Ukrainekrieg: Russisches Erdgas kann durch Kernkraft ersetzt werden

Eine Laufzeitverlängerung der 6 deutschen Kernkraftwerke kann rund ein Viertel der russischen Gasimporte ersetzen.

Ende Februar versprach Wirtschaftsminister Habeck Laufzeitverlängerungen unserer letzten 6 AKWs prüfen zu lassen, um russisches Gas zu ersetzen.

Nach aktuellem Stand dieser Prüfung, ist die Verlängerung aller 6 Kernkraftwerke technisch, gesetzlich, personell und wirtschaftlich möglich.

Die vorhandenen Brennstäbe haben genug Reserven für den nächsten Winter. Ein halbes Jahr Überbrückung ist dank Streckbetrieb und Notkern möglich.

Die 6 Kernkraftwerke können einen Großteil der Gasverstromung ersetzen. Wir verstromen gut ein Drittel der Menge Erdgas, die wir aus Russland importieren.

Die Verlängerung von Kernkraftwerken und Kohlekraftwerken ist nicht irgendeine Maßnahme, sondern die signifikanteste heimische Sofortmaßnahme zur Reduktion von russischen Gasimporten.

In diesem Artikel geht es um 5 Einwände gegen eine Laufzeitverlängerung und warum diese nicht ziehen.

5 Einwände gegen das Ersetzen von russischem Gas durch AKWs

Warum entscheidet die Politik nicht endlich eine Laufzeitverlängerung? Ein Auftritt von Habeck im ZDF bei Markus Lanz offenbart tiefe Wissenslücken des Wirtschaftsministers.

Nicht nur Habeck bringt immer wieder die gleichen Einwände gegen eine Substitution von russischem Erdgas durch deutsche Kernkraftwerke. Diese Einwände sind größtenteils substanzlos. Der 5. Einwand ist berechtigt, aber betrifft nur einen Teil der Gasverstromung.

Hier die 5 häufigsten Einwände gegen eine Laufzeitverlängerung:

1. Im Stromsektor lässt sich kein Erdgas sparen

Substitution von russichem Erdgas durch Kernkraftwerke - Ukrainekrieg: Russisches Erdgas kann durch Kernkraft ersetzt werden

Habeck äußerte diese Behauptung bei Markus Lanz im ZDF:

“Weil es ja bei Atomkraftwerken […] um Strom geht. Wir haben aber bei Gas und bei Öl gar kein Stromproblem, sondern ein Mobilitätsproblem und bei Gas eben ein industrielles und ein Heizproblem.”

Stimmt, ein Großteil unseres Gases setzen wir in Wärme und industrielle Prozesswärme um. Aber wir verstromen auch rund 197 TWhth Erdgas. 1 Das ist etwa ein Drittel der Menge, die wir aus Russland importieren. 2 (Beide Zahlen für 2020)

Es ist ein Nobrainer das knappe Erdgas nicht mehr in Gaskraftwerken zur Stromerzeugung zu verbrennen. Von den 197 TWh können wir bilanziell etwa zwei Drittel durch die 6 Kernkraftwerke ersetzen und den Rest durch Kohlekraftwerke.3

Ich schreibe bilanziell, weil wegen der Kraft-Wärme-Kopplung (KWK) nicht das gesamte Potential ausgeschöpft werden kann. Mehr dazu beim 5. Einwand im Abschnitt zu KWK.

2. Für den Winter 2022/2023 fehlen Brennstäbe

Streckbetrieb Notkern  Reserven von Brennstaeben - Ukrainekrieg: Russisches Erdgas kann durch Kernkraft ersetzt werden

Habeck wiederholte bei Markus Lanz diese Falschbehauptung, obwohl sie bereits vor 3 Wochen, kurz nach Erscheinen des Prüfvermerks widerlegt wurde:

“Man streckt die Atomkraftwerke über den nächsten Winter. Dann muss man sie im Sommer runterfahren / im Streckbetrieb fahren, weil die Brennelemente sonst bis Jahresende ausgebrannt sind.”

Das haben Habeck und seine Berater grundlegend falsch verstanden. Im Streckbetrieb können die Brennstäbe über ihre Auslegungsdauer hinaus zusätzliche Strommengen erzeugen.

Das ist deshalb möglich, weil bei einem Brennstoffwechsel in einem Konvoi-Reaktor nur ein Viertel der Brennelemente ersetzt werden. Drei Viertel des Brennstoffs bleibt sowieso im Kern. Und selbst das “ausgebrannte” Viertel hat noch Reserven.

Ein Präzedenzfall dafür ist das Kernkraftwerk Grafenrheinfeld in meiner Heimat Unterfranken. Für das Abschaltjahr 2015 wurden keine neuen Brennstäbe bestellt, wegen der später verfassungswidrig eingestuften Brennelementesteuer.

Sechs Monate lang lief Grafenrheinfeld also mit den alten Brennstäben: 45

  • 1. Januar: Erster Streckbetrieb auf voller Leistung
  • 2. Februar: Leistung fällt langsam von 1250 MW auf 1000 MW
  • 7. März: Revision um Brennelemente zu einem “Notkern” neu zusammenzusetzen
  • 26. März: Zweiter Streckbetrieb mit Notkern auf voller Leistung
  • 18. April: Leistung fällt langsam von 1250 MW auf 600 MW
  • 27. Juni: Endgültige Abschaltung des AKW Grafenrheinfeld

Über diese 6 Monate holte Grafenrheinfeld aus den alten Brennstäben im Mittel 76% der Maximalleistung – inklusive dreiwöchiger Revision. Mit 6 Kernkraftwerken im Streckbetrieb können die Revisionen gestaffelt werden.

Mehr Infos zum Streckbetrieb in diesem Twitter-Thread.

3. Es fehlen Sicherheitsprüfungen bei deutschen AKWs

Auch dies eine Behauptung von Habeck bei Lanz im ZDF:

“Dazu müssten wir sie aber nochmal tief durchprüfen, denn das sind sie seit 13 Jahren nicht getan worden.”

Die periodischen Sicherheitsanalysen (PSA) wurden in den letzten 13 Jahren ganz normal im Rahmen der jährlichen Revision durchgeführt. Es ist also keinesfalls so, dass die AKWS seit 13 Jahren nicht geprüft wurden.

Was Habeck mit den 13 Jahren meint, ist die periodische Sicherheitsüberprüfung (PSÜ). Die findet normal alle zehn Jahre statt. Hier wird der grundsätzliche Stand der Technologie evaluiert um zu sehen ob die deutschen Kernkraftwerke alle international gängigen Sicherheitsauslegungen haben.

Die PSÜ wurde für Brokdorf und Gundremmingen C bereits durchgeführt. Es gab dabei keine nennenswerten Defizite laut Kerntechnik Deutschland. Kein Wunder, seit der letzten PSÜ aller 6 Kraftwerke im Jahr 2009 wurden im Jahr 2014 bereits Nachrüstungen infolge der Fukushima Stresstests vorgenommen.

Bei einer Laufzeitverlängerung müssten die PSÜs für Grohnde, Isar, Emsland und Neckarwestheim baldmöglichst gemacht werden. Dass dies möglich ist bestätigt der TÜV Verband. Genauso wie in Brokdorf und Gundremmingen C sind keine signifikanten Maßnahmen zu erwarten laut Kerntechnik Deutschland.

4. Kernkraftwerke sind nicht flexibel genug um Gas zu ersetzen

Diese Behauptung stammt nicht von Habeck oder den beiden Ministerien. Man hört besonders in den sozialen Medien oft eine Variante dieses Einwands:

“Kernkraftwerke können als unflexible Grundlastkraftwerke keine Lastfolge fahren und sind daher nicht in der Lage Gaskraftwerke zu ersetzen.”

Die Prämisse ist falsch. Deutsche Kernkraftwerke können schneller Lastfolge fahren als moderne GUD-Kraftwerke.6 Und 28 GW von unseren 32 GW Gaskraftwerken sind GuD-Kraftwerke. Die restlichen 4 GW sind hauptsächlich in der Netzreserve und fast nie in Betrieb.

Warum fahren Kernkraftwerke keine Lastfolge? Es gibt einfach keinen Grund ein Kernkraftwerk zu drosseln. AKWs sind im Betrieb CO2-neutral und brauchen sehr wenig Brennstoff. Sie altern außerdem schneller im Lastfolge-Betrieb. Kernkraftwerke ersetzen GuD-Kraftwerke am besten, indem sie durchlaufen wie bisher. Die planbaren Lücken können Kohlekraftwerke füllen und für die unplanbaren Lücken brauchen wir geringe Mengen Gas.

Die 4 GW offene Gasturbinen können Kernkraftwerke nämlich tatsächlich nicht ersetzen. Kein anderes Kraftwerk kann das. Das muss aber auch nicht sein. Diese super schnell regelbaren Kraftwerke mit schlechtem Wirkungsgrad sind größtenteils in der Netzreserve und kommen nur in Ausnahmesituationen zum Einsatz.

Irsching Block 3 ist ein Beispiel für so ein Gaskraftwerk ohne Dampfturbine in der Netzreserve. Es kommt laut den blockscharfen Daten von Energy-Charts auf 0,3% Auslastung (Gesamtjahr 2020).7 Irsching 3 kann übrigens auch mit leichtem Heizöl, statt mit Erdgas betrieben werden.

5. AKWs können KWK-Gaskraftwerke nicht ersetzen

Eine weitere in sozialen Medien häufige Entgegnung lautet wie folgt:

“Drei Viertel der Gaskraftwerke können Fernwärme per Kraft-Wärme-Kopplung bereitstellen. Kernkraftwerke können das nicht.”

Stimmt, die verbleibenden 6 Kernkraftwerke sind an kein Fernwärmenetz angeschlossen. Aber sie können die Stromerzeugung der KWK-Kraftwerke übernehmen. Ein KWK-Kraftwerk kann Fernwärme auskoppeln, auch ohne mit Maximalleistung Strom zu erzeugen.

Nicht weit von meinem Kiez in Berlin steht das Heizkraftwerk Marzahn. Es ist ein Neubau von 2020 und speist flexibel zwischen 50 MW und 250 MW elektrisch ein.8 Fernwärme wird auch auf Teillast ausgekoppelt. Das Fernwärmenetz wird zwischen diesem Kraftwerk und dem Kraftwerk Klingenberg in der Rummelsberger Bucht geteilt.

Dass sich mehrere Kraftwerke oder Kraftwerksblöcke ein Fernwärmenetz teilen ist normal. Insbesondere außerhalb der Heizsaison müssen nicht alle davon gleichzeitig laufen. Wenn die Regierung an einer Reduzierung der Heiztemperatur festhält, wird nicht einmal in der Heizsaison die maximale Wärmeleistung benötigt.

Die Stromproduktion in einem KWK-Kraftwerk kann sogar auf Null gedrosselt werden, wenn es eine Reduzierstation hat. Auch ohne Reduzierstation kann zum Beispiel das Küstenkraftwerk Kiel die Stromerzeugung auf Null fahren, dank Wärmespeicher und Power-to-Heat.

Dazu kommt noch, dass 3 Kernkraftwerke gerade noch aktiv sind und die anderen 3 bis Dezember 2021 aktiv waren. Für diese Kraftwerke gibt und gab es immer genug zu tun. Kein Wunder, wir haben im deutschen Netz rund 40 GW Grundlast. Die wird 24/7 nachgefragt, egal ob die Sonne scheint oder der Wind weht.

Der Einwand mit der Kraft-Wärme-Kopplung ist berechtigt. Aber wir schütten das Kind mit dem Badewasser aus, wenn wir drei Viertel der Gasverstromung als nicht ersetzbar aufgeben. Ein Großteil der elektrischen Erzeugung dieser KWK-Kraftwerke lässt sich drosseln und durch Kernkraft ersetzen.

Fazit: Kernkraft kann russische Importe ersetzen

Meinung zur Kernkraft in Deutschland seit 1984 - Ukrainekrieg: Russisches Erdgas kann durch Kernkraft ersetzt werden

Eine Laufzeitverlängerung der 6 letzten deutschen Kernkraftwerke ist technisch, wirtschaftlich und gesetzlich möglich. Es gibt sogar eine gesellschaftliche Mehrheit dafür, wie aktuelle Umfragen zeigen.

Die 6 Kernkraftwerke können einen signifikanten Teil der Gasverstromung ersetzen und zwar schon im nächsten Winter. Insgesamt verstromen wir gut ein Drittel so viel Gas, wie wir aus Russland importieren.

Für jede kWh Erdgas, die Kernkraftwerke nicht direkt ersetzen können, sparen sie alternativ russische Kohle ein. Oder sie helfen über das europäische Verbundnetz unseren Nachbarländern vom russischen Gas loszukommen. Kein anderes Land in Europa hat 6 große und moderne Kernkraftwerke als Ass im Ärmel.

Auch mittelfristig macht die Verlängerung Sinn. Die Stromnachfrage steigt durch Ausbau von Wärmepumpen, das Ausrollen der Elektromobilität und die Einführung einer Wasserstoffwirtschaft. Strom ist heute schon der flexibelste Energieträger. Das mach die Strom erzeugenden Kernkraftwerke flexibel einsetzbar.

Es liegt jetzt an der Politik zügig die richtige Entscheidung zu fällen.

Stand von Habecks Prüfung zur Kernkraft Laufzeitverlängerung

Wo stehen wir bei der Prüfung der Laufzeitverlängerung der 6 deutschen Kernkraftwerke? Der zeitliche Verlauf bisher:

Der Ball ist spätestens seit dem 15. März bei den Ministerien, die sich mit Feedback zu ihrem Prüfvermerk zurückhalten. Bisher gab es noch überhaupt keine öffentliche Erwiderung von BMUV oder BMWK auf die zahlreiche Kritik von Experten.

Dass die Prüfung keine Priorität hat, ist angesichts der Rubel-Eskalation durch Russland schwer zu glauben. Es scheint ein absichtliches Spiel auf Zeit zu sein. Angesichts der von allen Experten bestätigten Dringlichkeit ist das leichtsinnig bis verantwortungslos.

Habeck ist nicht einmal auf dem Stand der Dinge, was den Verlauf der von ihm selbst angestoßenen Prüfung angeht. Am 1. April im ZDF bei Markus Lanz wiederholte er die seit Wochen widerlegten Behauptungen aus dem ursprünglichen Prüfvermerk.

Die Zeit zu handeln ist jetzt. #SwitchOffPutin

Quellen

  1. Tabelle 23 Energiedaten: Gesamtausgabe BMWI (2022)
  2. Imports of natural gas by partner country Eurostat (2021)
  3. Verhältnis erzeugter Strommengen Kernkraft/Erdgas im Jahr 2021 AGEB (2022)
  4. Nettostromerzeugung aus Kernenergie in Deutschland 2015 Energy-Charts (2021)
  5. Feststellung des zusätzlichen Reservekraftwerksbedarfs für das 1. Quartal 2015 Bundesnetzagentur (2014)
  6. Quo vadis, Netzstabilität? ATW (2021)
  7. Nettostromerzeugung aus Erdgas in Deutschland 2020 Energy-Charts (2022)
  8. Nettostromerzeugung aus Erdgas in Deutschland 2022 Energy-Charts (2022)

Dieser Beitrag hat 2 Kommentare

  1. Marc

    Ist es aber nicht so, dass die Kernkraftwerke aktuell noch am Netz sind und wir durch eine Laufzeitverlängerung nur die Lücke nicht entstehen lassen, die durch eine Abschaltung entstanden wäre? In deinem Beitrag sieht es so aus als würde die Leistung der 6 Kernkraftwerke dazukommen, sodass wir etwas anderes wegnehmen können. Aber die sind ja schon da und gehen bei einer Laufzeitverlängerung nur nicht weg. (Was natürlich auch schon gut wäre.)

    1. Stimmt, 3 Kernkraftwerke sind noch am Netz und sollen mitten im Winter am 31.12.2022 abgeschaltet werden. Die müsste man auch noch durch andere Kraftwerke kompensieren.

      Die Unterscheidung zwischen nicht nötiger Kompensation und Reaktivierung der restlichen 3 Kernkraftwerke klingt für mich eher nach ner philosophischen Frage.

      Fakt ist, dass wir ohne Atomausstieg am 1.1.2023 signifikant mehr Leistung im Netz haben können.

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