Klimaanlagen sind der effektivste Hitzeschutz. Warum mögen wir sie nicht in Deutschland?
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Seit Jahren hören wir jeden Sommer, wie viele Hitzetote es wieder gibt.
Nun ist die effektivste Schutzmaßnahme vor dem Hitzetod nun einmal eine Klimaanlage.
Jeder Raum kann auf die gewünschte Temperatur heruntergekühlt werden.
Trotzdem spielt die Klimaanlage selbst in Hitzeschutzplänen kaum eine Rolle.
Das ist ungefähr so absurd, wie beim Kälteschutz nicht an Heizungen zu denken.
Warum lehnen viele Deutsche Klimaanlagen so stark ab?

Welche Temperaturen bringt der Klimawandel nach Deutschland?
Der Klimawandel ist bereits Realität, wie wir an den Temperaturrekorden in jedem neuen Jahrzehnt sehen.
Wir sind im globalen Mittel bereits bei Lufttemperaturen von ~1,5° über dem Mittelwert der Jahre 1850 bis 1900.
Bis 2100 wird sich die Erde weiter erwärmen auf insgesamt zwischen 2°C (RCP 2.6) bis 3°C (RCP 4.5).
Bis 2050 führt dies in Mitteleuropa zu weiteren 0,9 – 1,5 °C Temperaturanstieg verglichen mit den Jahren 1995 bis 2014.1
Die Tageshöchsttemperaturen werden im gleichen Zeitraum überproportional steigen, um 1,5 – 2,1 °C in Mitteleuropa.
Kühlgradtage, an denen Klimaanlagen laufen, steigen bei uns bis zum Jahr 2050 von 134 auf 170 (RCP 2.6) bis 198 (RCP 4.5).
Hitzeschutz macht also selbst im kalten Deutschland in Zukunft mehr Sinn. Und der effektivste Hitzeschutz sind Klimaanlagen.

Klimaanlagen: International ein Verkaufsschlager
In den USA, Japan und Südkorea haben bereits 9 von 10 Haushalten Klimaanlagen. Auch in Bangkok, Singapur und Saigon ist eine fehlende Klimaanlage aus meiner Erfahrung ungewöhnlich.
In Europa hat hingegen nur jeder 5. Haushalt eine Klimaanlage. Die meisten davon sind vermutlich in Südeuropa verortet. In deutschen Haushalten sind Klimaanlagen die Ausnahme.
Auch in Zukunft werden Klimaanlagen in Haushalten in Europa laut einer Prognose der IEA eher eine Randerscheinung bleiben, aber ein Großteil der kommerziellen Flächen werden klimatisiert sein.2
Das liegt natürlich daran, dass Deutschland auf Platz 199 der wärmsten Länder ist. Wir sind mit weniger als 200 Kühlgradtagen ein sehr kaltes Land.
Jenseits der 1000 Kühlgradtage macht Klimatisierung deutlich mehr Sinn, egal ob in Arizona, Alexandria oder Australien.
Aber Klimaanlagen fehlen auch in Deutschland und zwar zum gezielten Schutz der von Hitze bedrohten Bevölkerung.

Must Have: Klimaanlagen in Krankenhäusern, Alten- & Pflegeheimen
Für den Großteil der Bevölkerung bieten Klimaanlagen im Haushalt lediglich einen gesteigerten Komfort.
Für Remote-Worker im Home-Office kommt noch eine merkbar gesteigerte Produktivität im Sommer hinzu.
Vom Hitzetot sind fast nur Über-65-Jährige bedroht. Eine echte Gefahr sind die heißen Tage ab einem Alter von 85. 3
Zumindest die Ältesten sollte man gezielt schützen. Warum also sind selbst viele Krankenhäuser sowie Pflege- und Altenheime in Deutschland nicht klimatisiert?
Wenn es nach ZDF-Moderatorin Slomka geht, dann weil Klimaanlagen „ökologisch total unkorrekt“ sind. Das ist so pauschal aber falsch.

Marginalstrom: Deutsche Klimaanlagen laufen meist mit Ökostrom
Wir haben in Deutschland bereits so viele Solaranlagen, dass sie und zusätzlich Windräder an sonnigen Tagen abgeregelt werden müssen.4
Eine Klimaanlage verbraucht genau an solchen sonnigen Sommertagen Strom, wenn er im Überfluss vorhanden ist und sogar zu Minuspreisen entsorgt werden muss.
Man spricht davon, dass der sogenannte Marginal-Strommix an einem sonnigen Sommertag zu 100% aus klimafreundlichen Solar- und Windstrom besteht.
Die sinnvolle Verwendung des ansonsten abgeregelten Stroms ist nicht nur klimafreundlich, sondern senkt sogar die EEG-Subventionskosten und nützt damit der Energiewende.
Dazu braucht man auch keine eigene Solaranlage, wie in deutschen Medien behauptet wird. Es ist völlig egal ob der klimafreundliche Strom von deinem Dach oder vom nächsten Solarpark kommt.
Klimaanlagen sind so klimafreundlich wie kaum ein anderer Stromverbraucher. Sie sollten aber nicht nach Sonnenuntergang laufen, denn bei Dunkelheit wird der deutsche Marginal-Strommix noch für Jahrzehnte von Erdgas und Kohle dominiert.

Ablehnung: 3 Gründe gegen Klimaanlagen
Es werden gegen Klimaanlagen vor allem 3 Gründe vorgebracht:
- Sie verbrauchen viel Strom
- Kühlmittel-Lecks sind klimaschädlich
- Sie verstärken den Wärmeinseleffekt in Städten
Stromverbrauch zur richtigen Zeit (1.) macht Klimaanlagen in Deutschland sehr klimafreundlich. Es ist ein oft wiederholter Irrglaube, dass Strom nur klimaschädlich erzeugt wird.
Moderne Klimaanlagen verwenden keine teilfluorierten Kohlenwasserstoffe (2.) mehr, sondern natürliche Kältemittel mit einem tausendfach geringeren Treibhauseffekt wie Propan oder Kohlendioxid.
Dass Klimaanlagen die Umgebungstemperatur aufheizen (3.) stimmt natürlich. Solange wir aber nicht einmal versuchen, den deutlich stärkeren Albedo-Effekt zu vermeiden, halte ich diesen Grund nur für vorgeschoben. Mir ist auch noch nie als Argument gegen Wärmepumpen zu Ohren gekommen, dass sie die Außentemperatur senken. Fände ich genau so schwer das ernst zu nehmen…
Kleine Wärmepumpen: Split-Klimaanlage zum Heizen
Eine Klimaanlage ist letztendlich nichts anderes als eine kleine Luft-Luft-Wärmepumpe.
Man kann sie also auch zum Heizen benutzen und zwar deutlich effizienter als mit einem Heizlüfter.
In der Übergangszeit kann ein Split-Klimagerät sogar als einzige Heizquelle eines Raumes ausreichen.
Im Winter ermöglicht sie als Zusatzheizung das Drosseln einer klimaschädlichen zentralen Ölheizung.
Eine solche sogenannte Hybridheizung ist deutlich günstiger als eine große Wärmepumpe bei ähnlichem Effekt.
Zum Thema Split-Klimagerät zum Heizen kann ich den Youtube-Kanal Akkudoktor sehr empfehlen.
Die Heizgradtage nehmen bei uns durch den Klimawandel zwar um den Faktor 5 schneller ab als die Kühlgradtage zunehmen, aber wir werden immer heizen müssen.
Fazit: Keine Angst vor Klimaanlagen!
Klimaanlagen sind der effektivste Hitzeschutz und weder in der Anschaffung noch im Betrieb besonders teuer.
Mit dem deutschen Marginal-Strommix an heißen Tagen können sie nahezu emissionsfrei betrieben werden.
Die deutsche Angst vor Air Conditioning ist äußerst befremdlich und Ausländern nicht erklärbar.
Statt über „Hitzetelefone“ zu diskutieren und Hitzeschutzpläne zu erstellen, sollten wir Klimaanlagen nutzen.
Klimaanlagen als Hitzeschutz sind in Altenheimen, Pflegeheimen und Krankenhäusern ein Nobrainer.

Exkurs 1: Was ist der Marginal-Strommix?
Wenn ich einen neuen Verbraucher ans Stromnetz nehme, will ich wissen, welches sogenannte Grenzkraftwerk hochregeln muss, um die dazu gekommene Last zu decken.
Den größten Teil des Jahres ist in Deutschland der Strom aus klimafreundlichen Wind- und Solaranlagen nicht ausreichend zur Deckung der kompletten Nachfrage.
Selbst mit den Ausbauzielen für 2030 kommt 69% der Zeit der Zusatzstrom aus einem regelbaren Kraftwerk, also Kohle oder Erdgas.
Deshalb sind zum Beispiel Wärmepumpen deutlich klimaschädlicher, als man nach dem Durchschnitts-Strommix erwarten würde.
Umgekehrt kann der Marginal-Strommix klimafreundlicher sein als der Durchschnitts-Strommix. Das ist immer dann so, wenn Wind- und Solaranlagen ansonsten abgeregelt werden müssen.
Man erkennt solche Zeitpunkte an einem Spotmarktpreis, der 0 oder negativ ist. Zu diesen Zeiten können Wind- und Solaranlagen die Last abzüglich von Must-Run-Kraftwerken decken.
Der Durchschnitts-Strommix ist für Jahresbilanzen zum Stromverbrauch nützlich. Für die CO2-Intensität von Zusatzstrom muss man aber Ursache und Wirkung beachten und Doppelzählungen vermeiden.
Exkurs 2: German Angst vor Zugluft?
Klimaanlagen sind weltweit als sehr effektive und kosteneffiziente Form der Hitzeanpassung bekannt. Warum sind sie quasi ausschließlich in Deutschland verpönt?
Auch andere schlaue Menschen sind verwundert und suchen Erklärungen:
- Axel Bojanowski glaubt die typische deutsche Technikfeindlichkeit zu erkennen, wie auch bei Gentechnik und Atomausstieg.
- Julius Böhm meint, dass Klimaanlagen bei der Panikmache vor dem Klimawandel nur stören.
- Christian Rieck meint sogar einen verdeckten Anti-Amerikanismus in der Ablehnung von Klimaanlagen zu erkennen
Ich habe meine eigene Verschwörungstheorie: Auf meiner 7-jährigen Weltreise musste ich mir eingestehen, dass wir Deutschen eine tiefsitzende Angst vor Zugluft haben, die aber völlig unbegründet ist.
Nur in Deutschland macht Zugluft angeblich krank. Woanders auf der Welt wird bewegte Frischluft nicht als gesundheitsschädlich gesehen, sondern bei Hitze als wohltuend.
Quellen
- RCP2.6 & RCP4.5 CMIP5 – WGI Interactive Atlas IPCC (2021)
- The Future of Cooling – IEA (2018)
- Wochenbericht zur hitzebedingten Mortalität Robert-Koch-Institut (2025)
- Erzeugung, Last & Marktpreise Bundesnetzagentur SMARD (2025)






Ich habe ein Haus ohne Stromanschluss (in Bayern, aus Protest gegen Kernenergie).
Alles läuft mit PV und Akkus, nur zum Kochen im Winter nutze ich Flüssiggas.
Mit zwei Klimaanlagen werden tagsüber die Schlafzimmer auf 17 Grad gekühlt,
um 22 Uhr haben sie dann wieder 20 Grad, ideal zum Schlafen.
Ansonsten bliebe der PV-Strom ungenutzt.
Für Quartiere (ganze Siedlungen) wäre eine noch bessere Lösung die „Kalte Fernwärme“,
da würde die Wärme gespeichert für Tage, die eine Heizung brauchen.
Mit „Kalter Fernwärme“ hätte man keine Aufheizung von Städten, sondern eine Kühlung.
http://www.kalte-fernwaerme.de
Alois Zimmermann
Wenn man Klimaanlagen vor Sonnenuntergang abstellt, wie es hier im Artikel nahegelegt wird, ist das sehr ungünstig, denn dann erwärmt sich die Wohnung noch ein paar Stunden lang durch die nach wie vor im Freien „stehende“ Hitze und über Nacht ist es dann unangenehm warm in der Wohnung, der Schlaf ist nicht so tief wie er sein sollte. Man sollte deshalb die Klimaanlage so lange weiter laufen lassen bis es draußen unter 25 Grad ist.
In Kalifornien musste in den vergangenen Jahren mehrfach im Sommer abends in Teilregionen der Strom abgeschaltet werden weil zu wenig Solarstrom produziert wurde und der Strombedarf durch die weiter laufenden Klimaanlagen sehr hoch blieb.
Stimmt natürlich. Eine Optimierung wäre es die Räume tagsüber extra stark runterzukühlen. Wenn man das optimal schafft, lässt sich die AC komplett mit Solarstrom betreiben.