Stromimporte Deutschland seit 2023: Sind wir Strombettler?

Die deutschen Stromimporte steigen und die Stromexporte sinken. Sind wir abhängig geworden?

Deutschland war Jahrzehnte lang ein Nettoexporteur für Strom. Das hat sich mit dem Atomausstieg geändert.

Seit April 2023 importiert Deutschland deutlich mehr Strom. Damals wurden die letzten 3 AKW abgeschaltet.

Deutschland kann an vielen Tagen nicht mehr genug günstigen Strom erzeugen um die Nachfrage zu decken.

Und wenn an sonnigen oder windigen Tagen genug Strom zur Verfügung steht, exportieren wir ihn zum Schnäppchenpreis.

Sind wir jetzt Strombettler oder gar abhängig von Stromimporten?

Strom-Import-Statistik seit April 2023

An der monatlichen Strom-Import-Statistik sieht man deutlich, wie Deutschland seit Abschaltung der letzten 3 AKW zum Netto-Stromimporteur geworden ist.

Die AKW liefen bis Mitte April 2023. Seitdem überwiegen die Stromimporte:1

  • Jan. 2023: 0,3 TWh Stromimporte vs 4,3 TWh Stromexporte
  • Feb. 2023: 0,3 TWh Stromimporte vs 3,1 TWh Stromexporte
  • März 2023: 0,5 TWh Stromimporte vs 2,6 TWh Stromexporte
  • Apr. 2023: 1,7 TWh Stromimporte vs 1,3 TWh Stromexporte
  • Mai 2023: 4,0 TWh Stromimporte vs 0,4 TWh Stromexporte
  • Juni 2023: 4,6 TWh Stromimporte vs 0,5 TWh Stromexporte
  • Juli 2023: 4,4 TWh Stromimporte vs 1,1 TWh Stromexporte
  • Aug. 2023: 6,1 TWh Stromimporte vs 0,3 TWh Stromexporte
  • Sept. 2023: 4,7 TWh Stromimporte vs 0,2 TWh Stromexporte
  • Okt. 2023: 2,4 TWh Stromimporte vs 1,0 TWh Stromexporte
  • Nov. 2023: 1,4 TWh Stromimporte vs 1,5 TWh Stromexporte
  • Dez. 2023: 1,0 TWh Stromimporte vs 3,6 TWh Stromexporte
  • Jan. 2024: 1,2 TWh Stromimporte vs 2,5 TWh Stromexporte
  • Feb. 2024: 2,0 TWh Stromimporte vs 1,8 TWh Stromexporte
  • März 2024: 1,3 TWh Stromimporte vs 0,5 TWh Stromexporte

Methodik: Monatssumme der stündlichen Import-Export-Salden

Die Gesamtbilanz seit April 2023 spricht ein klares Bild im Vergleich zu den Vorjahreszeiträumen:

  1. Mai 2023 – März 2024: 33,1 TWh Stromimporte vs 13,3 TWh Stromexporte
  2. Mai 2022 – März 2023: 8,1 TWh Stromimporte vs 28,2 TWh Stromexporte (Vorjahreszeitraum)
  3. Mai 2021 – März 2022: 9,9 TWh Stromimporte vs 30,8 TWh Stromexporte (Vorjahreszeitraum)

Methodik: Summe der stündlichen Import-Export-Salden im Zeitraum

Strombettler: Ist Deutschland abhängig von Importen?

Wir importieren in Spitzen bis zu 50% unseres Stromverbrauchs. Aber keine Sorge, wir sind nicht auf unsere Nachbarländer angewiesen.

Deutschland kann sich auch nach dem Atomausstieg mit rund 80 GW gesicherter Leistung selbst versorgen.2 Die Versorgungssicherheit leidet erst mit dem Kohleausstieg – wenn keine Erdgaskraftwerke als Ersatz gebaut werden.

Wir sind aber trotzdem in gewisser Hinsicht ein Strombettler geworden. Wir haben nämlich die Fähigkeit verloren, selbst genug günstigen Strom zu erzeugen, um unsere Nachfrage zu decken.

Unsere Nachbarländer können den Strom heute oft günstiger erzeugen als das in deutschen Kraftwerken möglich ist. Im europäischen Verbundnetz lohnt es sich also zu importieren.

Das heißt im Umkehrschluss natürlich, dass es früher günstiger war, Atomstrom zu erzeugen, statt zu importieren. Die deutsche Stromerzeugung ist ohne die Kernkraftwerke zu teuer geworden.

Deutschland kann also weiterhin genug Strom erzeugen. Aber wir können nicht genug günstigen Strom erzeugen.

Strommix: Anteile deutscher Stromimporte 2023

Ironischerweise macht Atomstrom den größten Anteil an unseren Stromimporten aus. Das ist auch kein Wunder, in Europa erzeugen Kernkraftwerke mehr Strom als alle anderen Kraftwerkstypen.

Der deutsche Importmix 2023 verteilt sich so:3

  • 17 TWh: Kernkraft
  • 15 TWh: Wind
  • 14 TWh: Wasserkraft
  • 6 TWh: Andere
  • 6 TWh: Erdgas
  • 6 TWh: Kohle
  • 3 TWh: Solar

Methodik: Gewichtung der stündlichen durchschnittlichen Stromerzeugung der Exportländer

Überraschend ist die Windkraft als unser zweitgrößter Import (fast 2/3 davon Onshore Wind). Bezogen auf die Gesamtstromerzeugung ist Deutschland bei der Onshore Windkraft ja selbst weit vorne. Wenn in unseren Nachbarländern genug Wind weht, um ihn zu exportieren, dann auch bei uns.

Vermutlich ist in diesem Strommix von Agora Energiewende nicht berücksichtigt, dass Importe aus Dänemark größtenteils Transits aus Norwegen und Schweden sind. Das heißt der Anteil von Wasserkraft und Kernkraft müsste eigentlich noch viel höher sein und der von Windkraft deutlich niedriger.

Immerhin ist der Stromimportmix sehr klimafreundlich und zwar deutlich klimafreundlicher als der deutsche Strommix. Tatsächlich müsste man aber auf den Importstrom das Marginalstromprinzip anwenden. Dann würden fossile Brennstoffe und skandinavische Wasserkraft eine weit größere Rolle spielen.

Herkunftsländer: Woher stammen Deutschlands Stromimporte?

Deutschland ist heute Europas größter Stromimporteur nach vielen Jahrzehnten als größter Stromexporteur.

Unseren Strom bezogen wir 2023 aus diesen Herkunftsländern:4

  • 10 TWh: Norwegen
  • 10 TWh: Schweden
  • 9 TWh: Frankreich
  • 8 TWh: Niederlande
  • 6 TWh: Schweiz
  • 6 TWh: Dänemark
  • 5 TWh: Belgien
  • 4 TWh: Tschechien
  • 3 TWh: Polen
  • 3 TWh: Österreich

Methodik: Monatssumme derjenigen Stunden zu denen Deutschlands Import-Export-Saldo negativ ist – nur für Dänemark Anteil der Importe am Stromerzeugungsmix berücksichtigt

Wenn man naiv aufsummiert führt Dänemark die Liste an. Dänemark ist allerdings ein Transitland für Strom. Die eigene dänische Stromerzeugung wird dominiert von Importen aus Norwegen und Schweden, besonders genau zu den Zeiten, wenn es Außenhandel zwischen Dänemark und Deutschland gibt.

Deshalb habe ich mir die Mühe gemacht, für Dänemark den jeweils stündlichen Anteil der Importe aus den Marktzonen NO2, SE3 und SE4 am Strommix zu berücksichtigen. In allen anderen Nachbarländern sollten die dortigen Importe keinen großen Anteil am Strommix ausmachen, deshalb habe ich diesen sehr hohen Aufwand dort nicht betrieben.

Importpreise vs Exportpreise: Verramschung deutschen Exportstroms

Den größten Anteil an unserem durchschnittlichen Export-Strommix 2023 machte die Windkraft aus mit 32%. Solar spielte mit 12% ebenfalls eine Rolle. Mit einer Marginalstrombetrachtung dürften Wind und Solar unseren Exportmix vermutlich klar dominieren.

Das heißt allerdings auch, dass wir vor allem zu windigen oder sonnigen Stunden Strom exportieren, wenn die Strommarktpreise niedrig sind. Unsere Exporte sind also wenig wert.

Umgekehrt importieren wir Strom vor allem dann, wenn eben nicht genug Wind und Sonne zur Verfügung stehen. Dann sind die Strommarktpreise hoch und unsere Importe entsprechend teuer.

Besonders krass war diese Preisdifferenz zwischen teuren Importen und billigen Exporten in den Sommermonaten 2023:5

  • Mai 2023: 10 Ct/kWh Importpreis vs 2 Ct/kWh Exportpreis
  • Juni 2023: 11 Ct/kWh Importpreis vs 4 Ct/kWh Exportpreis
  • Juli 2023: 10 Ct/kWh Importpreis vs 3 Ct/kWh Exportpreis
  • Aug. 2023: 11 Ct/kWh Importpreis vs 4 Ct/kWh Exportpreis
  • Sept. 2023: 12 Ct/kWh Importpreis vs 5 Ct/kWh Exportpreis
  • Okt. 2023: 11 Ct/kWh Importpreis vs 6 Ct/kWh Exportpreis
  • Nov. 2023: 11 Ct/kWh Importpreis vs 8 Ct/kWh Exportpreis
  • Dez. 2023: 12 Ct/kWh Importpreis vs 4 Ct/kWh Exportpreis
  • Jan. 2024: 10 Ct/kWh Importpreis vs 7 Ct/kWh Exportpreis
  • Feb. 2024: 7 Ct/kWh Importpreis vs 5 Ct/kWh Exportpreis
  • März 2024: 8 Ct/kWh Importpreis vs 5 Ct/kWh Exportpreis

Methodik: Stündlicher EEX-Preis Herkunftsland mal stündliches Import-Export-Saldo mengengewichtet summiert

Außenhandelsbilanz: Was kosten Deutschland die Stromimporte?

Nach allem, was man so über deutsche Stromimporte hört, sollte man meinen, dass die irre teuer sind.

Tatsächlich bewegen wir uns bei der Außenhandelsbilanz in einer Größenordnung von unter 2 Milliarden Euro pro Jahr:

  • 2015: € 0,6 Mrd.
  • 2016: € 0,7 Mrd.
  • 2017: € 0,8 Mrd.
  • 2018: € 1,7 Mrd.
  • 2019: € 1,3 Mrd.
  • 2020: € 0,6 Mrd.
  • 2021: € 2,2 Mrd.
  • 2022: € 5,3 Mrd.
  • 2023: € -1,6 Mrd.

Methodik: Stündlicher Import-Export-Saldo mal Großhandelspreis Day-Ahead summiert

Vor 2022 haben wir Strom im Wert von 1-2 Mrd. Euro pro Jahr exportiert. 2023 haben wir Strom im Wert von 1,6 Mrd. Euro importiert. 2022 war ein Ausnahmejahr, wegen der hohen Strombörsenpreise.

Sicher ist das ein Unterschied, aber alleine die Kosten für die EEG-Vergütung sind im zweistelligen Milliardenbereich.

3 populistische Mythen zu Deutschlands Stromimporten

Populisten streuen viele Mythen um Deutschlands Stromimporte seit dem Abschalten der letzten AKW.

1. Atomkraftgegner, wie Luisa Neubauer, reden zum Beispiel die Kernkraft klein. Es gäbe keine gestiegenen Stromimporte und es würde kein Atomstrom importiert werden.

2. Konservative, wie Jens Spahn, behaupten Deutschland wäre abhängig von Stromimporten und implizieren damit, wir könnten uns nicht mehr selbst mit Strom versorgen.

3. Energiewendefans, wie Stefan Krauter, behaupten, dass es gar keine hohen Importpreise und niedrigen Exportpreise gäbe unter wissentlicher Berufung auf falsche Zahlen (siehe unten).

Diese 3 Behauptungen sind reine politische Narrative ohne Wahrheitsgehalt. Wie leider viel zu oft in der Energiewendedebatte, wird getrickst und gelogen.

Falsche Zahlen: Import- & Exportpreise bei Energy-Charts

Das Portal Energy-Charts ist durch Themenauswahl und öffentliche Äußerungen politisch grün gefärbt. Allein, dass dort keine CO2-Intensitäten gezeigt werden, widerspricht dem selbst gesteckten Ziel die Energiewende-Diskussion zu versachlichen.

Aber jene Zahlen, die gezeigt werden, sind normalerweise solide und transparent. Mit den blockscharfen Daten und der Berücksichtigung von Industriestrom, ist Energy-Charts sogar die beste Quelle für Stromerzeugungsdaten.

Um so schockierender sind die bei Energy-Charts gezeigten Import- und Exportpreise. Überraschenderweise sind dort Import- und Exportpreise in jedem Monat gleich!

Mit der üblichen Methodik zur Außenhandels-Bilanzierung werden stündliche oder gar viertelstündliche Marktpreise berücksichtigt. Energy-Charts bildet hingegen einen monatlichen Durchschnitt und setzt somit die monatlichen Importpreise und Exportpreise willkürlich gleich.

Auf diesen Fehler aufmerksam gemacht, verweist Bruno Burger auf die Geo Arbitrage und Engpasserlöse. In den europäischen Strommarktzonen gibt es zum selben Zeitpunkt verschiedene Preise. Das ist aber ein völlig anderes Thema und hat fast nichts mit der unterschiedlichen Höhe unserer Import- und Exportpreise zu tun.

Der Grund, warum Deutschland hohe Preise für Stromimporte zahlt und nur wenig Vergütung für Stromexporte erhält, ist nicht Geo Arbitrage, sondern zeitliche Arbitrage. Wir importieren hauptsächlich dann, wenn die Preise in allen Zonen hoch sind und exportieren dann, wenn die Preise in allen Zonen niedrig sind.

Fazit: Stromimporte sind wenig relevant

Letztendlich sind die deutschen Stromimporte ein Nebenschauplatz. Von den 460 TWh Netzlast im Jahr 2023 wurden gerade einmal 7% von Importen gedeckt.

Die zusätzlichen Importkosten nach dem Atomausstieg sind mit wenigen Milliarden Euro pro Jahr überschaubar und immerhin profitieren unsere Nachbarländer von unserer neuen Importlust.

Die dreistelligen Milliardenkosten, die die deutsche Energiewende an anderer Stelle verursacht, sind hingegen kein Nullsummenspiel, sondern ein echter Wohlstandsverlust.

Wenn ein klimafreundlicher Kraftwerkspark aus AKW durch einen klimafreundlichen Kraftwerkspark aus Wind- und Solaranlagen ersetzt wird, profitieren einzelne Nutznießer, aber die Volkswirtschaft verliert.

Quellen

  1. Großhandelspreise EEX SMARD (2024)
  2. Kraftwerksliste Bundesnetzagentur (2024)
  3. Energiewende in Deutschland: Stand der Dinge 2023 Agora Energiewende (2024)
  4. Scheduled Commercial Exchanges & Actual Generation per Production Type ENTSO-e (2024)
  5. Kommerzieller Außenhandel EEX SMARD (2024)

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