welt. Warum steigen die Stromkosten besonders 2022 immer weiter?

Wir sind Weltmeister beim Strompreis. In keinem anderen Land der Welt kostet der Strom so viel wie in Deutschland.

Im Jahr 2019 haben wir bei Stromkosten in Privathaushalten 30 Cents pro Kilowattstunde geknackt und 2022 überschreiten wir schon die 50 Cents pro kWh.

Im Schnitt kostete 2021 der Strom in der EU rund 20 Cents pro kWh. In den USA sind es nur noch 12 Cents, in China und Indien sogar unter 7 Cents.

Warum ist der deutsche Strom teurer als in jedem anderen Land der Welt?

  • Die EEG-Umlage war der Preistreiber des Jahrzehnts von 2010 bis 2020.
  • Die Energiekrise ist seit Ende 2021 Preistreiber bei Strom und Gas.

Die EEG-Kosten werden seit Mitte 2022 nicht mehr über die Stromrechnung, sondern über Steuern finanziert. Dieser Nachlass wurde aber von der Preiseskalation aufgefressen

Wegen der aktuellen Energiekrise mit Knappheit von Gas und Kohle werden die Verbraucherpreise auch im Jahr 2023 vermutlich bei über 50 Cents pro kWh bleiben.1

Zusammensetzung des Strompreises 2022 in Deutschland

Der Strompreis in Deutschland im September 2022 beträgt 51,58 Cents pro kWh 2 mit ungefähr dieser Zusammensetzung:

  • 36,1 Cents pro kWh: Produktion & Bereitstellung
  • 12,1 Cents pro kWh: Netzentgelt, Konzessionsabgabe & StromNEV-Umlage
  • 2,4 Cents pro kWh: Energiesteuer auf Strom
  • 0,5 Cents pro kWh: Offshore-Haftungsumlage
  • 0,5 Cents pro kWh: KWK-Aufschlag & Umlage für abschaltbare Lasten

für Haushalte mit 4.000 kWh Jahresverbrauch inklusive 19% Mehrwertsteuer

Strompreiserhöhung: Strompreisentwicklung in Deutschland 2000 bis 2022 [Chart]

Im Jahr 2000 vor Beginn der Energiewende zahlten Privatverbraucher noch 13,9 Cents pro kWh Strom. Der Strompreis hat sich in 22 Jahren fast verdreifacht.

Dabei unterscheiden sich die Gründe für die Strompreiserhöhung in den Nullerjahren stark von denen in den Zehnerjahren und in den Zwanzigerjahren:3

  • 2000 – 2010 Strompreiserhöhung von 13,9 Cents auf 23,7 Cents pro kWh
    Die Beschaffung und Bereitstellung des Stroms kostet 2010 mehr als doppelt so viel wie 2000. Ab 2010 hielt sich das hohe Niveau hingegen halbwegs stabil.
  • 2010 – 2020 Strompreiserhöhung von 23,7 Cents auf 31,8 Cents pro kWh
    Die EEG-Umlage und die Umlage für Offshore-Haftung sind von 2,4 Cents im Jahr 2010 auf 8,5 Cents pro kWh im Jahr 2020 gestiegen. Auch die Netzentgelte sind im zweiten Jahrzehnt langsam gestiegen von rund 9 Cents pro kWh in den Jahren 2007 bis 2012 auf 11,5 Cents pro kWh heute.
  • 2020 – 2022 Strompreiserhöhung von 31,8 Cents auf 51,6 Cents pro kWh
    Wie in den Nuller Jahren ist die Beschaffung und Bereitstellung des Stroms der Preistreiber. Das liegt an der Energiekrise seit 2021. Auch die Netzentgelte steigen langsam weiter. Die EEG-Umlage wird seit 2020 gedeckelt und Mitte 2022 ganz abgeschafft. Das kann aber den Preisanstieg nur zu einem kleinen Teil kompensieren.

für Haushalte mit 3.500 kWh Jahresverbrauch inklusive 19% Mehrwertsteuer
vor 2006 wurden Netzentgelte und Produktionskosten nicht einzeln ausgewiesen

Die Erhöhung der Netzentgelte liegt wahrscheinlich zum größten Teil am Netzausbau für Erneuerbare:

  1. Konventionelle Kraftwerke stehen versorgungsgerecht in Verbrauchernähe, während Wind, Solar und Biogasanlagen weit von den Verbrauchern entfernt dezentral über das Land verteilt sind.
  2. Das gilt besonders für die Offshore-Windanlagen, deren Netzanbindung übermäßig teuer ist.
  3. Die 4 neuen Nord-Süd-Gleichstromtrassen mit jeweils 2 GW für Offshore-Wind sind ebenfalls sehr teuer.

Wie kam es zur Energiekrise für Strom & Gas Ende 2021 & 2022?

Im Laufe der Energiekrise stiegen die europäischen Börsenpreise für Energie zwischen Januar und Dezember 2021 um:

  • +437%: Elektrizität4
  • +404%: Erdgas5
  • +164%: CO2-Emissionsrechte (ETS)6
  • +94%: Steinkohle7
  • +30%: Erdöl8

Preistreiber schienen vor allem die Gaspreise zu sein, insbesondere wegen des kalten und langen Winters 2020/2021 mit Heizphase bis Mai. Ebenfalls bedeutsam für Deutschland waren die unterdurchschnittlichen Windstärken in 2021 nach 2 besonders windreichen Jahren. Das hat zu einem globalen Anstieg der Nachfrage geführt. Asien hat wohl daraufhin den Markt für Flüssiggas leergekauft.

Ohne die Möglichkeit signifikant auf Flüssiggas auszuweichen, war Mitteleuropa auf Russland als Lieferant für Erdgas angewiesen. Russland konnte oder wollte bereits 2021 nicht mehr liefern als die niedrigen langfristig vereinbarten Mengen. In Folge des Ukrainekriegs stellte Russland den Gashahn nach und nach ab.

Wie lange wird die Energiekrise dauern?

Der Strommarkt geht nicht von einer schnellen Besserung aus. Die Marktpreise bleiben auf mindestens dem doppelten Niveau, im Winter deutlich höher. Besonders krass steigen die Strompreise im Winter 2022/2023, um dann bis Sommer 2024 auf über 400€/MWh zu bleiben.9

Bis 2027 normalisieren sich die Preise nach aktuellem Informationsstand nicht wieder auf das Niveau vor der Energiekrise von rund 60 Euro pro MWh. Die Energiekrise ist gekommen um zu bleiben.

Eine nicht eingepreiste mögliche Linderung könnte eine Verlängerung der letzten 6 deutschen Kernkraftwerke sein. Die Strompreise am Terminmarkt würden bei Ankündigung einer Laufzeitverlängerung vermutlich sofort um eine zweistellige Prozentzahl fallen – auf ein immer noch sehr hohes Niveau. Eine Entscheidung dazu steht auch nach 7 Monaten Diskussion immer noch aus.

EEG-Deckel & Ende der EEG-Umlage: Preisbremse für 2021, 2022 & 2023

Die EEG-Umlage wäre im Jahr 2021 eigentlich deutlich gestiegen auf 9,65 Cents pro kWh. Corona-bedingt waren die Marktwerte für Wind- und Solarstrom im Keller. Durch das EEG-Paradoxon (siehe Artikelende) stieg die EEG-Umlage stark.

Das hätte 2021 zu einem Strompreis von gut 37 Cents pro kWh geführt. Gut ein Viertel der EEG-Umlage wurde aber im Konjunkturpaket 2020 quersubventioniert. Mit 11 Milliarden Euro Steuergeldern konnte die EEG-Umlage 2021 um gut 3 Cents auf 6,5 Cents gedrückt werden.

Auch im ersten Halbjahr 2022 wurde die EEG-Umlage durch Steuermittel gedeckelt auf 3,7 Cents. 10 Trotzdem sind die Verbraucherpreise auf 37 Cents pro kWh gestiegen.

Ab Juli 2022 wurde die EEG-Umlage ganz vom Steuerzahler übernommen. 11 Mit der EEG-Umlage fällt der hauptsächliche Kostentreiber beim Strompreis im letzten Jahrzehnt weg – nur um sofort vom Kostentreiber Energiekrise abgelöst zu werden. Die Preisanstiege durch die Energiekrise sind leider deutlich höher als die Preisbremse EEG-Abschaffung.

Weltweiter Strompreisvergleich: Wer hat den günstigsten Strompreis?

Deutschland hatte vor der Energiekrise weltweit den teuersten Strompreis noch vor dem Inselstaat Bermuda. Da die Energiekrise fast ausschließlich Europa und insbesondere Deutschland betrifft sollten wir in 2022 mit noch größerem Abstand vorne liegen.

Den günstigsten Strompreis weltweit hatte Venezuela. Im Land des gescheiterten Sozialismus ist der Strom für Privatabnehmer umsonst – so lange man ihn nicht für das Bitcoin-Mining nutzt.

Sehr günstig mit unter 1 Cent pro kWh ist der Strom in Sudan, Libyen, Iran, Äthiopien, Kuba und Kirgisistan. In all diesen Ländern wird der Strom staatlich subventioniert. In Kuba und im Sudan sind die Subventionen aber 2021 bereits deutlich geschrumpft. 12 13 Die Daten sind von 2020.

Hier ist der weltweite Preisvergleich von Stromkosten: 14

  1. 0,0 Cents pro kWh: Venezuela
  2. 0,1 Cents pro kWh: Sudan
  3. 0,3 Cents pro kWh: Libyen
  4. 0,4 Cents pro kWh: Iran
  5. 0,7 Cents pro kWh: Äthiopien, Kuba
  6. 0,8 Cents pro kWh: Kirgisistan
  7. 1,1 Cents pro kWh: Simbabwe
  8. 1,4 Cents pro kWh: Bhutan
  9. 1,5 Cents pro kWh: Angola
  10. 1,9 Cents pro kWh: Suriname
  11. 2,0 Cents pro kWh: Irak
  12. 2,1 Cents pro kWh: Oman
  13. 2,3 Cents pro kWh: Usbekistan
  14. 2,5 Cents pro kWh: Kuwait, Sambia
  15. 2,6 Cents pro kWh: Katar
  16. 3,2 Cents pro kWh: Myanmar
  17. 3,3 Cents pro kWh: Algerien
  18. 3,4 Cents pro kWh: Aserbaidschan, Kasachstan
  19. 3,7 Cents pro kWh: Ägypten
  20. 3,8 Cents pro kWh: Ukraine
  21. 3,9 Cents pro kWh: Afghanistan, Saudi-Arabien, Bahrain
  22. 4,3 Cents pro kWh: Trinidad & Tobago, Georgien
  23. 4,5 Cents pro kWh: Laos
  24. 4,8 Cents pro kWh: Malaysia
  25. 5,0 Cents pro kWh: Pakistan, Russland, Kongo, Paraguay
  26. 5,1 Cents pro kWh: Argentinien
  27. 5,2 Cents pro kWh: Ghana, Nigeria
  28. 5,4 Cents pro kWh: Bangladesch
  29. 5,7 Cents pro kWh: Nepal
  30. 6,1 Cents pro kWh: Belarus
  31. 6,2 Cents pro kWh: Sri Lanka
  32. 6,3 Cents pro kWh: Tunesien, Armenien, Libanon
  33. 6,4 Cents pro kWh: Indien
  34. 6,6 Cents pro kWh: Vereinigte Arabische Emirate, Vietnam
  35. 6,8 Cents pro kWh: Mexiko
  36. 6,9 Cents pro kWh: China
  37. 7,1 Cents pro kWh: Türkei
  38. 7,4 Cents pro kWh: Dom. Rep.
  39. 7,5 Cents pro kWh: Kamerun
  40. 7,6 Cents pro kWh: Nordmakedonien
  41. 7,9 Cents pro kWh: Serbien, Ecuador
  42. 8,0 Cents pro kWh: Südkorea
  43. 8,1 Cents pro kWh: Tansania
  44. 8,2 Cents pro kWh: Jordanien
  45. 8,4 Cents pro kWh: Indonesien
  46. 8,5 Cents pro kWh: Norwegen
  47. 8,6 Cents pro kWh: Taiwan
  48. 8,8 Cents pro kWh: Moldawien, Lesotho
  49. 8,9 Cents pro kWh: Bosnien
  50. 9,1 Cents pro kWh: Albanien, Botswana
  51. 9,3 Cents pro kWh: Kanada
  52. 9,6 Cents pro kWh: Bolivien
  53. 9,8 Cents pro kWh: Madagaskar, Malawi
  54. 9,9 Cents pro kWh: Swasiland
  55. 10,1 Cents pro kWh: Thailand
  56. 10,3 Cents pro kWh: Ungarn
  57. 10,5 Cents pro kWh: Brasilien
  58. 10,7 Cents pro kWh: Namibia, Marokko
  59. 10,9 Cents pro kWh: Elfenbeinküste
  60. 11,6 Cents pro kWh: Island, Bulgarien
  61. 12,1 Cents pro kWh: Kolumbien, Macau, Hongkong, Costa Rica
  62. 12,2 Cents pro kWh: Mauritius
  63. 12,3 Cents pro kWh: Südafrika, Vereinigte Staaten von Amerika, Kambodscha
  64. 12,8 Cents pro kWh: Mosambik
  65. 13,0 Cents pro kWh: Singapur, Sierra Leone
  66. 13,2 Cents pro kWh: Malta, Panama
  67. 13,4 Cents pro kWh: Kroatien
  68. 13,7 Cents pro kWh: Litauen
  69. 14,0 Cents pro kWh: Estland
  70. 14,3 Cents pro kWh: Israel, Rumänien
  71. 14,4 Cents pro kWh: El Salvador
  72. 14,5 Cents pro kWh: Philippinen
  73. 14,6 Cents pro kWh: Schweden
  74. 15,2 Cents pro kWh: Aruba
  75. 15,3 Cents pro kWh: Honduras
  76. 15,4 Cents pro kWh: Niederlande
  77. 15,5 Cents pro kWh: Finnland, Uganda
  78. 15,6 Cents pro kWh: Senegal
  79. 15,7 Cents pro kWh: Peru
  80. 16,0 Cents pro kWh: Lettland
  81. 16,2 Cents pro kWh: Polen
  82. 16,3 Cents pro kWh: Uruguay
  83. 16,4 Cents pro kWh: Chile
  84. 17,1 Cents pro kWh: Kenia, Slowakei
  85. 17,5 Cents pro kWh: Togo, Nicaragua
  86. 17,7 Cents pro kWh: Slowenien
  87. 17,9 Cents pro kWh: Zypern
  88. 18,0 Cents pro kWh: Frankreich
  89. 18,4 Cents pro kWh: Griechenland
  90. 18,5 Cents pro kWh: Gabun, Schweiz
  91. 18,6 Cents pro kWh: Belize, Burkina Faso
  92. 19,8 Cents pro kWh: Mali, Spanien
  93. 19,9 Cents pro kWh: Österreich
  94. 20,1 Cents pro kWh: Neuseeland
  95. 20,2 Cents pro kWh: Barbados
  96. 20,3 Cents pro kWh: Tschechien
  97. 20,4 Cents pro kWh: Guatemala
  98. 20,7 Cents pro kWh: Luxemburg
  99. 21,0 Cents pro kWh: Ruanda
  100. 21,2 Cents pro kWh: Australien
  101. 21,4 Cents pro kWh: Italien
  102. 21,5 Cents pro kWh: Bahamas
  103. 21,6 Cents pro kWh: Großbritannien, Japan
  104. 21,7 Cents pro kWh: Kaimaninseln
  105. 21,8 Cents pro kWh: Liechtenstein
  106. 22,6 Cents pro kWh: Irland
  107. 22,9 Cents pro kWh: Portugal
  108. 23,5 Cents pro kWh: Jamaika
  109. 24,5 Cents pro kWh: Kap Verde
  110. 25,3 Cents pro kWh: Belgien
  111. 27,6 Cents pro kWh: Dänemark
  112. 29,5 Cents pro kWh: Bermuda
  113. 30,4 Cents pro kWh: Deutschland

für Haushalte weltweit im September 2020

EU Strompreisvergleich: Wie hoch sind die Strompreise in Europa?

Auch in Europa war die Bandbreite an Strompreisen vor der Energiekrise hoch. Vom EU-Beitrittskandidat Georgien mit 6 Cents pro kWh bis Deutschland mit mehr als 30 Cents pro kWh.

Eurostat bietet eine detaillierte Aufschlüsselung der Strompreis-Zusammensetzung in jedem EU-Land nach Jahr. Dort sieht man, welche Komponenten die Kosten erhöhen (Diagramm oben). 15

Auch in anderen europäischen Ländern können Umweltsteuern (in grün) ein Preistreiber sein, aber meistens nicht so hoch wie in Deutschland. Dänemark sticht hier hervor mit mehr als 50% Energiesteuer.

Es gibt aber auch Länder mit deutlich höheren Erzeugungskosten, wie die Inselstaaten Zyprus, Irland und Malta. Warum Belgien und Griechenland so hohe Produktionskosten haben, weiß ich nicht.

Deutschland ist bei den Produktionskosten im Mittelfeld, aber bei der Netzumlage das zweitteuerste Land nach Belgien. Die deutschen Netzkosten stiegen mit der Energiewende um 30%.

Industrie & Gewerbe: Strompreise für energieintensive Unternehmen

Erstmal die gute Nachricht: Deutschland hat nicht die höchsten Industriestrompreise.

In der EU sind wir auf Platz 2 bis 3. Dänemark hat den Spitzenplatz und bei sehr hohem Energieverbrauch ist auch slowakischer Industriestrom teurer als deutscher.

Für die energieintensive Industrie und das Gewerbe gibt es mehrere Mengenrabatte. Zum Beispiel entfallen für Großverbraucher Energiesteuern, die EEG-Umlage oder Netzentgelte.

Die Industriestrompreise in Deutschland liegen bei: 16

  • 10 Cents pro kWh bei einem Jahresverbrauch von mehr als 150.000 MWh (Band IG) (Band ID)
  • 19 Cents pro kWh bei einem Jahresverbrauch von 2.000 – 20.000 MWh (Band ID)
  • 24 Cents pro kWh bei einem Jahresverbrauch von 20 MWh – 500 MWh (Band IB)

Zum Vergleich: ein Vierpersonen-Haushalt verbraucht rund 3,5 MWh pro Jahr, ein Aluminiumwerk rund 5.000.000 MWh pro Jahr. 17

Die Mengenrabatte sollen die energieintensive Industrie in Deutschland halten. Wenn ganze Industriezweige abwandern würden in Länder mit niedrigeren Umwelt- und Klimastandards, wäre das ökonomisch und ökologisch kontraproduktiv.

Hohe Strompreise behindern die Sektorkopplung

Bei einem mittleren Haushaltsverbrauch von 4.000 kWh im Jahr macht die Strompreiserhöhung um 10 Cent seit 2008 immerhin 400 Euro Extrakosten pro Jahr aus.

Besonders hart trifft das Geringverdiener, bei denen die Stromkosten relativ gesehen einen größeren Teil der Ausgaben ausmachen.

Aber der Schaden durch hohe Strompreise ist weitreichender als nur eine hohe Stromrechnung. Wenn Strom künstlich teuer gemacht wird, lohnt sich die Sektorkopplung nicht.

Ist ja logisch: Wenn eine Wärmepumpe oder ein E-Auto doppelt so hohe Betriebskosten hat wie die fossile Alternative, überlegt man sich die Neuanschaffung nochmal.

In Frankreich, Schweden oder Norwegen ist die Elektrifizierung des Wärme- und Transportsektors deutlich weiter als bei uns. Das sieht man gut am Anteil klimafreundlicher Energie am Primärenergieverbrauch.

EEG-Paradoxon: Umlagemechanismus als Treiber hoher Strompreise

Strom aus Erneuerbaren Energien wird in Deutschland für 20 Jahre mit einer festen Einspeisevergütung subventioniert. Der Erzeuger bekommt also einen Mindestbetrag pro kWh, auch bei niedrigerem Marktwert.

Je weniger Gewinn der EE-Strom am Strommarkt erzielt, desto höher ist die Deckungslücke zum Festpreis. Der EEG-Umlagebetrag muss also entsprechend steigen.

Dies ist als EEG-Paradoxon bekannt:
Ein niedriger Marktwert von Strom aus Erneuerbaren führt zu einer hohen EEG-Umlage

Das paradoxe daran ist, dass die Einspeisevergütung für Neuanlagen Jahr für Jahr sinkt. Neuere Anlagen erhalten weniger Subventionen als alte Anlagen. Weil alte Anlagen aus der Förderung fallen, sollte der EEG-Umlagebetrag eigentlich sinken.

Trotzdem steigen die Kosten der Energiewende jedes Jahr. Zwar sind neue Anlagen günstiger, aber bestehende Anlagen werden durch weiteren Zubau teurer.

Das liegt daran, dass Wind- und Solarstrom mit höherem Systemanteil immer weniger wert ist. An sonnigen oder windigen Tagen zerstören sich die Solar- und Windanlagen ihre eigenen Erträge durch Überproduktion.

Immer häufiger gibt es an Tagen mit günstigem Wetter sogar negative Strompreise. Ein negativer Strompreis ist eine Entsorgungsgebühr für den nicht benötigten Strom aus Erneuerbaren.

In einem funktionierenden Markt gäbe es keine anhaltend negativen Strompreise. Leider wird in Deutschland durch Subventionen und Abnahmegarantie das Marktgleichgewicht von Angebot und Nachfrage zerstört.

Dieses Problem gäbe es nicht, wenn Wind und Solar ohne Subventionen kostendeckend wären. Selbst in der aktuellen Energiekrise ist der Marktwert von Solarstrom und Windstrom 18 nicht hoch genug um die Vollkosten von Erneuerbaren zu decken.

Seit Juli 2022 wird die EEG-Umlage aus Steuermitteln bezahlt. Das EEG-Paradoxon besteht aber weiterhin.

Stromkosten Zusammensetzung: Bestandteile der Stromrechnung

Was bedeuten eigentlich die verschiedenen Bestandteile auf der Stromrechnung? Hier ein kleines Glossar von Abgaben und Umlagen:

  1. Netz- und Messentgelte
    Für den Transport und die Verteilung des elektrischen Stroms braucht man Stromnetze mit Hochspannung und Mittelspannung, sowie Niederspannung für die letzte Meile. Die Netzentgelte decken die Instandhaltung und Erweiterung des Stromnetzes.
  2. Konzessionsabgabe
    Die Stromnetze werden unter öffentlichen Wegen verlegt, wodurch nach dem Energiewirtschaftsgesetz eine Abgabe an die jeweilige Kommune fällig wird. Die Konzessionsabgabe ist also Teil der Netzkosten und wird hier im Artikel auch so behandelt.
  3. EEG-Umlage
    Die Subventionen nach dem Erneuerbaren-Energien-Gesetz (EEG) werden seit 2000 direkt auf Stromverbraucher umgelegt. Die EEG-Umlage ist der Differenzbetrag zwischen dem Marktwert von EE-Strom und der garantierten Einspeisevergütung für Solar, Wind, Biogas und Wasserkraft.
  4. KWK-Umlage
    Die Subventionen nach dem Kraft-Wärme-Kopplungsgesetz (KWKG) werden seit 2002 direkt auf Stromverbraucher umgelegt. Die KWK-Umlage fördert Kraftwerke, die neben Strom außerdem Fernwärme produzieren um die Sektorkopplung zu erhöhen.
  5. §19 StromNEV-Umlage
    Als Teil der Mengenrabatte für Industriestrom werden energieintensive Unternehmen vom Netzentgelt befreit. Die Umlage nach Stromnetzentgeltverordnung gleicht diese Befreiungen seit 2012 aus.
  6. Offshore-Haftungsumlage
    Für Verzögerungen und Ausfälle beim Netzanschluss von Offshore-Windanlagen wird Schadensersatz fällig. Diese Zahlungen werden nach Energiewirtschaftsgesetz seit 2013 auf den Verbraucher umgelegt.
  7. Umlage für abschaltbare Lasten
    Durch den Zubau von Wind und Solar leidet die Versorgungssicherheit in Deutschland. Um Strommangellagen zu entschärfen werden Großverbraucher seit 2014 dafür bezahlt ihren Verbrauch zu drosseln. Die Verordnung über Vereinbarungen zu abschaltbaren Lasten legt diese Kosten auf den Verbraucher um.

Updates:

  • 13.05.2021: Erstmals veröffentlicht.
  • 09.12.2021: Update angesichts der aktuellen Energiekrise. Verivox als neue Quelle für aktuelle Verbraucherpreise
  • 27.04.2022: Update der Preise angesichts des Ukrainekrieges
  • 6.10.2022: Update der Preise nach Wegfall EEG-Umlage und Verschärfung Gaskrise

Quellen

  1. Strompreisprognose Prognos (2022)
  2. Verbraucherpreisindex Strom Verivox (2022)
  3. Strompreisanalyse Januar 2022 BDEW (2022)
  4. German Power Baseload Futures CMEGroup (2021)
  5. Dutch TTF Natural Gas Futures Trading View (2021)
  6. EEX EUA Future Ember (2021)
  7. Rotterdam Coal Futures Tradingview(2021)
  8. Brent Crude Oil Futures Tradingview(2021)
  9. German Power Baseload Futures CME (2021)
  10. Altmaier: „EEG-Umlage 2022 sinkt auf den niedrigsten Stand seit 10 Jahren“ BMWI (2021)
  11. Abschaffung der EEG-Umlage Tagesschau (2022)
  12. Cubans wary of sharp rise in electricity prices starting in January Energy Central (2020)
  13. Sudan Starts 2021 With 500% Increase in Electricity Prices Asharq Al-Awsat (2021)
  14. Deutschland Strompreise September 2020 Global Petrol Prices (2020)
  15. Electricity prices components for household consumers Eurostat (2021)
  16. Electricity prices components for non-household consumers Eurostat (2021)
  17. Aluminiumwerke in Deutschland Bürger für Technik (2009)
  18. Marktwertübersicht Netztransparenz (2021)

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